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Elitäres

Dienstag, 15. Dezember 2009

Aus dem Darkroom im ICE

... kommen wir wieder etwas mehr zum Thema dieser Seite, dem Schach und starten dabei mit einer kleinen Sensation:

Schachfreunde Berlin 7:1 Sportfreunde Katernberg

Nach meiner Recherche ist es zwar nicht der höchste Sieg der Berliner in der Zeit meiner aktiven Beteiligung, aber das letztmalige 7:1 gegen den Absteiger SC Leipzig Gohlis aus dem Jahre 2006 ist nicht unbedingt so hoch einzuschätzen, wie der Sieg vom Samstag.

Katernberg trat zwar nicht unbedingt mit der allerbesten Aufstellung an (so fehlte etwa der überaus wertvolle Heimkehrer Volokitin), war aber trotzdem mit geschätzen 60-70 Punken pro Begegnung Favorit. Nach etwa zwei Stunden ergab aber eine Sichtung der Kampfarena, dass die Berliner in sämtlichen Partien kleine und große Vorteile hatten. Nur nicht an meinem. Nachdem ich gegen meinen etwas indisponiert spielenden Gegner GM Igor Glek eine Chance nach der anderen vergeben hatte (das Grausamste war natürlich 14.a3?, statt etwa 14.f3! mit schon fast +-,) musste ich meinen Trompowsky wieder von Neuem gewinnen.

So gelang dieses Vorhaben aber:

Ilja Schneider - Igor Glek

Glek



Glek hatte keine Zeit mehr und gerade seine Dame nach g5 von a5 gezogen um Spiel gegen meinen König zu erhalten. Das Gleiche hatte ich auch mit ihm vor und zog 24.Da4+. Nun wäre 24...Kc7! deutlich am Genausten, denn 25.Sxe6+ wäre dann einfach sehr schlecht. Aber wer will in Zeitnot schon in so ein Schach? Kam also 24...Kc8? und dann 25.Dc2 (muss ja). Diese Stellung ist gerade noch remis, aber Schwarz muss schon aufpassen. Das Ziel erreicht er noch mittels 24...Dh4 25.Dxe4 Lh3!



Mein Turm könnte nicht ziehen (26.Tf3?? Lg2+ mit Verlust der Dame) und Dauerschach nach 26.De5 Lxf1 27.Df5+ wäre die Folge.

Es kam aber 24...Lg4? 25. Dxe4 Lf5?! 26. Dd5 und nun war seine einzige aber unauffindbare Rettung das unglaubliche



27...h6!! mit nur einigem weißen Vorteil.

In der Partie verlor Glek aber sehr schnell nach 27...Td8?? 28.Dc5+ Kd7 29.Sg2! Tg8 30.Dd5+. So schnell kann es gehen.


Das war dann etwa das 2,5:0,5 oder so, mittlerweile hatte unser wiedererstarkte Martin Krämer mit dem neuen Deutschen Blitzmeister Klaus Bischoff schon lange mit Schwarz kurzen Prozess gemacht. In diesem Stil ging es dann auch munter weiter: Mikael Agopov schlug mit Weiß Matthias Thesing, von dem man wirklich nicht behaupten konnte, es sei sein Tag gewesen. Zuerst passierte das:

Mikael Agopov - Matthias Thesing

Thesing
Matthias Thesing von SF Katernberg hatte samstags wahrlich keinen guten Tag erwischt, aber konnte sich sonntags immerhin mit einer netten Mattkombi gegen Tegels Torsten Sarbok rehabilitieren.



Mikael hatte gerade 19.a3 gezogen und war nicht am Brett. Plötzlich reklamierte Thesing auf unmöglichen Zug, da er den weißen König auf g1 im Schach vermutete. Und das, obwohl der Monarch schon seit dem 10. Zug sicher in der Ecke verweilte, und die schwarze Lady auch nicht erst seit gestern auf c5 stand. Es wurde der Schiri gerufen, die Uhr wurde angehalten. Die Zuschauer scharten sich in Massen um das Brett, so dass Mikael der gerade den Raum betrat, gedacht haben muss, an seinem Brett gäbe es was umsonst. Jedenfalls ergab sich nach einer kurzen Diskussion die Unsachlichkeit der Reklamation und die Partie wurde mit einem im Kopf hochroten Thesing (dem es vermutlich etwas peinlich war, und der sich natürlich bei seinem Gegner entschuldigte) wieder aufgenommen. Mikael gewann dann alsbald, nachdem Schwarz sich veropfert hatte (manchmal kann man den Springer auf g4 eben doch nehmen, ohne Matt zu gehen!) aber die Leiden von Thesing waren damit noch nicht beendet. Einer seiner Ohrstöpsel, mit den er regelmäßig zu spielen pflegt, war während der Partie zu weit in die Tiefen des Hörorgans gerutscht und konnte ohne fremde Hilfe nicht wieder entfernt werden. Mannschaftsführer "Doktor" Ulrich Geilmann war aber schnell zur Stelle, wie er auch in seinem lesenswerten, fairen Bericht aus der Sicht der Unterlegenen Katernberger beschreibt.

Auch die meisten anderen Partien (bemerkenswert unter anderem der glatte Sieg von Arnd Lauber gegen Viktor Chuchelov) sahen Berliner in Führung, und nach etwas mehr als 6 Stunden Spiel war der unerhoffte Kantersieg in der Tasche.

Über das Sonntagsmatch gegen die Mülheimer wird es in Bälde gehen, konzentrierte schachliche Substanz ist wie immer in meiner Bundesligaecke zu erwarten, die ebenfalls Ende der Woche aufgefrischt werden wird.

Jetzt ist nämlich hier (im Labor) die letzte Messung zu Ende und ich kann nach Hause gehen ;-)

Glek (cbv, 7 KB)
Glek1 (pgn, 7 KB)

(Hier ist die gesamte Partie recht ausführlich kommentiert!)

Freitag, 4. Dezember 2009

DBEM in Neumarkt/Oberpfalz

Der morgige Tag lässt die Herzen eines jeden Blitzfans sichtbar höher schlagen. In Neumarkt/Oberpfalz bei Nürnberg treffen sich Samstag Deutschlands beste Schnelldenker(jedenfalls die davon, die sich nicht zu schade waren, den Qualifikationszyklus mitzumachen!) um für das nächste Jahr ihren König zu ermitteln. Mit Titelverteidiger Robert Rabiega, Klaus Bischoff oder auch Thies Heinemann ist dabei ein ganzes Gestirn an Kandidaten anwesend, die den begehrten Titel bereits mindestens einmal erhaschen konnten, zudem gesellen sich noch weitere Hochkaräter wie Michael Bezold oder Michael Prusikin hinzu. Ich muss verdammt aufpassen, dass mir (immerhin noch Vizemeister - hohoho) in diesem Konzert nicht nur die Rolle der Triangel bleibt. Muss ich wohl verstärkt zu der einen oder anderen "farbigen" Eröffnung greifen.

So ein Blitzturnier ist noch ein bisschen was anderes als Schnellschach oder gar Langzeit. Mehr Ziehen, weniger nachdenken, mehr Lautstärke, mehr Emotionen, mehr Adrenalin, mehr Glücksstöße aber auch mehr Frust und mehr Verbissenheit, dafür weniger Objektivität, weniger Raison, und auch weniger Feinmotorik. Kein Wunder, denn im Schnitt spielen die Teilnehmer eines Blitzturniers mehr Blitz und Bullet im Internet und hocken länger demnach länger am Kommunikationskiller PC, als etwa Teilnehmer eines Seniorenopens.

Insgesamt also einfach mehr Zoo. Das Sammelsurium an Geschichten über zu Tode verängstigte Frauen/Freundinnen, die sich spätestens im Laufe von Runde 2 mit Anzeichen von Atemnot auf dem Weg in die nahegelegene Fußgängerzone oder wenigstens ins Cafe verziehen, ist besonders bei Blitzturnieren unendlich groß. Einmal soll eine beim Anblick eines Spielers mit Tropenhelm (ja, genau so wurde es mir berichtet!) auch sofort das Weite gesucht haben.

Das habe ich auch alles meiner Liebsten erzählt. Sie kommt aber trotzdem mit. :-)

Strauß und Antilope
Allerdings könnte es morgen gewisse Verständigungsschwierigkeiten geben.

Montag, 16. November 2009

Zwei Mannschaftspunkte, zwei mehr als erwartet

Dank einer guten Mannschaftsleistung konnten wir unverhofft, aber hochverdient zwei Mannschaftspunkte aus Emsdetten entführen. Entgegen meiner Vorschau traten die Gastgeber ohne das "unbekannte Wunderkind" Anish Giri und auch ohne Spitzenmann Mikail Mchedlishvili an, so dass sich an einigen Brettern sogar eine gewisse ELO-Überlegenheit Berliner Seite eingestellt hat, die auch genutzt werden konnte. Also jetzt nicht in meinem Fall ;-). Die von Dennis Breder und mir im Teamwork komponierte "Zucchiniserenade" (in Anlehnung an die bekannten Gurken) wurde hier durch Lossos Bemühungen zwar schon durch die Mühle gezogen, aber hier nochmal, einfach weils so schön ist:

Ilja Schneider - Dennis Breder (BL 2009/10, Emsdetten - Berlin)

Breder1
Einmal hin: 27.Ta7?? Se2+...

