Deutschlandreise

Freitag, 30. September 2011

Road Trippin

So. Bevor es morgen zum Ausklang der herbstlichen Schnellschachsaison noch einmal auf Reisen geht, sollte ich vielleicht doch noch mal auflösen, wie es wirklich war.

Wie bei so manchem Streifen gestaltete sich die zweite Auflage der Ostdyssee deutlich unspektakulärer als die erste. Keine fliegenden Flaschen, keine zertrampelten Rosen und keine Provokation von Nazi-Jugendlichen. Stattdessen wurden nur ein paar Bierchen gezischt und sich so auf das Schach konzentriert. Da weiß man gar nicht recht, worüber man schreiben soll. Höchstens von einer Zweckentfremdung des Pokals durch den Turniersieger von Sangerhausen (Endtabelle hier, dann auf Endstand Rosenturnier 2011 klicken!), wobei, wenn man sich bedenkt, wofür Pokale ursprünglich mal geschaffen sind, dann...

P1622_24-09-11

Für euren Autor war nach dem überzeugenden Sieg 2009 diesmal nur die Silbermedaille drin. Schuld daran waren das sonnige Spätsommerwetter und die deutlich zuvielen Remisen, eines davon gegen den mit 1675 DWZ gewerteten, aber sich im Turmendspiel hervorragend verteidigenden Stefan Lehnert vom Gastgeberverein. Den Rekord gerbrochen habe ich an diesem Tage damit allerdings nicht: Alexander (der) I schaffte in der ersten Runde sogar 1397, und das nicht ohne zwischendurch komplett auf Verlust zu stehen!

Als Drittplatzierter durchbrach am Ende der einheimische Michael
Strache (seine Partie gegen Alexander aus 2009 werde ich meinen Lebtag nicht vergessen - ich glaube da flog am Ende auch die Uhr durch die Gegend!) die Phalanx der siegreichen Hannoveraner, die auf Platz 4 von Freddy Polenz komplettiert wurde.

Bedingt durch das 2009 verhängte Wittenberge-weite Hausverbot in sämtlichen gastronomischen Lokalen (ein kleiner Scherz am Rande, aber beschweren hätte man sich wirklich nicht dürfen) machten wir diesmal 50km vorher in Stendal halt und stießen auf eine kleine Kostbarkeit, die ich leider vergaß, zu fotografieren. Deshalb ein Bild aus Wikipedia:

Uenglinger-Tor
Quelle: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Uenglinger_Tor.jpg&filetimestamp=20070203000723

Das ist das Uenglinger Tor in Stendal und, wie leicht vorzustellen, Teil der alten Stadtmauer. Die Bewohner von Stendal nennen es "das zweitschönste Tor Deutschlands", wobei sie dem Holstentor in Lübeck den Spitzenplatz zugestehen.

Nach einer kleinen Stärkung (Alexander eine Art Picknick auf dem Turm mit Blick auf die Lichter der nächtlichen Stadt, der Rest in einem kleinen, gemütlichen Lokal ganz in der Nähe) und ein paar Runden Doppelkopf in der Pension ging es kurz nach Mitternacht erschöpft zur Nachtruhe. Leider hatte ich in meiner Funktion als Reiseplaner wahrlich nicht meinen besten Auftritt erwischt. Das von mir gebuchte Apartement war - nun ja - überschaubar, so dass die im Wohnzimmer zum Zwecke der Platzschaffung für die beiden Klappbetten zur Seite gestellten Möbel zwangsläufig die Tür zum Schlafzimmer blockierten und den Durchgang nicht bloß erschwerten, sondern einfach komplett verhinderten. Nichts mit "kurz mal nachts raus"... Ich weiß, ich hätte das fotografieren sollen, aber es ging ja nicht, weil ich auf der falschen Seite gefangen war! Meine Zahnbürste hatte ich allem Ärger zum Überfluß auch noch zu Hause vergessen, diese wäre aber angesichts der Situation beileibe nicht so wichtig gewesen wie eine ordentliche Portion Granufink! Wie dem auch sei, zum Glück verlief die Nacht ohne erwähnenswerte Zwischenfälle. Naja. Seien wir fair und zählen wir mal die auf Discolautstärke geschalteten Zeichentrickserien (denen man auch aus dem Nebenzimmer wirklich noch gut folgen konnte) um 6 Uhr morgens nicht mehr zur Nacht dazu. Es war ja schon fast wieder hell...



(to be continued)

Dienstag, 27. September 2011

Alptraum

Wieder eine Art Ostdyssee. In der gleichen Besetzung geht es aber diesmal tief in den Süden, ins bayerische Treuchtlingen. Keine Ahnung, wie ich darauf komme, denn ich bin auch noch nie dort gewesen. Jedenfalls soll da ein Blitzturnier stattfinden.

Das Wetter ist gar nicht mehr sommerlich. Es ist kalt, neblig und noch ziemlich dunkel. Wir sind schon ziemlich spät dran und haben uns wie immer auch noch verfahren. Irgendwo bei Ulm (natürlich viel zu weit südlich!) verlassen wir die Autobahn. Ich habe mal wieder mein Navi nicht dabei, sondern nur meine zehnteilige Kartensammlung, die ich aber als Fahrer leider auch so gut wie als einziger lesen kann. Auf dem gelben Schild nach der Ausfahrt steht "Treuchtlingen 34 km". Vielleicht wird ja noch alles gut.

Dann passieren wir eine Baustelle, an der ganz viele Polizeiwagen stehen und Beamte massenhaft die rot-weißen Kellen schwingen. Verkehrskontrolle. Sowohl in Hin- als auch in Rückrichtung. Ich hoffe bis zuletzt, durchzukommen, ohne angehalten zu werden, aber... der letzte von ihnen in der Reihe hebt, kurz bevor wir passieren seine Kelle hoch. Keine Chance, Flucht zwecklos.

Wir halten an, aber dann steigt er in sein Auto und ein "Bitte folgen!" erscheint oben auf der LED-Anzeige. Wir fahren ihm ein paar Kilometer hinterher, in irgendeine mir unbekannte Stadt hinein und parken hinter ihm in der Innenstadt, nicht weit von der Fußgängerzone. Es ist immer noch ungemütlich neblig und kalt und ich spüre auch, dass wir langsam überhaupt keine Zeit mehr haben.

Der Polizist klopft an der Beifahrertür, wo ihm Baron von Münchhausen sofort aufmacht. Sofort fallen dem Beamten etwa ein Dutzend leere Bier- und Wasserflaschen vor die Füße. Außerdem scheinen sich die Autoinsassen während der langen Fahrt an die dem Polizisten ungewohnte, muffige und stickige Geruchskulisse gewöhnt zu haben. Er ist sichtlich angewidert. Es ist ein älterer Mann mitte Fünfzig mit blondem lockigen Haar.

