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Stiftung Zeitungstest

Donnerstag, 27. August 2009

Lieber Michael Schönherr...

... zunächst einmal vielen Dank für das große Vergnügen, das mir die Lektüre der neuen Ausgabe Ihrer Schach-Zeitung im Vergleich zum letzten Mal bereitet hat. Also nicht, dass sich am Inhalt irgendetwas Wesentliches zum Positiven verändert hätte. Gott bewahre, nein. Das hätte ich auch nie wirklich erwartet. Aber dafür musste ich ja auch gar nicht lange blättern. Das Vorwort "Von Rednern und Machern" auf Seite 3, das ist wirklich klasse.

schach-zeitung2

Ne, wirklich. Besser kann man eigene Verbittertheit, sowie den Unwillen mit sachlicher Kritik umzugehen, die ja anscheidend wie eine doppelte Portion Laxativum bis in den entlegendsten Enddarmtrakt der Redaktion eingeschlagen haben muss, wahrlich nicht demonstrieren. Bravo! Ich darf dem Leser an dieser Stelle einmal ein paar Passagen aus dem Text zitieren.

Zu welcher Kategorie von Mensch gehören Sie?

Zu den Rednern oder zu den Machern?

Hm, so ein bisschen Schubladendenken schadet ja nie... Gucken wir weiter...

Wenn Sie zu den Machern gehören, herzlichen Glückwunsch. Sie sind mir sehr sympathisch.
Wobei der Fortlauf des Textes natürlich die Frage aufwirft, wie erstrebenswert dieses Ziel eigentlich ist...

Neben den Machern gibt es die Redner. Das sind die, die reden und reden und reden... Und die haben Ideen, die super sind. Mensch, was könnten die alles machen. Aber sie reden nur. [...] Tun Sie sich einen Gefallen: Werden Sie endlich ein Macher, [...]!
Aber überlegen Sie sich vorher bitte genau, ob Sie dazu überhaupt die Fähigkeiten und das Know-How haben, Sie sehen ja, wie es sonst endet!

Ganz schlimm sind Redner, die dann auch noch einen sogenannten Blog im Internet eröffnen und ihr Gerede in Schrift veröffentlichen.
Na, bei der Bundestagswahl besteht ja zum Glück demnächst die Möglichkeit, durch eine entsprechende Stimmabgabe etwas gegen übertriebene Meinungsfreiheit im Internet zu unternehmen. Bald erscheinen beim Anklicken von Schachblogs große rote Stop-Schilder.

Sehr bedenklich ist die Tatsache, dass solche Gedanken [es geht i.W. um die auf dieser Seite geschilderte Kritik, I.S.] von Schachfreunden veröffentlicht werden, von denen man ja eigentlich intelligente Äußerungen erwarten dürfte.
Das ist natürlich schade... Kann man daraus eigentlich wenigstens im Umkehrschluss ableiten, dass die von Nichtschachspielern zu erwartenden Äußerungen sich auf einem geringeren intelektuellen Niveau bewegen müssten? Wie sieht es eigentlich mit Ihren Schachkünsten aus?

Das Internet ist ein großer See, in den jeder reinpinkeln kann, ohne dabei beobachtet zu werden.
Zusammen mit einer weiteren, hier unzitierten Stelle, wo es um "Hinterlassenschaften von Hunden" geht, stellt sich mir doch die Frage, ob das für ein Vorwort einer ach so seriösen Zeitung nicht doch ein paar Fäkal-Vergleiche zuviel sein könnten. Ach ja, bevor jemand fragt: Für den Schachzoo gilt diese Einschränkung übrigens nicht :-) ; weder hat er den Anspruch, seriös zu sein, noch müssen seine Leser 4,80€ für Zugang bezahlen.

Und zum krönenden Abschluss drei Ratschläge auf den Heimweg:
Wie auch immer, bleiben Sie aufmerksam und wachsam.
Ja, das war doch jetzt eigentlich mein Text, sollte Kritik (im Internet) nicht gerade noch für illegitim, wenn nicht gar für illegal erklärt werden?

Und vor allem: Seien oder werden Sie ein Macher!
Also doch die Fronten wechseln und lieber andere Menschen übers Ohr hauen?

Und nicht vergessen: Wer nichts weiß, muss alles glauben!
Freunde! Das ist der wichtigste Satz im ganzen Text. Kauft euch ein einziges Mal diese Zeitung oder blättert die wenigstens
am Bahnhof durch. Dann wisst ihr auch, wovon ich rede und müsst mir eben nicht alles aufs Wort glauben.