Breder2
...und einmal retour: 39...Tb8?? 40.Sc6 (später Remis)

Das nenne ich Niveau!

Nicht so heile davonkommen konnte diesmal Arnd Lauber. Sein sonst solides Caro-Kann wurde vom angriffslustigen Jonny Hector diesmal total schwindlig gespielt. Dafür klingelte es gleich drei Mal im Emsdettener Kasten durch Jan Markos, Mikail Agopov und Lars Thiede. 5:3!

Sonntag hieß es dann angesichts der Wattenscheider Overkill-Besetzung (8 Großmeister über 2500!) dann nur noch: "Rette sich wer kann!" Auch unser Aufstellungstrick (vorne Rainer raus, hinten Dennes rein) funktionierte nur mäßig gut, die Schwarzen hatten hinten immer noch schwer zu leiden, die Weißen machten noch viel weniger aus ihrem Vorbereitungsvorteil. Durch mein recht schnelles, aber durchaus in Ordnung gehendes Remis konnte ich mir das Elend anschließend mit Rainer detailliert ansehen.

Äußerst positiv trat allerdings Martin Krämer hervor, der mit Schwarz scheinbar mühelos den an diesem Wochenende allerdings etwas indisponiert wirkenden Bartolomej Macieja, einen von drei Polen in Wattenscheids Diensten, vom Brett fegen konnte. Damit ist Martin bisher ebenso auf GM-Normen-Kurs wie Arnd, der immerhin ein Remis gegen Evgeny Najer erzielte. Außerdem konnte Mikail Agopov noch dem Wattenscheider Rustemov seinen ersten Punktverlust der aktuellen Saison beibringen, so dass dieser jetzt "nur" bei 4,5/5 notiert. Sonst gingen leider alle Partien spätestens zur Zeitnot bergab, zum 2,5:5,5 - Endstand.

Mit dem Sieg gegen Emsdetten in der Tasche können wir damit aber wirklich gut leben.. :-)

Was es noch gibt? Emsdetten ist schon irgendwie das Ende. Natürlich färbt mein Eindruck auch vom scheußlichen Wetter her (November-Dauerregen), aber die Stadt und auch das Spiellokal sind trotz der Modernheit einfach trist und grau. Was will man auch von einer Schulmensa erwarten?! Für ein norddeutsches Schnellturnier wäre die Lokalität echt ideal, aber für die Bundesliga? Außerdem war es im Spielsaal kalt, im Analyseraum eiskalt (dieser war auch gleichzeitig Eingangsbereich und die Tür stand offen), für einen Gang zur Toilette könnte Marathon-erfahrung nützlich sein, und bei allem Respekt habe ich auch schon bessere Caterings gesehen als heuer. Immerhin stand im Analyseraum ein Krökeltisch, der besonders von den Tegelern schnell, aber auch deutlich lautintensiv vereinnahmt wurde. Zuschauer waren zwar einige da (naturgemäß samstags mehr, sonntags weniger) aber die große Begeisterung für Schach habe ich da nicht erkennen können. Wo gibt's diese aber auch schon? Schachbundesliga als Selbstzweck...
Ich war jedenfalls trotz des insgesamt guten Abschneidens recht froh, als ich da weg war.

Ein großer Bericht mit vielen kommentieren Partien (diesmal auch den mit meiner Beteiligung) erscheint in Kürze wie immer in meiner Bundesliga-Ecke. Lest aber natürlich bitte auch die Kolumnen von Timo Sträter und Michael Hoffmann!

P.S. Die nächste Bundesliga-Runde steigt zum Glück in Berlin-Tegel, wo man sich nun wirklich nicht über mangelndes Zuschauerinteresse beschweren kann.

Samstag, 14. November 2009

Bundesliga in Emsdetten

Durch die gebotene Diskretion (von wegen Vorbereitung und so) konnte der Vorbericht zur 3/4 Bundesliga-Runde in Emsdetten leider nicht vorher gepostet werden. Jetzt aber!

Jedenfalls sind wir mit einer schlagkräftigen Mannschaft im Münsterland angereist (ich bin auch dabei) und sehen gelassen den Duellen gegen die Niederlande und Polen... äh... Gastgeber und Tabellenführer Emsdetten und Wattenscheid entgegen. Heute geht es gegen Emsdetten, die vermutlich mit dem durchaus unbekannten Wunderkind Anish Giri spielen (Mein Mannschaftskollege Martin K. heute beim Frühstück: "Ist das ein Junge oder ein Mädchen? Der hat doch neulich gegen Judit Polgar gespielt!").

Wattenscheid ist natürlich eines der Teams, die man eigentlich lieber am Saisonende treffen möchte, wenn im hinteren Mannschaftsteil aufstellungstechnisch endgültig "Freestyle" angesagt ist, aber auch so rechnen wir uns mit etwas mehr Glück als in Bremen ganz gute Chancen aus. Leider ist seit mehr als einem Jahr unsere treue Seele Wolfram Burckardt nicht dabei, so dass stark zu berfürchten ist, dass der Live-Ticker heute nicht so intensiv gepflegt werden kann, wie es sonst üblicherweise der Fall ist.

Natürlich werden auf www.schachbundesliga.de alle Partien live übertragen, wenn nicht gerade ein Zuschauer wieder über die Leitung stolpert. Garantiert kurzremisfrei obendrein, denn angeblich (in den einschlägigen Foren wird wie immer heiß diskutiert) soll das Vergnügen dieses Mal pro Spieler 300€ kosten, und ab Runde 5 dann endgültig mit 0-0 gewertet werden, auch wenn meine persönliche Meinung ist, dass das bisher lediglich etwas vollmundig seitens der Turnierleitung angekündigt worden ist. Ich muss es aber nicht unbedingt ausprobieren.

Also: SF Berlin die Daumen drücken und reinschauen lohnt sich!

Samstag, 7. November 2009

Nanu?!

Immer müssen diese "Ich-habe-einen-kilometerlangen-Bericht-getippt-aber-vergessen-ihn-zwischenzuspeichern-und-jetzt-ist-er-weg-"Aktionen nachts um 3 passieren... ;-). Ich lerne einfach nicht dazu. So ein Pech aber auch...

Dafür war ich in meiner Partie heute weniger mit Pech als mit dem Glück gesegnet, den vorletzten Fehler begangen zu haben. Mein Gegner hieß Nanu und entsprechend wunderte er sich sichtbar über sämtliche meine Züge. Ich aber auch die meiste Zeit über seine. So entstand ein superscharfes Trompowsky-Gefecht, welches in seiner Schärfe schon an Coloradische Verhältnisse heranreichte, in dem beide Spieler miteinander in Sachen Fehler und Ungenauigkeiten wetteiferten. Allerdings war die Stellung wirklich sehr schwer korrekt zu handhaben, ohne Computer ist man oftmals recht aufgeschmissen.
Richtig "Nanu?!" machte ich aber in dieser Stellung:

Ilja Schneider (Wulkaprodersdorf) - Ciprian Costica Nanu (Styria Graz), Staatsliga 2009/2010 (1)

Nanu
Nach 24.Lf3-h5? Korrektur: DIe schwarze Dame steht natürlich auf a6, nicht auf a5. Wie dieser Fehler passieren konnte, ist mir total unklar.

Er hat einen Bauern mehr, aber einen hängenden Turm. Statt des sicheren 24...Td8! mit schwarzem Vorteil entschied er sich, dass nichts gegen das Verspeisen des nächsten Bauern mit 24...Txe3?? sprach. Damit landete aber der Turm auf dem Abstellgleis und der andere war mit der Verteidigung der Grundreihe total überfordert, ohne dass die Dame oder der Sh2 irgendwelche Aufgaben erledigten. Nach einem kurzen "Nanu?!" mit folgendem 25.Tg8! machte der rumänische IM noch ein paar sinnlose Züge, hätte aber auch schon hier aufgeben können.


Die volle Partie zum Download gibt es unten. Ich habe versucht, sie zu analysieren, wobei hier die Betonung wirklich auf dem Versuch liegt. Selten eine der Analyse so schwer zugängliche Partie produziert... "Unklar"-Zeichen säumen das Bild. Wobei sich niemand gehindert fühlen sollte, bei vorhandenem Interesse tiefer in die jeweilige Materie einzusteigen, als ich es mit meinen "unklar" getan habe... viel Spaß! Ich will jetzt jedenfalls schlafen. Da ich nicht denke, dass ich es im Laufe des morgigen Vormittags schaffen werde, einen allgemeinen Flashmob zum Boykott gegen die Nullkarenz-Regel (unter den Spielern etwa so beliebt, wie Fußpilz) zu organisieren, bei dem dann folgerichtig alle 72 Akteure im Raum genullt werden müssten, werde ich wohl oder übel eine schwere Schwarzpartie gegen GM Philipp Schlosser (Jenbach) austragen müssen. Wenn ich da nicht ausgeruht bin, heit es schnell: gute Nacht!