"Führerschein und Fahrzeugschein bitte!"

Letzteres kann ich bieten. Ersteres trotz zehnminütiger Suche nicht. Langsam dämmert es mir: Am Vortage hatte mich noch Userin Rössel kurz zur Tanke was holen geschickt und ich habe das Plastikkärtchen noch in der anderen Hose. Wie passend. Das gilt übrigens auch dafür, dass mein Perso, der der Bulle dann sehen will, schon seit Ende Juli abgelaufen ist.

Jedenfalls will mich der Typ verständlicherweise gar nicht mehr fahren lassen. Wir haben aber auch echt schon wirklich keine Zeit mehr. Dann aber versuchen Freddy und der Baron ihn zu beschwichtigen. Von wegen, wir fahren zu einem wichtigen Schachturnier und wir kommen aus Hannover und sind schon seit 4 Uhr morgens unterwegs und bla und blubb... Die beiden haben damit zwar Erfolg, denn der Polizist stellt sich sogar als extremer Schachliebhaber heraus, aber es führt dazu, dass er noch auf einen gemeinsamen Spaziergang die Straße runter besteht wo er uns über alles ausfragt, was eben alle Leute wissen wollen, die keine Ahnung von Schach haben: Wer die Turniere organisiert, was man gewinnen kann, was es mit dieser Ratingzahl zu tun hat, welche Eröffnungen es gibt... und und und. Es dauert alles eine gefühlte Ewigkeit. Ich bin kurz vorm Platzen. Eine gefühlte halbe Stunde später kommen wir endlich von dem anhänglichen Beamten los.

Nun sitzt Alexander neben mir, weil ich ihm das Kartenlesen noch am meisten zutraue. Irgendwie sind wir wieder auf der Autobahn... kleiner logischer Filmriss. Aber Treuchtlingen ist plötzlich von allen Schildern verschwunden.

"Wir fahren in die falsche Richtung, ihr Blödmänner!"

Ich verlasse die Autobahn an der erstbesten sich bietenden Gelegenheit. Leider war es nur die erste, aber nicht die beste. Es ist keine richtige Ausfahrt, sondern ein Dreieck mit einer Bundesstraße, wo man nicht so schnell auf die Gegenrichtung zurückkommen kann. Endlich bietet sich auch auf der Bundesstraße eine Gelegenheit zum wenden. Alles schnell, alles hektisch, mein Herz zittert, genau so wie meine Hände.

"Alexander, guck noch mal nach, ob wir wirklich in die andere Richtung auf der Autobahn müssen!"

Alexander fuchtelt mit der Karte Nr.8 (Südostdeutschland) rum, aber findet einfach nicht, wo wir sind. Ich bin am Steuer und der Verkehr ist so dicht, dass ich nicht helfen kann.

"Alexander, du musst die Karte umdrehen! Wir sind auf der Rückseite!"

Ich sage es ihm zwei bis drei Mal, ich flehe ihn geradezu an, aber er hört einfach nicht auf mich. Waren wohl einfach ein paar Bier zu viel nach der Abfahrt in Hannover. Mit den Worten "Scheiß-Karte, die bringt eh nix!" wirft er sie auf voller Fahrt aus dem Fenster. Ich sehe noch genau, wie sie in einem Busch landet.

"Bist du verrückt? Warum hast du das getan??! Wie sollen wir das jetzt finden?!", brülle ich ihn an, aber es kommt keine Reaktion. Auch nicht von der Rückbank.

Ich habe noch eine Gesamtdeutschland-Autobahnkarte in der Kartensammlung, kein großer Maßstab, aber sie ist nun unsere einzige Chance. Aber nirgendwo ein Platz zum Anhalten. Ich schalte in der Hektik das Warnblinklicht ein und halte am rechten Fahrstreifen. Hinter mir staut sich der Verkehr. Sie hupen und überholen mich auf der linken Seite. Ich krame eilig in der Kartenverpackung. Aber vergeblich. Sie ist nicht da. Zumindest finde ich sie einfach nicht. Ich bin verzweifelt. Ich nehme die Augen hoch und bemerke plötzlich, dass ich nicht mehr auf der rechten Spur halte, sondern auf der linken. AAAAHHHH!!!

"Freddy, wo ist verdammt die Autobahnkarte? Hast du die irgendwo gesehen? Kannst du mir bitte helfen?", rufe ich in meiner Verzweiflung, ohne mich umzudrehen.

Lange, fast ewige Pause. Um uns herum der dröhnende und hupende Verkehr.

"Ne, kann ich grad nicht", höre ich von hinten. Kurz nachdem ich verstehe, dass wir verloren sind, wache ich schweißgebadet auf und Userin Rössel liegt neben mir.

Samstag, 24. September 2011

Vorsicht, bücken!

Bald geht es wieder rund. Ob Bärchenwurst, Cashew-Nüsse am Schachbrett, malträtierte Frühstückseier oder auch (gütiger Himmel, bitte nicht schon wieder!) aus dem Fenster fliegende Bierflaschen: Morgen und Sonntag wird die legendäre Ostdyssee nach 2 Jahren wieder ihr Comeback feiern. Und dies nur in minimal veränderter Besetzung (scheint den Red Hot Chili Peppers ja auch nicht geschadet zuhaben), lediglich Pablo-Leon Villagra wird durch den "Lügenbaron" ersetzt. Mich momentan in ganz guter Rapid-Form befindend, hoffe ich auf ein erfolgreiches und abgeklärtes Abschneiden bei den beiden Turnieren in Sangerhausen und Wittenberge. Aber besonders, dass mein Auto heile bleibt.

Nochmal zur Erinnerung, was bisher geschah:

Teil 1

Teil 2

Ganz andere Sorgen hat gerade eine Gruppe von sechs tapferen SF-Berlinern. Angeführt von Rainer Polzin fahren meine Vereinskollegen ins slovenische Rogaska Slatina, um sich dort ab übermorgen beim Europacup auf die neue Saison einzustimmen. Im Gegensatz zu Fügen undOhrid bin ich diesmal nicht dabei, verweise aber auf die von Christoph Nogly (unser nimmermüder Webmaster) angekündigte tägliche Berichterstattung auf der Homepage der SF Berlin. Sein erster Eintrag ist hier zu lesen.

So, und jetzt ins Bett. Die Kraft werde ich morgen brauchen, körperlich und psychisch.