Wie Sie sehen, das Vorwort verfehlt seine Wirkung nicht. Man kann eine Menge wichtiger Dinge lernen. Aber irgendwas sagt mir, der Titel "Von Rednern, Machern und Betrügern" hätte es noch etwas besser getroffen.

Donnerstag, 13. August 2009

Rezension der SCHACHWELT

Schachwelt

Wie angekündigt, nun meine Rezension der neuen SCHACHWELT, wobei ich mich auf die sog. "Nullnummer" beziehe, die auf der Homepage der Zeitung kostenfrei zum Download bereitgestellt wurde. Die erste käufliche Ausgabe des neuen "Magazins für Schachspieler" [edit 10:09: (oder doch Vereinsspieler?, wie auf dem obigen Logo zu sehen - Jungs, einigt euch mal bei Gelegenheit! - lol)] , welches unter Leitung von GM Jörg Hickl herausgegeben wird und zahlreiche weiter hochkarätige Großmeister in seinen Reihen enthält, soll dann Mitte September herausgebracht werden.
Es fühlt sich zwar ein bisschen seltsam an, eine Rezension zu erstellen, ohne etwas Greifbares in den Händen zu halten (ein pdf-File hat gewiss weniger Aura als ein fertiges Heft!) aber das sollte einem objektiven Urteil hoffentlich nicht im Wege stehen.


Layout

Hier kann der Newcomer zu Beginn schon mal gut punkten. Es fallen sofort einige positive Punkte ins Blickfeld, wie etwa der Einsatz von verschiedenen Schriftarten für die Überschriften, Texte, Bildunterschriften, Notationen, Zitate usw. , was das Lesen angenehm übersichtlich macht. Zu diesem Eindruck trägt auch die in vielen Fällen verwendete graue Farbe der Überschriften bei. Was ich auch schön finde, sind z.B. die Turniertabellen und das häufig benutzte Abtrennzeichen "|" , welches trotz seiner Eleganz sowohl in gedruckten Medien als auch im Internet (Ausnahme: www.neon.de) sehr selten Verwendung findet. Das Logo der Zeitschrift, die gesunde grüne Farbe und einige Farbfotos, von deren Qualität die RE nur träumen kann (ich hoffe, diese Qualität bleibt im Druckerzeugnis erhalten!) im Vergleich zum etwa bei der Schach-Zeitung dominierenden Leichenhallengrau laden ebenfalls zum Schmökern ein. Das Design macht also einen durchaus durchdachten Eindruck.

Einige Kritik wert wären dagegen die meiner Meinung nach hässlichen dunklen Ränder um die Diagramme (sehen aus wie Augenringe nach einer durchzechten Nacht und die Angabe der Felderkoordinaten finde ich als Leser persönlich absolut entmündigend - ich kaufe mir ja auch zum Schreiben kein Schreibheft aus der 3.Klasse mit Hilfslinien!), sowie die ausgesprochen unüblichen, langgezerrten Bauern. Ein Bauer muss für mich schön knubbelig sein, nicht so ein Spargeltarzan.
Außerdem finde ich es sehr schade, dass in den Partienotationen die Bezeichnungen K|D|T|L|S Verwendung finden und keine Figurinen. Erstens sind Figurinenbewegungen deutlich leichter im Kopf nachzuvollziehen, zweitens disqualifizert sich das Magazin auf diese Weise in bedeutendem Maße für die in Deutschland in der Schachszene nicht gerade unterrepräsentierte (russisch- und sonstig-) fremdsprachige Community.

wrb bis weid

Ohne die genannten Kritikpunkte hätte ich ohne zu zögern eine glatte Dame vergeben. An einen König war an dieser Stelle nicht zu denken, weil ich einfach nicht weiß, wie das Papier sein wird, und wie die Farbfotos rauskommen werden.