Nanu (cbv, 6 KB)
Nanu1 (pgn, 6 KB)

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Selektive Sicht eines Zehn-Finger-Faultiers auf die Mannschafts-EM in Novi Sad (vom Eukalyptusbaum)

Wie dem Leser mit Sicherheit aufgefallen ist, mache ich gerade eine Abstinenzperiode durch, in freudiger Erwartung der Koalas, Känguruhs und Waschbären, die ich in Deizisau treffen werde. Natürlich schaue ich mir in der Zwischenzeit das muntere Treiben der Mannschafts-EM in Novi Sad (Serbien) an und mache mir so meine Gedanken.

Sagen, dass ich mich gut als Prophet eigne seit dieser Zoo existiert, kann ich wahrhaftig nicht. Proklamierte ich Robert Rabiega und Vasily Yemelin beim Berliner GM-Turnier zu den Favoriten - beide spielten (für ihre Verhältnisse) desaströs. Lautete bei den SCHACH-Fragen meine am meisten überbewertete Persönlichkeit Hikaru Nakamura - er stampft beim Elite-Turnier in San Sebastian alle in den Erdboden und holt sich in Mainz gegen Aronian die 960-Krone, bekunde ich im nächsten Satz eine mangelnde Huldigung der Leistungen Karpovs - er wird in San Sebastian abgeschlagen Letzter, sein Auftritt in Zürich wird auch nicht wesentlich erfolgreicher und sein Ergebnis im Revival-Match gegen Kasparov - najaa..

Und jetzt wird es fast schon unweigerlich so sein, dass der "überflüssigste 2700er" Gashimov und der "Sympathiebolzen" Mamedjarov im Alleingang die diesjährige Mannschafts-EM für sich gewinnen werden. Beide notieren im Moment bei 4,5/6 und einer 2800+ - Performance und sind die tragenden Säulen einer Azeri-Truppe, die dieses Jahr weder den schwächelnden Armeniern, noch von den (in Teamwettbewerben häufig unter Wert spielenden Russen), noch etwa von den durch Gelfands Abwesenheit stark dezimierten Israelis aufgehalten werden kann.
Am morgigen Mittwoch findet die (nicht nur schachlich) brisante Spitzenbegegnung Azerbaidschan-Armenien statt, die letzte Chance, dieser Turnier noch einmal spannend zu machen.

Mir stellt sich immer wieder die Frage: Wie machen die Jungs das? Auch wenn ich schon längst die Hoffnung aufgegeben habe, es jemals nachmachen zu können, so will ich es doch wenigstens nachvollziehen. Betrachten wir folgende Partie, wobei ich jedes Detail vermeiden möchte, sondern nur das selektiv aufzeigen, worauf es mir eigentlich ankommt:

Mamedyarov,Shakhriyar - Postny,Evgeny [D31]
17.ETCC 2009 Novi Sad, Serbia (4.1), 25.10.2009

1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sc3 Sf6 4.Sf3 dxc4 5.a4 e6 Eine noch aus Aljechin-Zeiten bekannte Fortsetzung, die in letzterer Zeit wieder etwas mehr in Mode kommt. Einer meiner Berliner Mannschaftskollegen rief nach einer einstündigen Beschäftigung mit diesem Abspiel gar etwas wie "Damengambit ist widerlegt!". Natürlich ist die Sache nicht so einfach, zum Beispiel gewann hier bei der letzten Deutschen Meisterschaft Arik Braun gegen Daniel Fridman mit Weiß eine nette Kurzpartie. Schwarz verzichtet auf eine Entwicklung des weißfeldrigen Läufers vor die Bauernkette und strebt eine schnelle Rochade und Druck gegen das weiße Zentrum vor. 6.e4 Lb4

Mamed1

7.Lxc4?!
Aber das ist sehr selten und wurde nur einmal in einer Großmeisterpartie plus von Anand gegen Rublevsky im Blitzen angewandt. Weiß schert sich nicht um den angegriffenen Zentrumsbauern und treibt einfach seine Entwicklung voran. Wie die Meister der alten Zeiten! Nur dass diese immer im Punkt f7 ein dankbares Angriffsziel hatten. Schauen wir auf die Stellung nach 7...Sxe4 8.0–0 Sf6 9.De2 0–0 10.Td1 Sbd7 11.Td3?! Dc7

Mamed2

Man möge mich eines Besseren belehren, aber ich habe keinerlei Zweifel, dass die weiße Kompensation an dieser Stelle objektiv ungenügend ist. Außer des alltäglichen Läuferproblems hat Schwarz keine Schwächen, eine ordentliche Entwicklung und festen Halt im Zentrum. Aber solche Überlegungen interessieren Zocker wie Mamedjarov wenig. Sein Ziel war es, den Gegner aus der Vorbereitung zu holen - geschafft. Ihn zu verunsichern und Zeit auf der Uhr zu gewinnen - vermutlich auch. Dass Mamedjarov, hier ein großartiges Angriffskonzept aus der Taufe gehoben hat, glaube ich nicht. Allerdings schafft er es, den Gegner reihenweise zu überspielen und die Partie zu gewinnen. Ein kulturell wertvoller oder wissenschaftlicher Zugang zum Schach ist das nicht, aber im Moment durchläuft leider das Schach in meinen Begriffen eine Phase, in der sich die klassischen, edlen, "ausgebildeten" Spieler nicht gegen solche pragmatischen, schachlich geradezu "vandalistischen" Attacken erfolgreich zur Wehr setzen können. Ich warte seit Jahren auf den Tag, wo sich dieser Verhältnisse wieder ändern und wo ein Gelfand nicht in 20 Zügen gegen Gashimov wegfliegt oder ein Adams mit Weiß wieder die Eröffnung gegen Radjabov übersteht. Ich befürchte aber vielleicht, sie kommen gar nicht mehr wieder. 12.Se5 Ld6 13.Lf4 Sd5 14.Lg3 S7f6 15.Tf3 Sh5 16.Txf7 Txf7 17.Dxh5 Tf5 18.Dg4 Ld7 19.Ld3 Lxe5 20.dxe5 Sxc3 21.bxc3 Tf7 22.h4

Mamed

Es hat sich mittlerweile viel getan, aber für mich steht (schwacher Läufer hin oder her) ein gewisser schwarzer Vorteil immer noch nicht in Frage. Nun fing es für Postny beginnend mit 22...c5?! doch mal langsam an, bergab zu gehen, aber das ist hier nicht so wichtig. Ich wollte nur zeigen, dass es im Moment im Schach so ist, dass sich "Dreistigkeit" durchsetzt. Weiß gewann später durch einen Mattangriff.

Schachlich für mich nicht wirklich beeindruckend, aber ich wundere mich und finde es schade oder gar enttäuschend, wie ein so guter Spieler wie Postny einfach nicht mit einer solchen Lage umgehen konnte.

Seit langer Zeit bemerke ich einen teilweise schleichenden, teilweise abrupten Niedergang von Spielern, die einfach glänzende Originale einer "guten alten" Zeit sind, in der ich Schach gelernt habe. Mickey Adams zum Beispiel, für viele ein Elite-Langweiler schlechthin, ist oder zumindest war eindeutig einer meiner Idole. Warum? Einfach wegen seiner kultiviert minimalistischen Einstellung zum Schach. Er hat ein sehr enges Eröffnungsrepertoire, ist kein großer Arbeiter, aber ein sehr sicherer Spieler und ein guter Techniker. Mit Schwarz hielt er sich in der Weltspitze sehr solide, mit Weiß gewann er ab und an mal eine Partie und war ein unauffälliger, bescheidener +1/+2 Bewohner sämtlicher Topturniere. Was er machte, machte er ohne viel Aufsehen zu erregen, aber immer auf die gleiche Weise. Das ist das was man Stil nennt. Eine Eigenschaft, die (leider) immer weniger der farblosen 2700-Eindringlinge mitbringen. Dafür mochte ich Adams und mag ihn auch jetzt noch.

Doch irgendwas hat sich seitdem getan. Die 2730 des Briten sind längst unter die magische 2700-er Grenze abgewirtschaftet, es fehlt die Energie und die Spritzigkeit von damals, der Mann ist durchschaubar und ist auch mit Weiß vor Eröffnungsniederlagen nicht gefeit. Ich wüsste mal gerne, was Adams selbst zu der folgenden Partie sagen würde. Das was ich da sehe, finde ich als ehrlicher Mickey-Fan leider einfach nur traurig. Trotz seiner Aufflackerns beim Europacup in Ohrid (6,5/7) scheint seine Zeit, so sehr ich ihm noch viel Erfolg wünsche, leider einfach vorbei.