Mittwoch, 21. September 2011

Knapp am Pathologen vorbei (;

Irgendwie ist mir aufgefallen, dass es keinen echten Vorteil bietet, den nächsten Beitrag immer und immer wieder aufzuschieben. Immerhin wird die Themenauswahl von Woche zu Woche auch nicht gerade kleiner. Also los.

Den letzen Artikel schrieb ich am 7. September, am Vorabend des LGA-Cups in Nürnberg. Vielleicht war gerade das der Fehler und ich hätte in dieser Zeit lieber zum Arzt gehen sollen. Ich hatte nämlich seit 2-3 Tagen recht hartnäckige Halsschmerzen, das aber ohne jegliche Erkältungssyndrome. Essen machte auch keinen großen Spaß mehr, denn Schlucken tat auch weh. Aber nein, wir gehen nicht zum Arzt und fahren lieber erstmal für 4 Tage auf ein Schachturnier, auf das wir sowieso keine richtige Lust haben. Das wird bestimmt besser...

Spätestens nach zwei Tagen habe ich verstanden, dass die Lage wirklich ernst ist. Die Schmerzen waren mittlerweile so ausgeprägt, dass sie entscheidend den Tagesablauf bestimmten. Außerdem hatte ich einen tierischen Hunger, denn ich hatte seit einer gefühlten halben Woche nichts Vernünftiges mehr gegessen. Wenn mein Punktestand zu diesem Zeitpunkt irgendein anderer als 3/3 gewesen wäre, wäre ich vermutlich einfach nach Bayreuth gefahren und am nächsten Tag zum Arzt. So siegte der falsche Ehrgeiz und ich fuhr stattdessen zur Notapotheke, wo ich mir von einem für sein gesetztes Alter sehr ungeduldigem, der deutschen Sprache weitestgehend unmächtigen Apotheker ein überteuertes Halsspray andrehen ließ, von dem ich bis heute überzeugt bin, das es mir am Ende mehr geschadet als genützt hat. Das gleiche gilt übrigens mit Sicherheit auch für den Hot Chili Whopper, den ich mir ausgehungert auf der Fahrt zurück zum Hotel noch gierig reingestopft habe.

Geschlafen habe ich dieser Nächte kaum, ein Umstand, der durch das fehlende W-Lan (Ich sag es ja immer, die besten Hotels - und das gehört das Hotel am Tillypark definitiv dazu! - haben immer die größten Probleme mit dem Internet. In jeder Pension auf dem Land gibt es normales W-Lan) nicht gerade erträglicher gemacht wurde. Sprechen war mittlerweile auch eine recht schmerzhafte Angelegenheit geworden, so dass ich nun paradoxerweise versuchte, zu schweigen, wo immer es geht. Aber auf einem Schachturnier mit so vielen bekannten Gesichtern ist es nunmal nicht so einfach, zumal ich mich mittlerweile auf den Übertragungsbrettern eingenistet hatte, deren "Bewohner" nach Beendigung der Partie in Nürnberg immer nach einem kurzen oder auch nicht so kurzen Statement zum Spiel gefragt wurden.

Eigentlich wollte ich aber nur noch nach Hause. Man könnte mir sogar vorwerfen, die vierte Runde extra auf Verlust angelegt zu haben, um das Nürnberger Drama möglichst schnell zu beenden. Doch es scheint so, als ob mein Gegner, der junge Korbinian Nuber beim LGA-Cup nur auf Großmeister spezialisiert war, derer er drei schlug. Mich ließ er jedenfalls in einer mutmaßlichen strategischen Gewinnstellung einfach in die Zugwiederholung:

Korbinian Nuber - Ilja Schneider, LGA Cup Nürnberg 2011 (4)



26.Td1 Taa8 27.Tf1 Ta7 28.Td1 folgte, statt mich mit irgendetwas Natürlichem wie einem Vorrücken des Königs langsam, aber sicher ausbluten zu lassen.

Nun hatte ich eigentlich ziemlich viel Zeit bis zur nächsten Runde, um mich um eine etwas angemessenere medizinische Versorgung zu kümmern. Ich war gerade dabei, mich an der Rezeption der LGA, wo wir gespielt haben, nach einem Arzt zu erkundigen, als eine mir unbekannte Frau das Gespräch mitbekam. Nachdem sie mich fragte, was ich denn habe, erklärte sie mir, dass unter den Teilnehmern sich ein Arzt befinde. Da ich diese Person sogar zufällig kannte (anläßlich einer Partie, die wir in Frankfurt vor 3 Monaten spielten und ausführlich analysierten), beschloss ich in meiner Faulheit einfach, ihn nach seiner Partie abzupassen und ihn freundlich zu bitten, einen kleinen Blick in meinen Hals zu werfen.
Selbstverständlich spielte er in dieser Runde ewig und analysierte dann noch viel ewiger mit seinerm Gegner. Als ich ihn danach suchen wollte, war er schon weg. Auf dem Weg zurück zum Hotel traf ich den Doktor dann doch noch zufällig, wo sich aber dann aber herausstellte, dass er seinen Doktor nicht etwa in der Humanmedizin, sondern in Geschichte abgelegt hatte. Knapp daneben. "Mit mir werden sie auch nicht gesünder!" sagte er noch zu mir und wir verabschiedeten uns. Mist!

Dann spielte ich am Nachmittag gegen den deutschen Vorkämpfer des Seniorenschachs Klaus Klundt. Dass er als starker Taktiker bekannt ist, braucht man nicht extra zu betonen, außerdem stellte er dies noch am gleichen Morgen gegen den belgischen GM Vadim Malakhatko unter Beweis, den er einfach vom Brett kegelte. Jedenfalls war meine Entscheidung, eine möglichst ruhige Stellung aufs Brett zu stellen, beileibe nicht dumm - es gelang mir nur nicht...

Ilja Schneider - Klaus Klundt, LGA-Cup Nürnberg 2011 (5)



Er hat gerade den Läufer nach d7 entwickelt. Was besitzt für mich jetzt Priorität? Die d-Linie zu sichern, oder zu verhindern, dass der Läufer sich bequem nach c6 stellt? Natürlich "entschied" ich mich für das Falsche. Die Gänsefüßchen deshalb, weil mir meine Bedenkzeitaufzeichnungen auf meinem Partieformular verraten, dass ich nach 19.Se5? eine Minute mehr Zeit hatte, als vorher. Ergo: Lange kann ich an diesem Zug nicht überlegt haben. Lange wäre aber auch nicht nötig gewesen, um festzustellen, dass 19.Td1 angebracht war.

