Heute langweile ich euch mal.
Ilja Schneider (2496, W'dorf) -
Valery Atlas (2427, Hohenems),
Staatsliga Österreich 2009/2010 (3)
- Das ist die Partiestellung nach 17...Dxd4.
- Das ist, wie ihr euch auch mit Sicherheit gedacht habt, kompletter Ausgleich.
- Das Schlimme ist: Das ist meine Vorbereitung.
- Noch schlimmer ist es, dass meinem Gegner diese Stellung als
Variante aus einer eigenen Partie bekannt war.
- Das Allerschlimmste ist allerdings, dass mir das alles auch klar war.
- Oder auch, dass ich mich trotzdem nicht einmal hier richtig "auskannte".
Kennt ihr das? Man bereitet sich lang und intensiv vor. Man dreht und wendet buchstäblich die gesamte MEGAbase auf links, auf der verzweifelten Suche nach einem "Plus-Gleich" für Weiß oder einem "Gleich" für Schwarz. Man kann sich nicht entscheiden, immer wieder wird der Dossier-erstellte Baum mit den gegnerischen Partien noch und nochmal durchgeklickt, am Anfang noch motiviert, am Ende geschehen die Klicks schon fast mechanisch, scheinbar ohne jeden Zusammenhang zu den Figurenbewegungen auf dem Brett. Die Varianten brennen sich in die Augen wie Sandkörner, man kann sich nicht entscheiden, alles Sch... und man geht ohne eine Lösung gefunden zu haben, "schlafen".
Nach dem "Aufwachen", oder besser gesagt
Aufstehen oder
Aufquälen (geschlafen hat man ja nicht wirklich, denn die schwarzweißen Springer und Läufer, Türme und Bauern können sich gegenseitig ja auch mit geschlossenen Augen nicht in Ruhe lassen und das vergossene Holzblut verursacht auch nach dem Zubettgehprozess ein Brennen in den Augen, dass an zusammenhängenden Schlaf nicht mehr zu denken ist! ) stellt man also total überrascht fest, dass in den zur Runde verbleibenden 40 Minuten (danke Null-Toleranz!) aus dem großen morgendlichen Tätigkeitspool, der u.a.
- Duschen, Beißerchen putzen...
- Frühstück
- etwas Ordentliches zum Anziehen finden
- weiter vorbereiten
- noch ein bisschen chillen
- ...
umfasst, längst nicht mehr alle Punkte zeitgerecht abgearbeitet werden können. Man entscheidet sich also für Fisch (Rybka) zum Frühstück, duscht 3 statt der sonst präferierten 30 Minuten (Gott sei Dank braucht der Rechner so lange zum Hochfahren!) und hängt sich, badetuchbekleidet wieder vor den Monitor, genauso wie etwa schlappe 5-6 Stunden zuvor. Entgegen des volkstümlich weit verbreiteten Irrtums
"Morgenstund' hat Gold im Mund!"
(Definitiv kein Zitat von Dennes Abel!)
kommt die sehnlichst erwartete rettende Idee auch morgens nicht, also greift man sich etwas raus, wo das blöde Rybka so um die +0,37 Vorteil anzeigt (Zeit, herauszufinden
warum das so ist, hat man dann definitiv keine mehr!), klappt das Notebook wieder zu, findet in der Eile nur noch die Socken vom gestrigen Tage und verlässt fluchtartig das Hotelzimmer, um noch pünktlich am Brett zu sitzen.
An guten Tagen schafft man es dann noch, am Frühstücksbuffet
en passant, etwa so im Stile eines
Seeadlers ein Glas O-Saft abzugreifen. Oder wenn es Croissants gibt, dann auch ein Croissant oder zwei.
Sonntag war leider kein guter Tag. Seit den Zeiten der türkischen Besatzung ist in Jenbach anscheinend leider kein einziges Croissant übriggeblieben, nicht mal ein ganz kleines für den Zoodirektor. Ich hätte aber auch eh fast keine Zeit mehr gehabt, es zu essen. So kann man natürlich nicht gut Schach spielen. Wer weiß, sonst hätte ich vielleicht in dieser Stellung:
nach
18.Tae1 (Rybkas Vorschlag, droht auf a8 zu nehmen!)
18...h6 (durchaus möglich auch sofort 18...Tad8) sogar noch alle Kräfte mobilisiert und das teuflische 19.b3!? gefunden (ich zog
19.Db3?! wonach
a5! kam, und wirklich gar nichts mehr los war). Nach 19.b3 erschien uns beiden auch hier 19...a5? als die richtige Antwort, dann kommt allerdings 20.Td1! und Weiß gewinnt überraschend in allen Varianten einen Bauern oder verbleibt mit einem sonstigen strukturellen Vorteil. Hätte man durchaus mal probieren können.
So wie es kam, macht die Partie dagegen einen durchaus lächerlichen Eindruck, und ich verrate euch ein Geheimnis: Sie ist es auch.
Ein paar Bilder aus Jenbach:
... wo die Welt zweifelsfrei noch in Ordnung ist.
So eine Aussicht ist in dieser Gegend einfach an jeder Ecke. Man muss einfach mal sein Schachspielerköpfchen vom Brett oder vom Monitor abheben! Richtig zum neidisch werden manchmal ...
Bald ist Weihnachten, Freunde! Eure Towarischtschi aus Ohrid hoffen sicher mit euch!
Die Schwarzpartie gegen Philipp Schlosser kommentiere ich noch bei Gelegenheit. Wenn die Angewidertheit wenigstens etwas abgenommen hat ;-). Insgesamt waren meine 1,5/3 so ziemlich ELO- und leistungsgerecht.
Kaffeehausschach - Mo, 9. Nov, 12:48