Adams,Michael - Radjabov,Teimour [B30]
17.ETCC 2009 Novi Sad, Serbia (2.1), 23.10.2009

1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 e6 4.c3 Eine total seltene Mischung eines Lb5- mit einem c3-Sizilianer, die auch trotz einiger klangvoller Namen keinen großartigen Score aufweist. 4...d5 5.De2 a6!?N

Adams

Und hier bereits im fünften Zug die Neuerung! Und eine total pragmatische obendrein! Radjabov scheint sich kaum um die weiße "Drohung" , oder besser gesagt, Ankündigung auf c6 zu schlagen, zu kümmern. Ist das Doppelbauernkonzept etwa überholt? 6.Lxc6+ bxc6 7.d3 Se7 8.c4 Legt sich den Bauern c5 für einen späteren Angriff zurecht, aber mir gefällt das alles aus weißer Sicht irgendwie nicht mehr. Man will Adams irgendwie fragen: "Du weißt aber schon, wer dir da gegenübersitzt?" 8...Sg6 9.0–0 Ld6 10.e5

Adams2

Ich verstehe die Stellung nicht. Vielleicht ist das der beste weiße Zug. Mag sein. Aber ich würde mich weigern, eine Position anzustreben, wo ein Zug wie 10.e5 erforderlich wäre. 10...Lc7 11.Sc3 0–0 12.Sa4 f6! Natürlich. Das mit dem Flügelangriff und der Zentrumsaktion muss ich hier nicht nocheinmal erklären. 13.exf6 Dxf6 14.Lg5 Df5

Adams3

Was haben wir hier zu bieten? Beide Seiten haben etwas unkonventionell gespielt und verfügen über eine Anzahl von Schwächen. Weiß hat seinen "Klebstoff"Läufer frühzeitig abgegeben und muss dafür jetzt den Preis zahlen in Form von weichen weißen Feldern wie d3, f3 oder g2. Die Dame hat notdürftig die Aufgabe des Läufers übernommen. Dass Schwarz, der mittelfristig gute Königsflügelaussichten hat, nicht schon deutlich besser steht, liegt an der etwas besseren weißen Entwicklung und daran, dass er einen Bauern schlagen kann. War Adams hier zufrieden mit dem was er sich selbst aus der Eröffnung hergerichtet hatte? Wohl kaum, denn solche unerklärlichen Böcke wie sein nächster passieren nicht aus guter Laune heraus: 15.Lh4?? Die Großmeister Henrik Teske und Thomas Luther, die auf schach.de live kommentierten, fanden die schwarze Stellung auch so schon besser, hatten aber wie ich große Mühe zu verstehen, was Adams bei diesem katastrophalen Aussetzer geritten hatte. [15.Sxc5 Lf4! (15...dxc4 16.Le3; 15...e5 ist interessant) 16.h4 (16.Lxf4 Sxf4 Hier werden d3 und g2 zu weich.) 16...dxc4 17.d4 Lxg5 18.Sxg5 Sxh4 läuft auch nicht mehr unter dem Label "Ruhige Positionspartie", die Adams seine ganze Karriere zelebriert und sich mit der Wahl von 3.Lb5!? auch für diesen Tag vorgestellt hat, aber genau so hätte er spielen müssen. Fehlende Flexibilität? Nach dem unerklärlichen Textzug ist die weiße Stellung einfach aufgabereif:] 15...Sf4 ... und der d3 bricht weg, und die schlechten Figuren behält Weiß auch noch. 16.De3 Sxd3 17.Lg3 Lf4 18.De2 Tb8 19.Dc2 dxc4 [19...Se5 war auch mörderisch. Was für ein Niedergang des britischen GMs!] 20.Tad1 Lxg3 21.fxg3 Sxb2! 22.Dxf5 exf5

Adams4

und Schwarz gewann nicht in allzu komplizierter Art und Weise. Im Moment besitzt er drei Mehrbauern.

Kurzgefasst, Azerbaidschan wird das Ding gewinnen, obwohl ich die Jungs einfach nicht wirklich mag, verhindern kann ich es wohl eh nicht, und so bleibt es nur, im Falle des tatsächlichen Sieges ihnen den gebührenden Respekt zu zollen. Aber bitte nicht mehr. Mögen werde ich diese Art von Spiel bestimmt niemals.

Die Deutschen... haben diesmal ein ziemlich gebrauchtes Turnier erwischt. Nach einem guten 4-0 Start verlor man gegen die besagten Azeris mit 1,5:2,5 (Georg Meier kassierte gegen Gashimov leider in einer klassischen Plusgleich-Variante eine schmerzhafte Weißniederlage, nachdem er seine vorteilhafte Stellung sukzessive verschlechtert hatte, Jan Gustafsson spielte in Erinnerung der alten Zeiten bei kritischem Mannschaftsstand eine lebhafte, bessere Stellung nicht weiter und machte hier:

Gustafsson, Jan - Mamedov, Rauf
17.ETCC 2009 Novi Sad, Serbia (3.1), 24.10.2009

Gusti1

Remis ) und dann kam man gegen die Griechen nicht über ein 2:2 hinaus, weil Naiditsch am ersten Brett gegen Ioannis Papaioannou diese Überraschung kassierte:

Naiditsch, Arkadij - Papaioannou, Ioannis
17.ETCC 2009 Novi Sad, Serbia (4.5), 25.10.2009

Naiditsch

In dieser eh sehr seltenen Lb4-Variante im Skandinavier (auch wenn Naidisch durch eine Vorgängerpartie seines Gegners hätte gewarnt sein müssen!) folgte die Neuerung 8...Sc6!? Naidisch reagierte nach dem normalen 9.a3 Lxc3 10.Lxc3 Db6 mit dem mir nicht verständlichen 11.De1?! (Stellt schon mal unnötig den armen c2 en prise) 0-0 12.b4?! Nun kam Schwarz mit 12...Le4! einfach mal in den Genuß eines schon recht großen Vorteils (d4,c2 schwach, Einschlag auf f3 droht, schlechte weiße Läufer...) und gewann fast schon deprimierend einfach. Das tut weh.

Beim Remis gegen Polen in Runde 5 verlor Naiditsch für mein Auge erneut ohne große Gegenwehr, aber dafür schlug wenigstens die große Stunde von Georg Meier:


Meier,Georg - Wojtaszek,Radoslaw
17.ETCC 2009 Novi Sad, Serbia (5.7), 26.10.2009

Meier

20.Tfb1 Das Endziel der weißen Initiative ist der Gewinn des Bauern a5. Aber kann sich Schwarz nach dem Textzug nicht bequem entlasten? 20...Sxe5 21.Sc5!! Von wegen, automatisches Zurückschlagen! Meier lässt die halbe gegnerische Armee unter Beschuss schmoren. 21...Sc6 [21...Lxe2 22.dxe5] 22.e3!

Meier2

[Wie mir der Sieger abends auf schach.de mitteilte, gewann auch 22.Lxc6 Txc6 23.Txb5 in ähnlicher Manier, aber hier ist noch Technik gefragt nach 23...Td6 24.e3 Td5 25.Tbxa5 e5 26.Se4 Txa5 27.Sxf6+ gxf6 28.Txa5 exd4 29.exd4] 22...Tb6 23.Lxc6 Tfb8 24.Lf3! Und Georg gewann den anvisierten Bauern und die Partie. Glänzend!

NaiMei
Arkadij Naiditsch und Georg Meier bei der Arbeit (Quelle: Chessbase)

In der bisher letzten Runde 6 war leider eine Niederlage gegen Israel zu beklagen. Trainer Bönsch ließ nach 2 Niederlagen vorne Naiditsch heraus. Die Mannschaft agierte halbwegs fehlerfrei, aber eben so ein bisschen wie immer, mit der berühmten "Nimm du ihn, ich hab ihn sicher" - Einstellung. Als Ergebnis standen 3 (zu) sichere Remisen und eine bittere und auf den ersten Blick total unnötige Endspielniederlage Gustafssons gegen Postny.

So findet sich die deutsche Mannschaft nach 6 Runde mit 6-6 Punkten auf dem mageren 18.Platz wieder, von 5 Spielern notiert nur Daniel Fridman mit 3,5/5 im ELO-Plus. Das Minus der meisten anderen Spieler ist nicht hoch, aber die Niederlagen sind sehr unglücklich verteilt. Ich bin gespannt, wie sie morgen gegen Italien antreten und was das Team noch den Rest des Turniers reißen kann.

Die Hoffnungen der Deutschen liegen genau da. Daran, dass das Frauenteam (als Startnummer 7 sich momentan ebenfalls an Platz 18 befindend) bedauerlicherweise seit Jahren keine vernünftige Hintermannschaft hat, haben sich schon alle gewöhnt, und daran können auch schönrednerische Vorberichte und intensives Läuferendspieltraining leider nichts ändern.

frauen
Also an Elli liegts nicht...(Quelle: Chessbase)

Aber noch sind ja im serbischen Novi Sad ein paar Runden Zeit und ich lasse mich gerne auf jede beliebige Weise noch positiv überraschen.

Hier findet der Statistikfreund alles, was er für sein Glück benötigt.