19...La4! Na super. Und wie komm ich jetzt auf die d-Linie? Naja, schnell 20.b3?? Passiert schon nix... 20...Td8 21.De3



Nun war es an meinem Gegner, schnell zu ziehen. Er dachte hier glücklicherweise nicht wirklich nach, sondern beförderte seinen Läufer nach e8. Ich spielte dann den Turm nach d1, nach und nach fielen alle Figuren vom Brett und ich gewann das Bauernendspiel am Ende um ein gefühltes Tempo.

Man sucht hier für Schwarz irgendwie eine taktische Lösung, die mit Ausnutzung der temporär in Besitz genommenen d-Linie einhergeht. Bloß dass 21...Td2? noch nicht sooo viel droht und von 22.Sf3! mehr als nur abgefedert wird. Weiß gewinnt eine Figur.
Wenn er aber erst mit dem etwas unthematischen, aber nicht minder starken 21...Lxb3! den störenden Läufer entsorgt, geht sofort die Flosse rüber.

So begab es sich aber, dass ich am nächsten Morgen schmerzgekrümmt am Spitzenbrett gegen meinen ehemaligen Bindlacher Mannschaftskollgen (diese Phrase benutze ich ganz oft, aber sie trifft auch einfach für sooo viele bekannte Spieler zu) David Baramidze saß. Glücklicherweise führte aber der seit einigen Jahren deutlich "deprofessionalisierte" Lebenswandel meines Gegenübers dazu, dass auch er sichtlich nicht in Topform war. Ich hatte am Abend noch mitbekommen, dass er sich für den Abend mit Kumpels verabredet hat... Es war zwar gewiß nicht so schlimm wie in der legendären Bundesligapartie Arik - David am Tegernsee, wo die beiden bratpfannengroße Ringe auf den Augen hatten und Arik sich die meiste Zeit in (also inklusive Gesicht) seiner Jacke verstecken musste, aber nein,hundertprozentig fit war David nicht. Prompt verwechselte er zwei Varianten in der Eröffnung, so dass ich mit Schwarz nach 11 Zügen zumindest sehr bequemen Ausgleich hatte und den richtigen Zeitpunkt für ein verängstigtes Remisgebot sah, welches David natürlich auch annahm.

Nun musste ich nur noch eine Runde überstehen, bevor ich nach Hause durfte. Die Pflicht war für mich persönlich mit 5/6 schon geschafft, nun sollte noch gegen den "Maniac" Jonny Hector die Kür vollzogen werden. Zum Glück bekam ich Weiß gegen ihn zugelost, denn mit den schwarzen Steinen hätte die Sache bestimmt kein dolles Ende genommen. So wie ich mich kenne, hätte ich vermutlich nicht einmal die Rochade geschafft, und die Partie wäre schon vorbei... So konnte ich aber (nachdem ich in der Mittagspause alle meine verbliebenen Kräfte bündeln und noch mal meinen PC aufschlagen konnte) leicht erfreut feststellen, dass Hector Eröffnungsreperoire mit den schwarzen Steinen gar nicht so aggressiv ist, wie der Nimbus, der ihn umgibt. Zu welchem Teil ist eigentlich sein Name für seinen Stil verantwortlich? Wäre er ein anderer Spieler geworden, hieße er nicht Hector, sondern vielleicht Huber?

Wie dem auch sei, eigentlich war er es, der gewinnen musste, und sei es auch nur bedingt durch seine Niederlage in der ersten Runde. Doch in diese Bereiche kam die Partie nie hin. Ich überraschte ihn in der Eröffnung, stellte ein paar Probleme, und genau in dem Moment, wo er komplett ausgleichen konnte, fraß er viel zu schnell einen Bauern, wonach aber direkt zwei von ihm fielen. Letztendlich fanden wir uns in folgendem Endspiel wieder:

Ilja Schneider - Jonny Hector, LGA-Cup Nürnberg 2011 (7)



Meine Lust, jetzt eine großspurige Analyse dieser Stellung zu starten, hält sich ehrlich gesagt in engen Grenzen. Trotzdem habe ich Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass die Bewertung eine andere ist, als "Gewonnen für Weiß". Und ich vermute auch, dass ich den besten Zug hier kenne: 36.g4!, damit er nicht mit dem Zug 36...h5 seine Schwäche h7 loswerden kann. Nach 36.Kg2?! h5 ist es auf jeden Fall nicht einfacher geworden, ein paar weitere Fehler machten den Sieg dann ganz unmöglich und wir quittierten in der fünften Spielstunde das Remis.

Jedenfalls kam ich dann abends etwa mit fünf Kilo weniger aber dafür 600€ reicher (für das Zufallbringen von Hector hätte es natürlich mehr als doppelt so viel gegeben) endlich heim. Der bunte Cocktail aus verschiedentlich zusammengestellten Schmerzmitteln, die meine Freundin im Haus fand, machte die Nacht halbwegs erträglich, bevor mir der Arzt am nächsten Morgen eine Mandelentzündung im fortgeschrittenen Stadium bescheinigte und mich sehr verwundert fragte, warum ich denn nicht schon etwas früher gekommen sei. Lol. Zuerst wollte der alte Mann gleich mal drauf los schneiden, besann sich aber am Folgetag glücklicherweiße doch noch eines Besseren. Der Rest der Woche verlief dann relativ unspektakulär. Ich thronte auf einem Berg verschiedenster Antibiotika, Schmerzmittel, Wasserflaschen und Mövenpick-Eisverpackungen (was soll man in dem Zustand auch anderes essen?) und spielte Doppelkopf im Internet.

Freitag ging es mir dann wieder so gut, dass ich alle Chuzpe zusammennahm und noch eine kleine Grindungstour nach Schwaben und Hessen fuhr, um die Lücken, die Hectors Endspielzähigkeit, sowie die Medikamentenpreise in meinen Geldbeutel gerissen hatten, wieder ein wenig zu füllen. Außerdem hatte ich noch zwei Titel aus dem Vorjahr zu verteidigen.

Beides gelang. Beim Blitzturnier in Schwaigern war für diesen Preisfonds doch gewöhnungsbedürftig wenig los, außer ein paar bekannten schwäbischen Haudegen wie Rudi Bräuning und Thilo Kabisch fanden sich keine besonderen Blitzspezialisten ein. Geht ja auch nicht, denn sie waren an diesem Tag ja alle hier.