Inhalt

Solide. Natürlich (nicht nur aus der Sicht eines SCHACH-Autors) kann der Bericht aus Dortmund in Sachen Quantität und Qualität nicht mit dem von Dirk Poldauf in der SCHACH mithalten (was zu versuchen allerdings ähnlich aussichtsreich wäre, wie etwa zu versuchen, bei Kramniks Anwesenheit Dortmund zu gewinnen!), aber er ist gut, komplett, hat eine Einführung und eine Zusammenfassung und es werden 6 Partien in hinreichender Weise analysiert. Was halt fehlt, ist diese besondere Etwas, was die Lust bereitet, den Artikel noch und noch mal lesen zu wollen. Bei Dirks Reportagen gehört für mich dieses Gefühl zur Tagesordnung, hier eben nicht.
Schwarzärgern könnte man sich an dieser Stelle natürich noch über die recht phantasielose Auswahl der Partien, denn sie alle sind auch in anderen Schachmedien zu Genüge besprochen worden. Nun ist es naturgemäß gerade in Dortmund so, dass man nicht gerade von vorzeigbaren Partien gesegnet wird, aber warum man in der Bazna-Reportage bei nur 2 Partien gerade die vielzitierten Ivanchuk-Shirov und Shirov-Nisipeanu-Duelle reinnehmen musste, wo doch auch sonst ausreichend Kampfschach pur geboten wurde, ist mir nicht klar. Nicht, dass es jetzt eine typische SCHACHWELT-Macke wäre, das Einheisfernsehen-Problem zieht sich seit Jahren durch alle Schachzeitschriften (mit Ausnahme der ROCHADE, die dankenswerter Weise mehr bringt!) wie ein Bandwurm. Ist das größte Problem des Schachs angeblich die Remisseuche, ist selbiges für die Schachberichterstattung eindeutig, dass dem Leser überall die gleichen Partien präsentiert werden.

Zurück zur SCHACHWELT.

Ich kann jetzt natürlich nicht die ganzen Rubriken im Einzelnen besprechen, die zumeist einen durchdachten, kompetenten und zusammen einen umfassenden Anblick hinterlassen, (immerhin sind in den meisten Fällen Hochkaräter wie GM Jörg Hickl, GM Artur Jussupov, GM Christopher Lutz oder der ROCHADE-Mitarbeiter IM Frank Zeller am Werk, wäre auch schlimm, wenn da Unsinn stünde!) sondern nur den Gesamteindruck vermitteln, den das Ganze auf mich macht. Was mir an der SCHACHWELT dabei sehr missfällt, würde ich gern an einem Beispiel verdeutlichen.

Wenn ich etwas über Anlagestrategien auf dem Finanzmarkt lernen will, decke ich mich zunächst in der Buchhandlung mit entsprechender Fachliteratur ein. Nach ihrem intensiven Studium ist dann irgendwann der Moment gekommen, wo ich denke, dass ich bereit bin, mein Geld in Aktien zu investieren. Dann erst hole ich mir am Kiosk die Tageszeitung mit den aktuellen Kursen und informiere mich über die tagesaktuelle Lage.
Genauso ist es mit Schachzeitungen. Von einer Schachzeitung/Magazin erwarte ich, ganz im Gegensatz zu einem Buch, dass dieses mich über aktuelle Geschehnisse informiert und nicht vordergründig, dass es mich belehrt. Das gilt sowohl für starke Spieler als auch für Amateure.

Dummerweise hat ein Gros der Artikel der SCHACHWELT in meinen Augen keinerlei aktuellen Bezug. Sogar die Partie des Monats ist Topalov-Kamsky vom Februar - warum??
Die Texte könnten genauso im Jahre 2004 oder im Jahre 2014 erschienen sein - und niemand würde den Unterschied merken. Wo bleibt da die journalistische Leistung? Dazu kommt noch dazu dass der (sehr lehrreiche) Artikel "Schmetterlingseffekte" von Prof.Dr.Christian Hesse und der Trainingsartikel von Jussupov anscheinend (ggf. korrigieren!) Abschriften aus bereits lange veröffentlichten Büchern der Autoren sind. Ich will aber für etwas bezahlen, für dessen Zusammenstellung auch Mühe verwendet wurde, nicht für Wiederholungen. Was wenn ich das Buch schon habe?