Und jetzt, wie immer an dieser Stelle ... gute Nacht an alle von Ilja, der optimistisch ist, es ab Donnerstag in Deizisau nicht genauso schlecht zu machen ;-)

Montag, 19. Oktober 2009

Viel Stress und gute Laune, drei Currywürste, zwei Niederlagen, eine Hängepartie aber null Punkte (ein Bericht vom Bundesliga-Wochenende in Hamburg, verfasst bei einer langweiligen IC-Fahrt Hannover-Karlsruhe, so lang und so chaotisch wie die Überschrift es vermuten lässt)

Die Anreise

Eigentlich waren die Voraussetzungen optimal. Zur Bundesliga-Runde in Hamburg am vergangenen Wochenende reisten Dennes und ich bereits Freitag an, um uns den Stress zu ersparen, samstags direkt aus dem Auto ans Brett hüpfen zu müssen. Außerdem wollten wir Mark McAdam, das Brett 4 der legendären Hannover Altstars treffen, den es mittlerweile in den Norden gezogen hat. Um den „Chaos-Faktor“ zu erhöhen, hatten wir auch noch Nikolas Nüsken dabei, den einzigartig genialistischen Zocker und legendären Sieger des Pardubicer B-Opens von 2003.
Nicht bedacht hatten wir allerdings, dass wir Freitagabend nicht ganz die einzigen waren, die von Hannover nach Hamburg wollten und irgendwann mündeten wir auf der A7 in ein (laut NDR 2 ) 14 km Meer von stehenden Autos ein.

Durch die improvisierte Landstraßen-Stau-Umfahr-Aktion („Soll ich nach links oder nach rechts fahren?“ „Weiß ich doch nicht!“ ) ging insgesamt mit Sicherheit (im Vergleich zum geduldigen Ausharren auf der Autobahn) noch weitere Zeit drauf, ebenso wie für

• das zweimalige Reparieren des linken Scheibenwischers im norddeutschen Dauerregen (der Wischer hat sich so dermaßen verrenkt und verhakt, dass ich ohne Hilfe meiner Mitfahrer nicht die Fahrertür öffnen konnte! – versucht euch das mal bildlich vorzustellen) und

• das 15-minütige Suchen eines laut Nikolas beim Aussteigen aus dem Wagen herausgefallen Gegenstandes in absoluter Dunkelheit. Wir wussten nicht so genau, was es eigentlich was und hatten auch keine Taschenlampe dabei und tasteten so den ganzen Boden unter dem Auto ab – ich habe es dazu sogar ein paar Meter weggefahren. Gefunden haben wir (erwartungsgemäß) nichts.

Stress pur, besonders wenn man vorher im Tagesverlauf durch einen Zahnarzttermin fast nichts essen konnte und einem bereits die Erwartung eines leckeren Mahls und der fruchtigen Cocktails an der Reeperbahn im Kopf herumschwebt.

Die Party am Kiez

Irgendwann war es dann aber soweit und wir erreichten gegen zehn Uhr abends hungrig und durstig den Kiez, wo man diese Bedürfnisse (und nicht nur diese!) bekanntlich leicht befriedigen kann. Gegen den Durst gab es erfrischende Cocktails, zu Essen gab es Currywurst mit wahlweise 12 Schärfegraden (von 1. „Milchbrötchen“ über 4.„Chillibrenner“, 9. „Atemblocker“, 11. „Sterbehilfe“ bis zur „Endstation“,12.).

schaerfeskala_gross
Quelle: Bruzzelhütte

Nachdem wir uns überzeigt hatten, dass die 6 „Elbgranate“ eher etwas für Warmduscher war, trauten wir uns an das „Hochprozentige“ heran, dies war allerdings ein klarer strategischer Fehler. Schon die 9 war kaum auszuhalten und brannte wie tausend kleine Nadelstiche im ganzen Körper, ein kleines Stückchen einer 10er Wurst, welches mir freundlicherweise von einer jungen Dame angeboten wurde, die sich bei der Bestellung wohl etwas übernommen hatte, verursachte bei mir höllische Rachen- und Lippenschmerzen und das düstere Gefühl, dass ich die Nacht in Hamburg nicht ohne großen Schaden überstehen würde. (Entsprechend darf laut der Verkäuferin die 12 auch nur in Anwesenheit eines Krankenwages verkauft werden.) Eine eiskalte Flasche Hohes C Orangensaft schaffte danach ganz ganz langsam Abhilfe, auch wenn der Magen mittlerweile so brannte, dass man am Liebsten eine Wand hochgehen würde.

Nikolas Nüsken, Mark McAdam, Dennes Abel
Sie machten Freitagabend die Reeperbahn unsicher: Nikolas Nüsken (N.N.), Mark Mc Adam und Dennes Abel.

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Die legendäre Herbertstraße gehörte natürlich auch zum Sight-Seeing-Programm. Eintritt für Frauen verboten! Die Straße nicht ganz so lang, wie ich es erwartet hatte, aber trotzdem recht eindrucksvoll. Ich bitte zu entschuldigen, dass an dieser Stelle keine detaillierteren Abbildungen möglich sind.


Der (übliche) Frust

Achja, natürlich wurde auch an diesem Wochenende Schach gespielt. Die vermutlich bereits bekannten Fakten zuerst:
Wir (die SF Berlin) verloren beide Begegnungen gegen den Hamburger SK und den SV Werder Bremen mit 3,5:4,5. Kam das Ergebnis im ersten Falle noch recht gesetzmäßig durch zwei klare Niederlagen zustande, ist das Resultat gegen die ELO-mäßig hoch favoriserten Bremer eine mittelgroße Enttäuschung. Von den 7 Remispartien verfügten wir in 3-4 davon über große, definierte Vorteile und hatten nirgendwo besondere Probleme. Leider sprang dabei kein Partiesieg heraus, hingegen reichte ein einziger Partiegewinn der Bremer um unser 7 BP - 0 MP – Wochenende perfekt zu machen. Gespielt haben wir allerdings gar nicht so schlecht, die Mannschaft tritt als Einheit auf. In dieser Form steigen wir bestimmt nicht ab. Ich gehe auf die beiden Kämpfe und ihre Partien sowie auf den Auftritt unseres Reisepartners und Aufsteigers SK König Tegel im Laufe der Woche auf www.schachbundesliga.de ausführlich ein.
Zu meinen eigenen Partien : Samstag gegen Sune Berg Hansen war so eines der Erlebnisse, die für einen Schachspieler mit zum schrecklichsten Szenario gehören, welches man erleben kann: Die ganze Partie passiv, gedrückt und ohne Gegenspiel zu stehen, dabei nicht einmal zu wissen, wie man in eine solche Lage geraten konnte, und über Stunden der eigenen Kapitulation entgegenzusehen und sich in jedem Zug vom Anhalten der Uhr abzuhalten. Immerhin habe ich mittlerweile anscheinend die Fehlerquellen entdeckt:

• 12…h6?! ist unnötig und kann durch sofortiges 12…a6 ersetzt werden (dankenswerterweise auch schon in den Kommentaren erwähnt)

• 18…Lh5 hält im Gegensatz zu meinem 18…Sxf3 nebst 19…Lxf3 die Spannung aufrecht

• 20…Tc8? (statt 20…Sd7) war die Stelle, an der ich in dieser Partie zum ersten Mal eine Drohung aufstellen und ein wenig eigenes Spiel aufziehen wollte, aber genau darauf leitete 21.La4! Sd7 22.b5! den schwarzen Zusammenbruch ein, der sich nicht mehr verhindern ließ. Ich machte ab da keine großen Fehler mehr, aber das war eben genug.

Nur wie man solche Fehler in Zukunft vermeidet, das verrät mir mein Rybka bisher nicht. Das kann man sich nur höchstpersönlich klarmachen, aber ich bin im Moment (noch) nicht soweit.

Man sollte dazu zwar erwähnen, dass Hansen die Partie sehr stark spielte, aber irgendwie passiert mir das zu oft in letzter Zeit: Hansen, Ruck, Miladinovic, Päthz, Maksimenko…. Die Liste kann ewig weiter ergänzt werden. Ich verliere (fast) nur einseitige Musterpartien. Ich denke nicht, dass ich soviel Pech habe und dieses Jahr ausschließlich auf hochmotivierte, topvorbereitete, satte und ausgeschlafenen Großmeister treffen, die auch aktuell keinen Stress mit ihrer Freundin/Frau haben. Soviel Pech kann man nämlich gar nicht haben. Wie oft stellt man doch fest, dass GMs untereinander schon ziemlich viel Mist bauen und oft (besonders unter Zeitdruck) einfache Wendungen oder Abwicklungen nicht durchschauen… Georgios Souleidis‘ Bundesliga-Gurken sage ich dazu nur. Aber dafür muss man Druck auf den Gegner ausüben, und das will mir besonders im Moment, da ich unter schlechter Konzentration und Verunsicherung leide, einfach nicht gelingen. Es ist wie verhext. Entkomme ich in einer Partie wenigstens ins Mittelspiel, sieht die Sache gleich besser aus. Nur zu oft bin ich aber oft schon der Eröffnung das Opferschaf, und dann gibt es oft im Gegensatz zum Schnellschach keine zweite Chance mehr.