Soll aber nicht mein Problem sein. Das Ergebnis von 15 Punkten aus 15 Partien spiegelt allerdings trotzdem nicht ganz den Souveränitätsgrad wieder, mit dem es erzielt wurde. Ich kann jetzt natürlich nicht den ganzen Blödsinn aufzählen, den ich an diesem Tag zusammenfabriziert habe, aber hier der Moment, an dem der ganze Tag in den A... gehen kann:

NN - Ilja Schneider, Schwaigern Blitz Cup 2011 (2)



Blöd gelaufen. Ich hatte vorher in der Partie in einer vermutlich schon gewonnenen Stellung leider einen gedeckten weißen Läufer angefasst... und jetzt sind wir hier gelandet. Das Ende der Partie lautete:

1...Kd5 2.Kf4 Kc4 3.Ke3? (wirft schon mal den Gewinn weg, 3.Ke5 +-) 3...Kb3 4.Kd3 Kxb2 5.c4 Kxa3 6.cxb5 cxb5 7.d5 b4 8.d6 b3 und nun sah er, dass sich der b mit Schach umwandelt (was ja völlig egal wäre, die Stellung ist Remis) und zog daher 9.Kc3??, was nicht mehr so egal und auch nicht mehr wirklich Remis war.

Ok, genug davon. Mehr los war am nächsten Tag im hessischen Bad Vilbel, was gleichzeitg auch Tills schachliche Premiere für das Jahr 2011 (mit Ausnahme eines kleinen Chess960-Funs in Karlsruhe im Mai) darstellen würde. Mit den GMs Ikonnikov und Kunin, sowie den unverwüstlichen IM Milov, IM Poetsch, Till und noch ein paar anderen war das Schnellturnier doch deutlich stärker besetzt als ein mittelmäßiger Vertreter seiner Zunft. Zu allem Überfluss spielte auch noch der 14-jährige "Prinz" (die sind einfach überall) Alexander Donchenko mit, der - sowieso schon stark - an diesem Tag auch noch eine super Form erwischte, die ihn am Ende auf das Silberpodest brachte.

Irgendwie habe ich es trotz wieder stärker werdener Schmerzen (das Bett, das Eis und vor allem die notwendige Ruhe fehlen einem nunmal bei einem Schachturnier) geschafft, den Schwung aus dem letzten Tag mitzunehmen. Kam eben einfach gut durch das Turnier durch. Gegen Ikonnikov und Milov mit Schwarz mal mehr, mal weniger einfach das Remis erzielt, gegen Donchenko ein verlorenes Bauernendspiel überlebt, ein-zwei Mal den Colorado durchgebracht, in der 10. Runde Till geschlagen und unseren Score 2011 auf 1:1 ausgeglichen (im Chess 960 hatte er das bessere Ende für sich gehabt), im Schlussgang statt Kunin einen Spieler mit knapp <2300 erwischt, während Kunin mir mit seinen Siegen gegen Donchenko (dessen einzige Null) und Milov in den beiden letzten Runden sämtliche Konkurrenz vom Leibe hielt... Jedenfalls reichten am Ende 9/11 leicht überraschend für den alleinigen Ersten, wie man sich hier überzeugen kann.

Es folgen noch (in umgekehrter Reihenfolge) die vielleicht interessanteste Partie und mein eindrückendstes Erlebnis aus Bad Vilbel:

In der dritten Runde spielte ich mit Schwarz gegen den Lokalmatador Klaus Schmitzer, wo sich zwischenzeitlich dieses Kampfbild ergab:



Weiß ist hier strategisch vermutlich schon nicht mehr zu retten. Seine Figuren machen genau betrachtet gar nichts, während sein gesamter Damenflügel schwach ist und ich dabei bin, mir mit ...Tb8 und ...Lf5/a2 auch die b-Linie unter den Nagel zu reißen. Turmtausch ist für ihn auch keine Option, denn dann wandert einfach mein König ein. Nix zu machen.

Mein Gegner bot etwa hier noch remis, was ich ehrlich gesagt schon ganz schön "deplatziert" fand, genau wie ich es ihm nach der Beendigung der Partie auch wörtlich mitteilte. "Dreist" hätte es übrigens auch gut getroffen. Ja, genau wie es zweifelsohne sein gutes Recht ist, jederzeit Remis bieten zu dürfen, verfüge ich doch wohl über eins, ihm mitzuteilen, was ich davon halte. Darauf ist der äußerlich unscheinbare Herr (anscheinend SCHACH-Leser, an dem die Buhmann-Diskussion vor ein paar Jahren - man wird sich erinnern - wohl nicht spurlos vorbeigegangen ist) fast ausgerastet. Mamma Mia! Ich kann jetzt nicht den gesamten Wutschwall wiedergeben, der in der Folge auf mich eingeprasselt ist, aber ich befürchte, wir werden in diesem Leben keine echten Freunde mehr...

Ein paar Runden später (einfach um den Bericht nicht mit so einem Blödsinn enden zu lassen) gelang mir noch eine nette, wenn auch am Ende nicht ganz astreine Partie:

Ilja Schneider - Lothar Schnitzspan, Bad Vilbel 2011 (8)

1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 e5 4.dxe5 dxe5 5.Dxd8+ Kxd8 6.Lg5 Le6 7.0-0-0+ Kc8 8.g3!?



Bringt zwar nix, wie auch der Rest der weißen Fortsetzungen, aber will den Bauern bis f5 durchjagen und den Läufer von e6 vertreiben und danach die weißen Felder im Zentrum unter Beschlag nehmen. Ist natürlich sehr riskant, da langsam und die Kontrolle über ganz viele Felder im eigenen Lager komplett aufgegeben wird.

8...Lc5 9.f4 exf4 10.gxf4 Le3+ 11.Kb1 Sg4 12.Sh3 f6 13.Lh4 Lc5



So. Jetzt kriegen diese lästigen Fliegen alle einen Fußtritt. Das Feld e5 ist egal. Ich will die weißen Felden, nicht die schwarzen!

14.f5 Ld7 15.Le2 Se5 16.Sf4 Sbc6 17.Sa4 Ld6 18.Thg1



Super. Alle im Spiel, im Gegensatz zu ihm. Jetzt energievoll weitermachen!

18...Tg8 19.Sh5 Lf8 Vielleicht hätte er auf h5 nehmen sollen, um den Druck zu lindern.

20.Sc3 Der wird wirklich nicht mehr auf a4 gebraucht.

20...Se7? Zu passiv. Es musste, auch wenn ich mich dann auf d5 einniste, 20...b6 folgen.

21.Lg3! c6 22.Lxe5 fxe5 23.Tg3



Nun sieht es schon nach was aus. Ich bereite die Verdopplung auf d oder auf g vor, und der Läufer schielt schon nach g4, während der befreite Bauer auf f5 auch auf einen Vorstoß wartet.