Nichtsdestotrotz muss ich natürlich erwähnen, dass ich von der Qualität der allermeisten Artikel (außer dem Dämonen-Artikel, den ich nicht las und dem Bruno-Bolzer-Text, den ich nicht durchhielt) ziemlich angetan bin, und für auch schwächere Spieler sollte dieses noch in höherem Maße gelten. Mit auswuchernden Variantenbäumen überfordert wird jedenfalls niemand.
Auch die Rezensenten trauen sich lobenswerterweise bei den Buchbesprechungen teilweise unterhalb der Bestnote zu bleiben, was ja heutzutage anscheinend keinesfalls Usus ist.
Der Terminkalender ist vom Gehalt und vom Design her sogar ein echtes Glanzstück. Bei der "Vorschau" zur OIBM Bad Wiessee, die etwa so gut zum Rest der Zeitung passt, wie ein Igel in ein Luftballongeschäft, stimme ich zu 100% dem Schachblog zu.

wbb Das ist mir persönlich alles ein bisschen zu bieder, zu wenig heavy, zu wenig Schach. Und das bei diesem Personal! Ich bin gespannt, wie sich die Rubriken weiterentwickeln.


Preis

Der Preis ist für den Käufer eine ausgesprochen positive Überraschung. 3,90€ sind bei der vorhandenen Konkurrenz für ein Magazin mit einigen bunten Bildern und gut bedruckten Seiten ein faires Angebot. Durch ein Abo lässt sich der Preis sogar noch auf 3,67€ reduzieren.
Allerdings wären bestimmt viele Leser bereit, für mehr Inhalt noch etwas mehr zu bezahlen. Die Zielgruppe der SCHACHWELT kommt ja nun eindeutig aus gediegenem Hause, wo es auf einen oder zwei Euro eher nicht ankommt.

weid für den Preis


Und die Moral von der Geschicht:

Obwohl ich mir die Zeitung kaufen werde, konnte ich wohl kaum verbergen, dass ich vom Inhalt gewiss etwas enttäuscht bin. Ich meine, bei dem Autorenteam, bei den ganzen 2500ern, will ich da pures, hartes Schach sehen, ich will, dass die GMs richtig arbeiten, schwitzen und das Feuer, was sie am Brett zünden können, auch auf die Zeitung übertragen und die Menschen begeistern. Stattdessen habe ich eher das Gefühl, dass die Herren ihrem DWZ 1900-Publikum genau das gleiche Programm abspulen, wie in der ersten Runde eines Opens : Solide, steril, technisch veranlagt, Hauptsache keine Fehler machen ... Frank Zeller, ein scharfer Angreifer und Kombinator mit frischen, begeisternden Ideen - warum in Gottes Namen analysiert er in der ersten Ausgabe symmetrisches Italienisch? Ich verstehe es nicht. Warum kein Königsgambit oder Najdorf? Was wäre daran falsch?
Aber gut, genauso wie ein Open voranschreitet, die Gegner stärker werden und die Partien spannender, so wird es hoffentlich auch für die nächsten Ausgaben der SCHACHWELT der Fall sein. Da kann ruhig noch mehr Pep rein.
Bis dahin gibt es erstmal

wbb bis wrb

Donnerstag, 6. August 2009

Schach-Zeitung (der Versuch einer Rezension)

Schach-Zeitung

Nachdem die besonders auf der Schachbund-Seite vielbeworbene
Schach-Zeitung jetzt seit geraumer Zeit auch im Bahnhofszeitschriftenhandel verfügbar ist, trage ich schon länger die Idee mit mir herum, eine Rezension über dieses neue Magazin, was sich vorwiegend an Spieler der untereren Spielklassen richten soll, zu verfassen. Bei der ersten Ausgabe reichte es allerdings nie für einen Kauf, sondern nur für das mehrmalige Durchblättern, immer wenn ich ein Luftpolster auf dem Karlsruher Bahnhof hatte. Leider war mir dabei nichts, aber auch wirklich nichts aufgefallen, wo man mit dem Auge gerne länger als 5 Sekunden drauf hätte verweilen wollen. Auch die lesenswerte Einschätzung bei Schachblätter widersprach meiner Einschätzung kaum. Doch ich beschloss, dass ich die interessanten Stellen bestimmt einfach überblättert haben musste und nahm mir vor, unbedingt die nächste Ausgabe käuflich zu erwerben und einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Auf der Fahrt nach Mainz war es soweit. Nun liegt also die August-Ausgabe der Schach-Zeitung mit Carlsen-Konterfei hier vor mir. Gehen wir mal die Anklagepunkte durch :-) :