Wie sagte doch ein Klassiker „Man spielt eben nur so gut, wie Gegner es zulässt.“ Ich glaube, das ist der Punkt, an dem ich ansetzen sollte…

Sonntags gegen den finnischen Topspieler Tomi Nyback wählte ich aus ähnlichen Gründen wie in Ohrid gegen Onischuk das Schottische Vierspringerspiel. Hauptsache nicht wieder schnell in Nachteil geraten! Große Hoffnung, einen Eröffnungsvorteil zu erlangen, hegte ich zugegebenerweise nicht, aber Nyback spielte das frühe Mittelspiel insgesamt schwach ( er ließ mich im Vergleich zu der Onischuk-Partie mit einem superwichtigen Extratempo spielen), eindeutig schwach war sein 18…Tb7?! und so bekam ich in Zug 20 meine Chance auf etwas wirklich Greifbares.

Nyback

Stellung nach 19…Lc8-e6

Leider war an diesem Wochenende der 20.Zug mit dem Turm nicht mein Freund und so ließ ich hier nach kurzem Nachdenken mittels 20.Tad1!? eine Chance aus, den Gegner lange zu quälen: 20.cxd5! (Der Turm will eh in die c-Linie) 20…Lxd5 21.Dg3! Dxg3 (was sonst?!) 22.fxg3 gewinnt entweder ohne großen Kampf den c-Bauern oder lässt sich auf etwas wie 22…c4!? 23.bxc4 Tb4 24. cxd5 Txa4 25.Lc2 Td4 26.Tad1 Txd5 27.Txd5 Sxd5 28. Lb3 ein, wobei es mich nicht wundern würde, wenn die Bewertung dieser Stellung „Gewonnen für Weiß“ lauten würde, trotz ihrer oberflächlichen Einfachheit.
In der Partie folgte aber 20.Tad1!? Te7! 21.cxd5 (alles andere ist schwächer) 21…Lxd5 22.Txe7 Dxe7 23.De3!? Dxe3 24.fxe3 Tc8! 25.Tc1 Sd7 und Schwarz gelang es mit einer Prise Stellungsglück, die Balance zu halten.

Die beiden Partien und den folgenden Lacher gibt es hier zum Download:

Buli-Hamburg (cbv, 9 KB)

Der Lacher

Für den Lacher des Wochenendes sorgte (unfreiwillig) mein Hilfschaot Dennes Abel in seiner Begegnung gegen WGM Almira Skripchenko.

Abel,Dennes (2380) - Skripchenko,Almira (2448) [D20]
Bundesliga SF Berlin - Werder Bremen (2), 18.10.2009

1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.e3 e5 4.Lxc4 exd4 5.exd4 Sf6 6.Sf3 Ld6 7.0–0 0–0 8.Se5?! Nicht wirklich ambitioniert vom Youngster vorgetragen, allerdings wollte er nach 8...Sbd7 mit 9.Te1?? die Partie einstellen. 9.Lf4 [9.Te1?? Sxe5 10.dxe5 Lxe5! Jaja, 10 Uhr morgens ist nicht jedermann's Uhrzeit.] 9...Sb6 10.Lb3 c6 11.Sc3 Sbd5 Dennes: "Hier nuschelte sie schon etwas. Ich weiß aber nicht, ob es ein Remisgebot war oder nicht." 12.Sxd5!? Eine tiefgründige Falle, wie uns Dennes beim abschließenden Mannschaftsessen erläuterte. 12...Sxd5! [12...Lxe5 wird von 13.Se7+! mit Vorteil beantwortet. Die Begeisterung des Großteils der Mannschaft hielt sich in Grenzen.] 13.Lxd5 Dennes: "Ich schlage kein Remis aus, wenn ich sonst schlechter stehe!" 13...cxd5 14.Db3 Lc7 15.Dg3 Lf5 16.Sg6

Abel-Skrip

Hier bot Dennes Remis, die Gegnerin nahm an, die Figuren wurden aufgebaut, die Könige für die Live-Übertragung nach e4 und e5 gestellt und in den Wettkampfbericht ein 0,5:0,5 eingetragen. Dennes machte sich in den Analyseraum auf, sein Meisterwerk den beiden extra für uns angereisten Fans Mark McAdam und Florian Kull zeigen. Dort holte ihn aber nach 5-10 Minuten der Schiedsrichter begleitet von Almira Skripchenko mitten aus der Analyse heraus. Hätten Sie das gewusst? Ab dieser Saison wird in der Bundesliga besonders hart durchgegriffen und es gilt die 20–Züge-Sofia-Regel. Für meine Begriffe ist ein solches Reglement zwar genau so sinnvoll, wie etwa ein Verbot, sich vor dem Ablauf von 20 Minuten die Hände zu reichen, aber "Rägel ist Rägel" und so ging es für die beiden wieder ans Brett. Die Stellung nach 16.Sg6 wurde wieder aufgebaut, Dennes musste ein neues Partieformular ausfüllen (auf dem alten hatte er direkt unter den 16.Zug seine Unterschrift gesetzt und es war kein Platz mehr für die Notation vorhanden) und dann ging die Hängepartie weiter. Allerdings nicht für sehr lange, denn beide hatten keine große Lust mehr und die Stellung litt ebenfalls unter einer gewissen Vereinfachung. Ich frage mich echt, was passiert wäre, wohnte der Stellung eine etwas schärfere Natur inne und einer der Kontrahenten hätte in der Zwischenzeit etwa einen Weg zu klarem Vorteil gefunden. Sind die beiden dann eigentlich an das Remis gebunden? Und wenn ja, warum dann eigentlich das Theater um die vier zusätzlichen Züge? Fragen über Fragen...Ich finde das juristisch hochinteressant. Zum Glück blieben einem solcherlei Diskussionen gänzlich erspart nach: 16...Lxg6 17.Lxc7 Dd7 18.Dd6 Dxd6 19.Lxd6 Tfd8 20.Lf4 Tac8 ½–½


Das (nicht unübliche) Fazit

Ordentliche Mannschaftsleistung – zweimal verloren. Das Gefühl, überhaupt in der Bundesliga dabei sein und mitmischen zu dürfen, wiegt den Frust aber etwas auf.

Beim nächsten Bundesliga-Wochenende in Emsdetten in vier Wochen gilt für uns alle: Neues Spiel – neues Glück! Aus einem Downswing kann man sich nur geduldig herausspielen und dabei tapfer der eigenen Stärke vertrauen.

Vielleicht wird man dann in Emsdetten mittels einer wirklich komfortablen Anreise den Chaos- und den Stress- Pegel etwas besser auf niedrigem Niveau halten können, als es jetzt in Hamburg der Fall gewesen ist. Das könnte sich ja mal positiv auf die Leistung auswirken.

In der Zwischenzeit überlege ich mir, ob ich das Deizisauer Herbstopen mitspielen möchte, welches kommenden Donnerstag bis Sonntag stattfindet. Angesichts des Vorlesungsbeginns am heutigen Montag (ja, ich studiere immer noch!) tendiere ich zu einem Nein, aber ich würde soo gerne mal wieder eine Turnierpartie gegen jemanden gewinnen, der eine ELO zwischen 0 und 2698 besitzt… ;-)


P.S.: Ausführlicher Bericht aus Hamburg mit Fotos und Partien in Kürze auf www.schachbundesliga.de
P.P.S.: Es wird dringend gebeten, einige Abschnitte des obigen Artikels auf keinen Fall Rainer Polzin zu zeigen. Sonst könnte es passieren, dass der Schachzoo in Zukunft nicht mehr die Gelegenheit hat, vor Ort von der Bundesliga zu berichten.
P.P.P.S.: Der Zug hat heute bei Weinheim leider ein ausgebrochenes Pferd überfahren, deshalb kommt dieser Bericht 3 Stunden später als geplant ins Netz.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Großer Abschlussbericht aus Ohrid

Vermutlich ist allen aufgefallen, dass am Ende ein bisschen die Luft raus war. Schachlich lief es gar nicht mehr, die montenegrische Grippe erfasste immer größere Mannschaftsteile, und zum Bloggen kam man da schon gar nicht mehr. Immerhin hat Rainer bis zuletzt tapfer den Mut gefasst und auf der SF-Berlin-Homepage Runde für Runde den gemeinsamen Absturz inklusive nachspielbarer Partien dokumentiert. So dass ich das an dieser Stelle nicht mehr mache, mich damit begnüge zu erwähnen,
  • dass Platz 35 nicht unbedingt den Anfangserwartungen / den Erwartungen des Turnierverlaufs entspricht
  • dass 4 von 6 Spielern am Ende mit ihrer Leistung eher unzufrieden waren
  • und dass es in der Bundesliga, die übrigens am Freitag startet, eindeutig nur noch besser laufen kann
und prompt zur großen Spielerabrechnung übergehe.

1. Ilja Schneider (3/7 -5,3 ELO)

DSC00104
Ich hätte mich mehr auf das Schach als auf die Schwäne fokussieren sollen...