23...Kc7 24.Tgd3 Le8 25.Sa4! Alle müssen mitspielen.

25...Sc8 26.f6 Sb6



Die Früchte der Arbeit sind nun zu sehen. Wie kann man sie am schnellsten vernichten?

27.fxg7? Es gewann 27.Sxb6 Kxb6 28.Tg3! Lxh5 29.Lxh5 und Schwarz kann sicht nicht rühren, außer mit 29...g6 30.Lg4 und Weiß hat eine klare Gewinnstellung.

27...Le7? Statt 27...Sxa4 mit ziemlichem Ausgleich.

28.Sxb6 axb6 29.Lg4?! 29.Tg3 war besser, aber hier steht nach 29...b5 schon elend viel Arbeit ins Haus.

29...Td8?? Nach 29...Lxh5 30.Td7+ (na und?) Kb8 31.Lxh5 Txg7 verwaltet Weiß einen Hauch von nichts.

30.Txd8 Lxd8 31.Le6 Jetzt aber! 31...Lxh5 32.Td7+ 1:0 Wobei 32.Lxg8 Lxd1 32. L beliebig auch gewann.

Ja, so sieht das aus. Abends wurde der Sieg noch mit Till (ganz im Stile der alten Zeiten!) im Frankfurt beim Sushi-Buffet ausgiebig gefeiert. (Sushi übrigens als super Geheimtipp für eine mandelentzündungverträgliche Mahlzeit!) Das erste Mal seit Tagen, wenn nicht Wochen, dass Essen keine Schmerzen mehr bereitete... wenn das mal kein Grund zum Feiern war. Und ab Montag, spätestens Dienstag kann ich mich wohl ganz zu der Gruppe der Gesunden zählen. Die Mandelentzündung war plötzlich und abrupt vorbei, genau wie dieser (gewiß nicht allzu kurze) Lagebericht.

Sonntag, 15. August 2010

Sieg!

Das Herner Benefizturnier zugunsten des dortigen evangelischen Kinderheims scheint mir irgendwie zu liegen. 2006 bin ich da schon einmal aufgetaucht (mit zarten 2334 auf den Hörnern) und das kam dabei raus:

http://www.ev-kinderheim-herne.de/benefiz06/tabelle.html

An eine Wiederholung solch eines Ergebnisses zu denken, erscheint natürlich utopisch, sei es auch nur, weil ich heutzutage viel zu viele Remisen mache. Trotzdem liest sich auch die Tabelle der 2010-er Auflage, die gestern über die Bühne ging, ganz nett:

http://www.ev-kinderheim-herne.de/benefiz2010/tabelle.html

Irgendwie war so, als ob jemand da oben (Caissa?) dringend wollte, dass ich das Ding gewinne. Zuerst verabschiedet sich Topfavorit und mein Angstgegner Daniel Fridman mit einer Niederlage in der zweiten Runde für längere Zeit aus dem Titelrennen. In den weiteren Runden machen sich auch schon die Mitfavoriten Mainka, Hausrath und Podzielny durch Punktverluste das Leben schwer.
Dann das hier:

Ilja Schneider - Svetlin Mladenov (2467), Herne 2010 (6)



Sagen, ich hätte etwas Zählbares aus der Eröffnung rausgeholt, wäre deutlich übertrieben. Aber:

13...Lb4? 14.fxe5 Lxc3? 15.bxc3 Sxe5?! Ob 15...dxe5 so viel besser war, weiß man nicht mehr.

16.Sxe5 dxe5 17.Td6 Ke7 18.Thd1 Tad8 Er zog es, ohne mit der Wimper zu zucken.

19.Txd8 Txd8 20.Txd8 Kxd8 21.g4 Und über das Bauernendspiel müssen wir uns nicht mehr unterhalten.

Ein Kurzremis gegen Berelowitsch später traf ich mit Schwarz auf den mir bisher unbekannten bulgarischen IM Petar Arnaudov (2423) In dieser Partie durchlebte ich erstmal eine Nahtod-Erfahrung:

1.d4 Sf6 2.c4 c6 3.Sf3 d5 4.Dc2 dxc4 5.e4

Das kannte ich nicht, aber reagierte zunächst jeweils nach der Empfehlung der Database (Gut, es war auch nicht so schwer):

5...b5 6.b3 cxb3 7.axb3 e6 8.Ld2 a5! 9.Ld3 Lb7 10.0-0



Nach einer kurzen Recherche bieten sich hier dem Schwarzen hier zwei Wege. Es ist klar, dass bald der weiße Springer nach c3 geht, also müssen wir das Feld b4 nutzen und alles wird gut. Also, 10...Sbd7 und nach 11.Sc3 dann Lb4, oder, was mir besser gefällt, erst 10...Le7 und nach 11.Sc3 Sa6! mit der Idee 12...Sb4. Ich war aber noch etwas groggy vom unerwarteten Spielverlauf und produzierte:

10...Sbd7 11.Sc3 Le7?

"Hm, was mache ich hier eigentlich nach 12.e5! ? Aufgeben?"

12.e5! Sd5 13.Sxd5 cxd5 13...exd5 14.Lxh7 oder so ist gar zu grausam.

14.Lxb5 0-0 15.Tfc1



Totale Finsternis. Was soll ich ziehen?

15...Tc8 Ein bisschen Blut spucken. Vielleicht hilft es ja.

16.Da2 Lb4 17.Lxb4 axb4 18.Da4 Sb8



Ab jetzt kommt der Aufwärtstrend. Wird ja auch Zeit. Rückwärts geht es ja auch nicht mehr.

19.Dxb4?! 19.Txc8 Dxc8 20.Dxb4 ist genauer.

19...Db6 20.Da4 f6 21.exf6 gxf6 22.h4?! Sc6 Hoffnung.

23.Lxc6 Txc6 24.Txc6 Lxc6 25.Da6? 25.Da7 natürlich.

25...Tb8 26.Dxb6 Txb6 27.Tb1 Tb4



Er hat es ja in den letzten Zügen schon richtig mies behandelt und es steht, bedingt durch die Wertlosigkeit seines Mehrbauern schon glatter Ausgleich auf dem Brett. Aber es geht im gleichen Stile weiter:

28.Kf1?! Lb5+ 29.Ke1 Ld3 30.Tb2 Le4? Ein einziges Mal bekommt er noch seine Chance. Hier will ich deutlich zu viel und habe nach 31.Kd2! Lxf3 32.Kc3! ein klitzekleines Problem. Aber das Karma war schon längst auf meiner Seite:

31.Ke2? Kf7 32.Ke3 Immer noch 32.Kd2!? Lol. Oder auch so was wie 32.g3. Alles besser, als seine Fortsetzung.