Layout

Oberflächlich betrachtet, ist das Layout zufriedenstellend. Die Papierqualität ist hervorragend (auch vom Geruch her, was ich bei Druckerzeugnissen sehr sehr wichtig finde!) und die Textschrift ist groß und übersichtlich. Die Bindung ist auch gut, die Seiten blättern beim Umblättern nicht zurück, wie etwa bei der NEW IN CHESS, das Einzige, was man dieser hervorragenden Zeitung außer vielleicht eines nicht immer regelmäßigen Erscheinungszeitpunkts vorwerfen könnte.
Bei zweitem Blick treten aber auch die Negativa zu Tage:
  • Die Figurinen in den Diagrammen sind keinesfalls besonders übersichtlich, Darstellungsfehler kommen schon mal vor.
  • In den Notationen wirken die Figuren im Vergleich zum Text abgehoben und versetzt, was die Lesbarkeit verringert.
  • Die Turnierangaben bei den Partiedaten sind sehr gedrungen, weil komischerweise versucht wird, alles in eine Zeile zu pressen.
  • Werbung ist nicht immer glücklich eingefügt, auch wenn man damit natürlich nicht die ROCHADE noch unterbieten kann.
  • Der viele leere weiße Platz und die riesigen unbedruckten Ränder sind absolut befremdlich und vermitteln einen Eindruck wie ein Schularbeitsheft.
  • Die Karikaturen sind teilweise ganz nett gemacht, passen aber nicht wirklich immer und wirken doch sehr platt. Außerdem sollten diese sich BITTE nicht über die Ausgaben hinweg wiederholen!
  • Ich sollte mich vermutlich nicht über die Druck- und Rechtschreibfehler anderer beschweren, aber ein Korrektor würde den finanziellen Rahmen des Schachzoos leider sprengen. Bei einer Zeitung erwarte ich ihn allerdings schon.
wbb für das Layout. Das Papier ist wirklich schön. Schade für den betroffenen Baum.


Inhalt

Kann gut und gerne auch als Inhaltslosigkeit bezeichnet werden. Es gibt im ganzen Heft genau einen Artikel, (über das GM-Turnier in Dortmund) aus dem der Leser bedingt schlauer hervorgeht als vorher, im Sinne des Slogans auf der Webseite :

Monat für Monat wissen, was gespielt wird!

Ich würde mir darunter schon vorstellen, dass hier eine gewisse Berichterstattung über das schachliche Geschehen im Lande gemeint ist, so selektiv oder wie auch immer ausgerichtet diese auch sein mag. Vorfinden tut man.... nichts! Keine Turnierberichte, keine Reportagen, sondern nur ein Kaleidoskop an bunt zusammengewürfelten, absolut keinen Bezug zum aktuellen Geschehen habenden Themen. Also wenn das wirklich Monat für Monat so weitergeht... meine Herren. Das Einzige, was außer dem Dortmund-Artikel, der das Kernstück der Ausgabe bildet, (dazu weiter unten), halbwegs aktuell ist, sind verschiedenstartige "Rezensionen" von Büchern, und Trainings-CDs , bei denen es mein beschränktes Auffassungsvermögen leider nicht schafft, sie von Werbetexten zu unterscheiden. Also in den Frauenzeitschriften, die meine Mama manchmal liest, oder auch überall sonst, würde da nicht mehr Rezension, sondern "ANZEIGE" irgendwo in der Ecke stehen.
Sonst solche schönen Rubriken wie Taktikecke, kombinatorische Plaudereien (mit den nützlichen FASSZU-, FFFFF- und ZUG-Regeln; den Zusammenhang zwischen Text und Partiebeispielen verstehe ich einfach nicht!), ein interessanter Artikel zu 1.c4, bei dem ein "Zu Risiken und Nebenwirkungen..." -Spruch durchaus angebracht wäre, ein Terminkalender ohne Kontaktdaten und als Krönung ein "Trainingsartikel" in 2 Stufen, der aus einem auszufüllenden Lückentext (etwa 1.e[] e5 2.[]f3 Sc[] 3.L[]5 für Spanisch) und absolut beliebig gewählten Matt-in-2-und-3-Aufgaben besteht. Natürlich sind keine Lösungen angegeben. Aber dafür kriegen Kinder von Abonnenten das Training vergünstigt und können den Eltern vielleicht dann erklären, was das soll.