Mit meiner Leistung bin ich nicht zufrieden. Nicht nur, dass es mir über das ganze Turnier nicht gelungen ist, irgendwelche neuen Ideen zu zeigen (dort, wo ich es versucht habe, also in den Schwarzpartien gegen Sepp, Miladinovic und Ruck, ist es kläglich gescheitert), sondern wurde ich auch auf meinem "Heimatrevier", in Varianten, die mir bestens bekannt sein müssten, wie gegen Onischuk oder Docx, sofort aus der Eröffnung vor große Probleme gestellt. Ich spielte über das gesamte Turnier unkonzentriert, übersah einfache Taktiken und zeigte teilweise grobe Fehler in der Stellungseinschätzung, wobei ich die Stellungen teilweise mit übergroßem Optimismus (Bauernraub gegen Sepp und gegen Miladinovic, das sinnlose Bauern"opfer" in der ersten Runde gegen den jungen Albaner), teilweise auch mit unerklärlichem Pessimismus (Docx, Ruck, auch gegen Ivanchuk und Onischuk) angegangen habe. So sucht man nicht nach den geeigneten Zugkandidaten und findet auch keine guten Züge.
Ferner gab es bei mir schon lange gekannte Problem mit der Increment Bedenkzeit, die meinem Spielstil total widerspricht.
Gut waren aber immerhin (teilweise) der Kampfgeist und die Endspieltechnik in den Endspielen gegen Sepp und Onischuk. Hätte mir letzterer nicht durch einen groben Einsteller im Mittelspiel vorher einfach einen ganzen Punkt geschenkt, so wäre das Turnier mit 2/7 einfach eine blanke Katastrophe. So war es einfach nur ein schlechtes Turnier, was einige Fragen aufwerfen sollte, für deren Beantwortung ich allerdings einige Zeit benötigen werde.


2. Rainer Polzin (2/7, -18,5 ELO)

Rainer Polzin
Rainer entspannt auf dem Boot.

Noch viel weniger, als das es mein Turnier war, ist es das Turnier unseres Team Captains Rainer gewesen.
Nach dem Pflichtsieg in Runde 1 gegen einen schwachen Albaner lässt sich der Auftritt von Rainer in zwei Teilen zusammenfassen:
  • drei mehr oder weniger einseitig verlorene Schwarzpartien, allerdings gegen äußerst starke (Gashimov, Miroshnichenko) bzw. stark spielende (der Belgier Wemmers, holte mit einer Performance von über 2650 eine GM-Norm) Gegnerschaft
  • drei Partien mit den weißen Steinen gegen schwächere Gegner, in denen Rainer nach der Eröffnung dank guter Vorbereitung mindestens klaren Vorteil hatte, diesen dann aber jeweils infolge u.a. einer unglücklichen Zeiteinteilung noch einstellte. Das krasseste Beispiel war in der letzten Runde, als er das hier noch verlor:
Rainer Polzin - Mikulas Manik ECC Ohrid (7)

Polzin-ManikWeiß gewinnt mit 38.Sd6! sofort, es kam aber leider 38.Sxb2? Dxb2 39.d6 Db6! 40. Tfa1?? (40.Td7 genügte vollkommen) 40...Dxd6 und bald 0:1

Schwierig zu sagen, wie so ein Absturz zustande kommt. Nerven, das fehlende Training, Pech, fehlendes Stellungverständnis... Rainer wusste es selbst nicht so genau. Fest steht jedenfalls, dass er in der kommenden Bundesliga-Saison alles daran setzen wird, diesen Auftritt beim Europacup vergessen zu machen. Achja, und wenn das oben nicht so deutlich herausgekommen ist, das gilt auch für mich.


3. Jan Lundin (2/7, -17,1 ELO)

IMGP0277
Ging deutlich cooler mit dem Misserfolg um, als die meisten: Jan Lundin

Der sympathische Schwede un unseren Reihen ist in meinen Augen ein typischer schachlicher Autodidakt. Soweit ich das richtig verstanden habe, hatte er nie einen richtigen Trainer und bringt sich das königliche Spiel gewissenhaft aus Büchern und Praxis im Internet bei ("Täglich eine halbe Stunde"). Auf diese Weise schaffte er innerhalb der letzten 7-8 Jahre den Sprung von einem Spieler mit ELO 2100 zu einem IM in spè, dem nur noch einige Pünktchen zum Titel fehlen. Im Moment spielt er einigermaßen viel Schach, früher lagen die Dinge anders.

Wie ich es häufig bei Spielern beobachtet habe, die sich ihre Ausbildung größtenteils nicht draußen auf der Straße, sondern zuhause im eigenen Sessel holen, sind die schachlichen Qualitäten in diesen Fällen oft sehr unregelmäßig verteilt. Jan ist dabei keine Ausnahme. Während mich sein Eröffnungsspiel und sein taktischer Ideenreichtum in Ohrid schlichtweg beeindruckte (er kann Eröffnungen deutlich besser als etwa ich!), stellte ich bei ihm einige Endspielschwächen und einen etwas wenig ausgeprägten Sinn für Gefahren fest. Fehlender Hang zum Pragmatismus. Und natürlich auch eine, mit dem letzten Punkt untrennbar verbundene Unsicherheit, jedes Mal, wenn es in die Zeitnotphase ging.
So kam es, dass Jan Schwierigkeiten hatte, eine Partie ganz auf dem in der Eröffnung eingeschlagenen hohen Niveau durchzuspielen. Er war derjenige von uns, der mit Abstand am meisten Chancen und Punkte wegwarf, alleine 2,5 in den letzten 3 Runden. Etwa in der letzten Runde:

Rafal Antoniewski - Jan Lundin ECC Ohrid (7)

Ant-Lundin Hier spielt man normalerweise ohne nachzudenken, 29...Sd5!, platziert das Tier nach c3 und erhält klaren Vorteil. Jan hat die Berliner Mauer bisher gegen den starken Großmeister vorbildlich behandelt, aber schickt nun den Springer auf eine Horrormission: 29...Sf5? 30.g4 Sg3 31.Te1 Jetzt kann der Springer nicht mehr heraus, wenn man ihn nicht sofort mit 31...Ld5 über das Feld e4 befreit. Aber Lundin zog nun 31...Tc6?? und nach 32.Le7! Td7 33.Lh4 war der Springer einfach weg und der e-Bauer bald durch.

Es ehrt Jan, dass er Misserfolge wie diesen, ganz im Stile eines Diplomaten stets mit betonter Fassung trug "Ich habe einiges gelernt." oder "Solche Züge hätte ich noch vor einem Jahr nicht gefunden.", aber abstellen wird er solche Fauxpas' erst können, wenn er Schach noch mehr als bisher im Sinne eines Kampfes und nicht wie eine Lehre oder eine Ausbildung betrachtet.
Aber dafür ist er jetzt schon ein unglaublich netter und unkomplizierter Zeitgenosse.


4.Rudi (5/7, +26,4 ELO)

Henrik Rudolf
Hatte im Laufe des Turniers, das er sich mit einer überfälligen ersten IM-Norm veredelt hat, am meisten zu lachen: Henrik Rudolf ("Rudi")

Es gibt immer jemanden, bei dem läuft es einfach. Egal was er anfasst, es klappt alles. Dieses Mal war Rudi der Glückliche in dieser Rolle.

Rudi machte eigentlich das was er immer macht : Dynamisch, aggressiv, immer nach vorne ausgerichtet angreifen. Aber er spielte diesmal einfach gut, bereitete sich gewissenhaft vor und erhielt, ganz im Gegensatz etwa zu mir, "seine" Stellungen aufs Brett. So kamen die Punkte einer nach dem anderen. Als Rudi bei 3,5/5 notierte und ihm vermutlich bereits ein Remis zur ersehnten IM-Norm reichen täte, spielte er mutig seinen geliebten Königsinder nach vorne und gewann seine beste Partie. Insgesamt eine starke Vorstellung des Rostockers, die sogar noch durch die nicht wirklich verdiente Niederlage gegen das alte Eisen Beljavski getrübt wurde. Auch da hatte sich Rudi vorher mit energischem Angriffsspiel mit Schwarz einen Vorteil erarbeitet.


5. Jan Wendt (4/7, +6,4 ELO)

Jan spielte hinten ein solides, fast schon etwas unauffälliges Turnier, baute aber gegen Ende, so wie der gesamte Rest etwas ab. Seine Schwarzsiege in den Runden 3 und 4 waren für die Mannschaft absolutes Gold wert, die Niederlage gegen Smirin in Runde 2 vermeidbar, die gegen Baklan un Runde 5 gerechtfertigt.
Dass es am Ende nicht auch für Jan für eine IM-Norm reichte, liegt an den zwei Remisen aus deutlich besseren Stellungen am Ende des Turniers. Zuerst hat sich Jan mit dem Verbraten an Unmengen von Bedenkzeit mit Weiß selbst ausgetrickst, bis die Stellung im Ausgleich versandete, danach unterschätzte er bei einem Massenabtausch im Mittelspiel, im Vertrauen auf seinen entfernten Freibauern ein lehrreiches Festungsmotiv im Läuferendspiel.
Es war für Jan beileibe kein schlechtes Turnier, aber auch er könnte aus meiner Sicht noch eine Prise Abgebrühtheit oder Pragmatizizät gut vertragen.