32...Lxf3 33.gxf3? Langsam wird es krass.



33...e5 34.dxe5 fxe5 35.h5 Ke6 Nun ist es bereits richtig eng für ihn. Immer noch ist sein b3 nichts wert, während auf ihn in der Brettmitte die Welle zurollt.

36.Kd3 Kd6 Eigentlich die falsche Richtung (36...Kf5!), aber kein irreparabler Fehler, da er ja nichts mehr ziehen kann.

37.Kc3? Das wars aber endgültig.

37...Tf4 38.Ta2 Txf3+ 39.Kb4 Da steht er schön.

Herne

39...e4 40.h6 Ke5 41.Ta7 Txf2 42.Txh7 Th2 43.Kc5 Tc2+ 44.Kb5 Kd4 45.Te7



Doktor Tarrasch hatte auch nicht immer recht!

45...Th2?! 45...Tc8 und meine Bauern rennen ihm die Bude ein.

46.h7 Ke3?? Ich will Dworetzkys "Rolltreppe fahren", aber das lässt mal eben den (Turnier-)Sieg aus. Ein unbelesener Spieler hätte hier 46...e3! gezogen - und leicht gewonnen.

Ich weiß nicht mehr genau, was er hier zog. Nur noch, dass meine Bauern am Ende total ungehindert ins Ziel laufen konnten. Den Versuch, einen davon mit 47.Kc5 d4 48.Kd5 zu eliminieren, hatte ich zwar noch gesehen, aber 48...Th5+ 49.Te5! mit Remis nicht mehr. Er aber auch nicht. Stünde mein Turm auf der achten Reihe, wären solche Tricks a priori nicht möglich, weil ich immer viel bessere Zwischenschachs geben könnte.

Naja, seis drum. Jedenfalls beschloss ich nach dieser Partie mein Glück an diesem Tag nicht noch besonders weiter auszureizen und bot in der Schlussrunde gegen Daniel Hausrath schnell Remis an, was er auch annahm. Der anschließende Blick über die Buchholzschäfchen verhieß zwar zunächst nichts Gutes (inklusive einer verpassten Reklamation auf Zeit), aber meinen beiden Konkurrenten Michail Zaitsev und Svetlin Mladenov (schlug in der letzten Runde Fridman) erging es auch nicht viel besser. Wenn niemand will - dann nehmen wir den Ersten eben mit :-)

Herne-2010

Und zum Vergleich:

Herne-2006
Als ob es gestern oder vorgestern war.

(Fotos von der Turnierseite bzw. von http://www.dreifaltigkeits-kirchengemeinde.de/)

Hier noch ein Bericht zum Turnier auf dem Schach-Ticker.

Samstag, 7. August 2010

Chess Classic in Mainz...

...oder zumindest das, was von ihnen noch übriggeblieben ist, gehen heute und morgen über die Runde. Natürlich sind auch wieder meine Wenigkeit zusammen mit den mittlerweile inaktiven Till Wippermann und Dennes Abel (!) dabei, um dem einen oder anderen 2650+ in die Suppe zu spucken. Im luxuriösen Hilton Mainz (direkt am Rheinufer gelegen) ließ sich gestern, bzw. heute beim Frühstück noch viel Schlaf nachholen und die notwendige Energie für die kommenden Aufgaben sammeln. Besonders das Frühstück, ein reines Schaulaufen der Stars. So wurden von mir allein schon Aronian, Kasimdzhanov, Movsesian, Shirov, Bologan, Karjakin und viele, viele andere gesichtet, die morgen abend ein möglichst großes Stück vom Preiskuchen der "Grenke Schnellschach-WM" abhaben wollen.

Hier kann der Fortschritt des Turniers live verfolgt werden. Vielleicht ist auch einmal eine Live-Partie (garantiert kurzremisfrei :-)) von mir drin. Das aber nur bei eventuellen 4/4 in der fünften Runde.

Freitag, 23. Juli 2010

Welcome to Hell

Heute kam ich mir vor wie ein Teil der aktuellen Nachrichtensendungen. Wir fuhren (wie schon Tradition) mit einer rund 30-köpfigen Gruppe aus Hannover. Bis Berlin war es im ICE noch halbwegs in Ordnung, aber dann ging es los. "Der Zug nach Budapest hährt heute aufgrund einer technischen Störung ohne Wagen 256". Unsere reservierten Plätze befanden sich leider einen Wagen weiter in der 257. Haufenweise Doppelbuchungen traten also hervor. Ein Drittel der Fahrgäste sitzend auf dem Boden. Streit mit einem uneinsichtigen älteren Ehepaar und mit dem Berliner Ü55-Senioren-Kegelklub. Koffer und Taschen im Gang. Temperaturen um die 45 Grad, garniert mit einer tropischen Luftfeuchtigkeit. Die schon fast müßig zu erwähnende Klimaanlage, die den gleichen Arbeitswillen an den Tag legt, wie ein durchschnittlicher Bahnbeamter am Schalter. Der Kegelklub (Männer mit Jack Wolfskin-Westen, Frauen mit ultrakurzen Haaren, solariumgebräunter Haut auf den dünnen, sehningen Armen, die aus den Jack Wolfskin-Westen hervorstechen) lässt um 11 Uhr morgens langsam die Sektkorken knallen. Der Geruch der Frikadellen und Bockwürste benebelt mich vollends. Dann kommen die Schunklieder. Ich werde nie wieder über KSC-Fans schimpfen. Ich flüchte auf die Toilette - auch nicht unbedingt besser. Das Pissoir ist gefüllt bis Unterkante Oberlippe (leider kein Bild vorhanden). Ozoniert wird die Luft dadurch auch nicht. Immerhin, etwas kühler als im Waggon. Nach ein paar Minuten kehre ich in den Waggon zurück. Sauna. Der Schweiß vom Rücken sammelt sich in den Kniekehlen. Gefühlt alle 5 Minuten will ein übereifriger, tschechischer Getränkeverkäufer mit seinem verdammten Wagen vorbeirollen und jedesmal muss ich wie ein Idiot den Koffer aus dem Weg räumen, auf dem ich zwar sitze, der mir aber gar nicht gehört.

Egal. Hauptsache, ich bin nun ausreichend für Pardubice, die engen Reihen der CEZ-Arena und die achselhemdbewaffneten Osteuropäer gestählt. Und für die diesmal sieben Jugendlichen, die ich "so nebenbei" betreuen muss.