Der Dortmund-Artikel und die Artikel über Eröffnungsfallen von Jürgen Jordan, der sich immerhin sichtlich Mühe gibt, beruhen auf einem interessanten Konzept. Dem Leser soll das Nachspielen der Partien ohne Brett erleichtert werden, indem alle paar Halbzüge Diagramme in den Text geschaltet sind. An sich ganz gut gedacht, aber wie man im Russischen so schön sagt, "Das Beste ist der schlimmste Feind des Guten". Außerdem, warum in aller Gottes Namen, ist in etwa 85-90% der Diagramme in den Partien Weiß am Zuge. Was ist denn das für eine Weißkultur?!
Auf diese ganzen Weisen wird dieser Leser vom Mitdenker zu einem Konsumenten degradiert. Als ob er sich einen Schachdiagrammfilm anschaut. Ob das dem im Schach nicht so unwichtigen visuellen Vorstellungsvermögen besonders zuträglich ist, brauche ich jetzt nicht zu beantworten. Wie auch die Frage, ob besonders viele Konsumenten in die (viel zu) tiefen, wortlosen Variantenanmerkungen einsteigen, die dann plötzlich versuchen, bis zu 10 Züge oder mehr dann doch ohne Diagramm auszukommen. Naja. Querlesen ist ja nicht untypisch für unser Computerzeitalter, wie auch das Faktum, dass man etwa die abgedruckte Stellungnahme von Ralph Alt zum Thema Pokalfinale schon vor langer Zeit wortgenau auf der Schachbundseite nachlesen konnte. Alles nur geklaut oder was? ;-)

weib für den Inhalt. Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich als starker Spieler wohl kaum in der Zielgruppe für die allermeisten Artikel/Beiträge zu finden bin, nur ist es mir trotz anstrengenden Nachdenkens einfach nicht gelungen, diese Zielgruppe zu identifizieren. Wie schon Schachblätter richtig schreibt:

Wer braucht nun diese Zeitung? Ich weiß es nicht. Es gibt eine Menge Sachen, die man nicht braucht.


Preis

Im Lichte des bisher Gesagten sind die für die 62 dünn besiedelten Seiten 4,80€ durchaus eine Frechheit. Ich würde gerne eine detaillierte Aufzählung der Zusammenstellung des Kaufpreises sehen. Da müssten die anderen, etablierten Zeitungen aber dick ins Minus arbeiten. Was man aber noch dazusagen sollte, ist, dass Abonnenten Rabatte bei einigen Turnieren/Trainingslagern/Produkten erhalten. Ein lobenswerter Service an die Leser, die aber als Hobbyspieler leider definitionsgemäß nicht viel Schach spielen. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Aktionen die Schach-Zeitung im Vorhinein sehr viel kosten.
Auch für den Preis kann ich also leider nur einen weib verteilen.


Fazit weib

Ich bin mir dessen bewusst, dass meine obige Beurteilung sehr hart vorgenommen wurde. Es wurden mit Sicherheit Punkte angesprochen, die sich in naher Zukunft noch zur Freude aller verbessern lassen können und genauso Punkte, die immer so bleiben werden, wie sie sind, weil sie einfach in der Natur dieser Zeitschrift liegen. Nur so, wie jetzt die Dinge líegen, ist für mich eine Schachzeitschrift keinesfalls in irgendeiner Weise akzeptabel. Die zahlreichen positiven Bekundungen auf der Webseite nehme ich etwas irritiert zur Kenntnis - wenn es tatsächlich so viele Menschen gibt, denen so ein Produkt gefällt, dann kann es meiner Ansicht nach leider mit der Schachkultur in unserem Land nicht weit her sein. Die Reaktionen, die ich allerdings bisher in meinem Umkreis erlebt habe, stimmen gut mit meinem Eindruck überein. So erhielt ich zwar oftmals den Rat, einfach auf diese Rezension zu verzichten, aber ich konnte es schlicht aus dem Grunde nicht, weil ich nicht etwas unkommentiert stehen lassen wollte, was ich insgesamt so dermaßen sinnlos finde.
Ich bin mir durchaus im Klaren, dass mein Artikel nichts im makroskopischen Bereich verändern wird/ verändern kann. Ich bin nicht Harry Potter und kann auch keine Flut mit bloßen Händen aufhalten. Aber wenn ich erfahren sollte, dass meine Betrachtung den einen oder anderen zum Nachdenken gebracht hat, wofür man seine Zeit und sein Geld ausgeben sollte und wofür nicht, dann würde ich mich sehr freuen.


P.S. Als Nächstes nimmt der Schachzoo die neue "SCHACHWELT" unter die Lupe.

Der SchaFzoo

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