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Hielten hinten alles dicht: Jan Wendt und Stephan Bruchmann. Links Jan Lundin


6. Stephan Bruchmann (4/7, +4,8 ELO)

Stephan musste bei uns hinten auf Brett 6 den Abräumer spielen und das gelang ihm sehr vorbildlich. In der ersten Runde beim 5,5:0,5 gegen die Albaner noch mit dem Pech, das einzige Remis genau gegen einen ELO-Träger zu platzieren (man sollte allerdings erwähnen, dass dieser Spieler in der Folge durchscorte: 6,5/7 ), drehte Stephan das Turnier mit in der Folge 2/3 (darunter ein sicheres Remis gegen GM Golod) schnell zu seinen Gunsten. Der schöne Sieg in Runde 4 gegen den montenegrischen Grippeträger wurde allerdings mit dem teuren Preis der Ansteckung erkauft. Geschwächt fand Stephan am Folgetag das Remis gegen den ukrainischen GM Vysochin nicht und schob, sichtlich von der montenegrischen Grippe gezeichnet in Runde 6 ein Kurzremis ein. Nur um am letzten Tag (allerdings gegen einen nicht so starken Gegner) nocheinmal zuzubeißen und sich über 50% zu hieven, die ihm noch eine moderate ELO-Steigerung beschieden.
Daneben ist noch zu erwähnen, dass Stephan zusammen mit mir gewissenhaft die Verantwortung für den "Gute-Laune-trotz-Chaos-Faktor" geteilt hat und mindestens genauso viel zu dessen Gelingen beigetragen hat, wie euer Autor, so dass ich mich sehr gerne an seine zahlreichen Sprüche und Anspielungen erinnere.


Als Fazit bleibt festzuhalten: Ohrid und der See sind herrlich, das gute Essen und das "Skopsko"-Bier kriegt man nachgeworfen, für die "Musik" sollte man genügend Ohrstöpsel bereithalten, eine sechsstündige Fahrt durch Mazedonien ist stressig und durch die schachliche Traumatisierung die in dieser Woche stattfand, habe ich starke Zweifel, ob ich mich jemals in meinem Leben wieder in Ohrid ans Brett traue.

DSC00099
Tschüüüss!

P.S. *Hust! Hust!* Ich bitte um besondere Wertschätzung für den Umstand, dass ich das alles gestern so oder so ähnlich schon einmal eingetippt hatte und mich tatsächlich noch einmal aufraffte, dieses titanische Werk zu wiederholen.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

YES!!

Scheinbar wissen es hier schon alle: Ilja Schneider ist wieder im Turnier angekommen.

Dabei hätte alles auch ganz anders kommen können. Ich war ganz schön angefressen von meiner gestrigen Niederlage gegen Igor Miladinovic (diese beschämende Leistung ist hoffentlich bald wie auch alle anderen zusammen mit dem Bericht über unseren gestrigen Sieg gegen Podgorica auf unserer Homepage zu finden; sorry, dass ich gestern echt keinen Bock mehr hatte, irgendwas zu schreiben, wer die Partie sieht, weiß warum!) und habe mich heute beim Mittagessen von meinen Mannschaftskameraden überreden lassen, meine Katalanischvorbereitung gegen Onischuk zugunsten von irgendetwas fallenzulassen, bei dem man "innerhalb der ersten 7-8 Züge sicher zur Rochade kommt." Es wurde Schottisches Vierspringerspiel, was ich schon seit etwa 2000 spiele und sich am Ende als absolut glückliche Wahl herausgestellt hat. Auch wenn ich zwischendurch totalen Mist gebaut habe und vermutlich fast auf verlorenem Posten stand. Aber dann stellte Onischuk mit nur einem einzigen Zug 26...Dc7?? die kompletten Früchte seiner vorherigen Arbeit ein und auch einen Bauern, den ich im Endspiel halbwegs sicher verwerten konnte.

Ilja Schneider - Alexander Onischuk, ECC Ohrid, 2009

Onischuk

Ich stehe hier total schlecht, aber 26...Dc7?? wurde mit 27.Dxc7 Txc7 28. 28.Sxc5! und +- beantwortet. Während Onischuk hier lange mit den Händen vorm Gesicht erfolglos nachdachte, kam Nakamura mehrfach vorbei und schüttelte nur vorwurfsvoll seinen Kopf.

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Dieses Bild stammt aus dem achten Zug, als die Welt noch für beide in Ordnung war. Was Rainer bereits hier die Sorgenfalten auf die Stirn treibt, weiß ich nicht.
(Quelle: Turnierseite)

Die gesamte, kommentierte Partie folgt heute im Laufe der Nacht oder spätestens morgen. Der Bericht über den heutigen Kampf, den wir gegen die GM-Truppe aus Kiev leider sehr viel zu hoch 1:5 verloren, wird in diesen Minuten im Nachbarzimmer von Rainer und Rudi verfasst und wird auf der SFR-Berlin-Homepage zu lesen sein.

Warum es heute geklappt hat? Es gibt ja sowas wie Delphintherapien, heute habe ich beim Hafenrundgang eine Schwantherapie gemacht:

DSC00107

P1243-01-_08-10-09

Prachtschwan aus Ohrid
Schwan gehabt, würde ich sagen

Viele Grüße aus Ohrid, euer schon etwas zufriedener Ilja

P.S. Wie gesagt, Partie Schneider - Onischuk kommt bald!

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Ein unglaublich umkämpftes 4:2 gegen Vantaan Shakki

Das einzige Geschenk, was uns heute die netten Finnen verteilten, war ein Buch über ihre Heimatstadt Vantaan und eine Tasse mit dem Logo derselben. Am Brett leisteten die Männer aus dem Norden mit Ausnahme des Gegners von Jan Wendt, der souverän gewann, erbitterten Widerstand. Seine Partie war mit 46 Zügen die kürzeste des Matches, was eine Menge über den beidseitigen Kampfeinsatz aussagt. Im Endeffekt konnten Rainer und ich unsere verlorenen Stellungen zum Remis retten, und auch Stephan profitierte davon, dass sein Gegner ein gewonnenes Bauernendspiel nicht durchschaute. 2,5:1,5. Die letzen beiden Partien gingen über eine Dauer von weitaus über 5 Stunden und fanden in ihrer Schlussphase in einem weitestgehend verwaisten Turniersaal statt. Am Ende willigte Jan Lundin nach 70 Zügen und vielen Stellungswiederholungen (Stephan und ich zählten 8!) auch ins Remis ein und Rudi profitierte in einem gewonnenen Endpiel von seinem eigenen Qualitätseinsteller, da dieser die Stellung zwar verdarb, aber auch vereinfachte und der Gegner nach langer Gegenwehr den nicht zu schweren Remisweg nicht fand, wonach es sofort aus war. Am Ende stand ein schmeichelhaftes 4:2, aber es hätte alles auch ganz anders kommen können.

Meine Partie besteht aus zwei unzusammenhängenden Teilen. Für den ersten (gekrönt mit dem unfassbaren 18...Sf5? - kein grober Fehler aber wie konnte man da bitte auf Sg6! verzichten??, sowie dem hyperaktiven 20...g5?! - stillhalten mit 20...b6 wäre besser) gebe ich mir eine Wertungszahl im 2000er Bereich, sowohl für Strategie als auch für Taktik. Das war ganz schwach.

Olav Sepp (2442) - Ilja Schneider (2500) Ohrid Europacup 2009 Sepp
nach 20...g7-g5

Dann, im schlechten oder auch verlorenen Endspiel angekommen, entwickelte ich allerdings eine bemerkenswerte, fast schon ungewohnte Zähigkeit und schaffte es durch eiserne Gegenwehr dem Esten IM Olav Sepp immer neue Probleme zu stellen, bis er im 5-Steiner den von Datenbank angezeigten Gewinn nicht fand und mich am Ende ins nicht unverdiente Remis entließ. Dieses Ergebnis schmeckt mir im Moment eindeutig süßer als ein Sieg.
Wie sagte schon Winston Churchill: "Wir werden niemals aufgeben. Niemals! Niemals! Niemals!" Diesmal hat es wirklich etwas gebracht.

Sepp-Schneider (cbv, 5 KB)
Sepp-Schneider1 (pgn, 4 KB)

Morgen spielen wir gegen Buducnost Podgorica aus irgendwo vom Balkan. Die sind etwa gleich gut wie wir und mein Gegner, Igor Miladinovic, ist ein echter Tschigorin - und Trompowski-Gott, also jemand von dem ich noch eine dicke Scheibe abschneiden kann. Mal sehen, wie es wird.

Jetzt aber die angekündigten Photos:

DSC00061
Das Bild zur Partie Ilja - Wasja. Heute hatte der gute Mann auch den Anzug an, trug aber Sandalen dazu. Und verlor mit Weiß gegen Svidler.

P1414-01-_06-10-09
Die SF Berlin auf hoher See, im Hintergrund der Kapitän der "Queen Elisabeth", die uns ab jetzt wohl täglich zum Spiellokal bringern wird.

P1415_06-10-09
Ein bisschen Sonnenbaden vor der Partie.

P1418_06-10-09
Das Hotel Inex Gorica, wo gespielt wird, ist rechts hinter dem Hügel. Die Berge ganz rechts im Hintergrund gehören zum 19km entfernt liegenden Albanien.

P1133_05-10-09
Schwäne im kristallklaren Wasser im Ohrider "Hafen"

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