Dienstag, 20. Juli 2010

Alle Neune

Meine Abschiedstour durchs Ländle gestaltet sich gut. Am Wochenende gab bei zum größten Teil hervorragenden Wetter zwei (Klein)-Turniere zum Angebot. Leinfelden und Pfalzgrafenweiler lauteten die Aufgaben, und ja, ihr erinnert euch noch von 2009, sowohl hier als auch da ging ich damals als Sieger vom Platz.

Auch diesmal war es am Ende nicht anders. Beim Open-Air-Turnier im Leinfelder großem Biergarten fielen sogar alle Neune! Sehr gefreut habe ich mich auch über die sichtbare Umsetzung einiger von mir damals angeregten Vorschläge. So wurde nun z.B. mit schönen Figuren und Digitaluhren gespielt. Und der Einsatz einer gewöhnlichen Kuhglocke durch die Turnierleitung als Klingelzeichen zur sich anbahnenden neuen Runde sorgte dafür, dass das Turnier diesmal sehr zeitig beendet wurde, kurz nach 4 Uhr nachmittags war es schon vorbei.
Ein kleiner Bericht über das Turnier, wie auch Tabellen finden sich auf der Veranstalterseite, und hier gibt es sogar ein kurzes Video vom Turnier, wobei die ebenfalls anwesende Userin Rössel schmunzelnd bemerken musste, dass die musikalische Untermalung des Videos weitaus dramatischer anmutet, als der eigentliche Turnierverlauf :-)

P1606_17-07-10

Sonntag dann ging es dann aus Karlsruhe über wunderschöne Bergstraßen (u.a. durch Forbach/Schwarzwald) nach Pfalzgrafenweiler. Sonntags angekommen, erblickten wir zu 90% die gleichen Gesichter wie 40 km östlich einen Tag zuvor. Vielleicht hätte man das Turnier gleich hinter das Biergartenturnier schalten sollen, da wäre allen die Fahrerei erspart geblieben...

Allerdings waren im Vergleich zum Vortag noch die standardgemäßen GM Gurevich und FM Gheng anwesend, was eine wiederholte 9/9-Ausbeute doch weit unwahrscheinlicher machte. Aber gut, auf Distanz halten konnte ich die beiden trotzdem. 2 Remisen, aber sonst gab ich eben nichts mehr ab. Unter anderem auch nicht gegen Thilo Kabisch, an dem vorher Gurevich mit einem Remis eben gestolpert war:

Ilja Schneider - Thilo Kabisch, Pfalzgrafenweiler 2010 (7)



Trotz der scheinbaren Gleichverteilung der Kräfte steht Schwarz äußerst unangenehm. Das liegt schlicht daran, dass sein Läufer einfach keinen vernünftigen Platz finden kann. Nach 24...Lxa2 folgt einfach 25.b3!, genauso wie das simple 24...Lc4 25.b3 La6 26.c4 auch Weiß im Vorteil sieht. Vermutlich war also 24...Ld7 das Beste, auch wenn Schwarz nach etwa 25.Lc2 und nachfolgendem Schach leiden muss.

24...Ld5? Nun gewinnt Weiß mindestens einen Bauern. 25.Lxd5 Sxd5 26.Se6 Te7 Darauf hat er sich verlassen. 27.Txd5 Txe6? So geht es gar nicht. Nur mit 27...The8 (habe ich auch nicht gesehen) konnte er noch kämpfen, auch wenn Weiß nach 28.Sg5+ fxg5 29.Txe7+ Txe7 30.Txg5 einfach einen Bauern gewinnt, oder auch einfach 30.Kd2 mit großem Vorteil spielen kann.

28.Td7+ Ke8 29.Ted1! Diesen kleinen Sidestep galt es schon bei 24.Sd4 zu sehen, sonst hat Weiß hier gar nichts. So aber gewann ich auf der Stelle.

Auch den Rest konnte ich erfolgreich hinter mich bringen, so dass auch die zweite Titelverteidigung an diesem Wochenende geglückt war. Hier die Tabelle.

Das eigentliche Highlight des Tages folgte dann auf der Rückfahrt. Irgendwo, mitten im Niemandsland von BaWü stand dann plötzlich ein Mini-Zirkus auf einer kleinen Gemeindewiese. Noch nie habe ich einen so kleinen Zirkus gesehen, ob das Zelt überhaupt 100 Besucher fassen konnte, ist mir nicht klar. Jedenfalls ließen uns Userin Rössel und ich nicht nehmen, ein wenig Material für den Schachzoo zu "schießen".

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Einhornziege

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Rössel

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Noch mehr Rössel

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Lama mit Kreuzbiss

Donnerstag, 24. Juni 2010

Piranhabecken (II)

Ich weiß nicht, ob es an der hervorragenden Organisation, am vergleichsweise hohen Preisfonds oder an Salzgitters günstiger verkehrstechnischer Lage liegt, aber das BKK Open der Svg Salzgitter lockt jährlich unglaubliche Mengen an Profis zusammen und hat sich als mit Abstand stärkstes Schnellturnier Niedersachsens profiliert. Letztes Jahr war es schon krass genug, aber diesmal wurde noch eine ordentliche Schippe draufgelegt. Der erste, den ich sah, als ich mich dem Gebäude näherte, war ein fröhlicher, rauchender Gusti. Vermutlich hat er beschlossen, die fehlenden 20000€ für die Nationalmannschaftskasse in Einzelteilen aufzutreiben?! Jedenfalls war der langjährige Hamburger Sympathieträger und Pokerspieler in Salzgitter (nominell) haushoher Favorit. Aber auch etwa Thomas Luther, Viesturs Meijers oder auch Robert Rabiega und meine Wenigkeit, vom Vortag noch beim Berliner Grand-Prix eingespielt, wollten am Ende ein Wörtchen mitzureden haben, ganz zu schweigen von zahlreichen anderen Titulierten wie Zigurds Lanka oder Karl-Heinz Podzielny, oder schließlich die neue PSC-Hannover-Power bestehend aus Alexander Bangiev und vor allem Dennes Abel und Alexander Izrajlev, die ja nun wirklich jeden Gegner schlagen können.

Es ging also (bei perfekten Spielort, Material und Uhren) los. In den ersten zwei Runden passierte nicht viel Aufregendes, bis darauf, dass in der ersten Runde Meijers und Gustafsson zwei zwischenzeitlich absolut verlorene Stellungen gewinnen konnten, und dass Hannovers Vorkämpfer Freddy Polenz das hier noch gegen Lanka verlor:

Freddy Polenz - Zigurds Lanka, Salzgitter BKK Open 2010 (1)



...es folgte ein recht unnötiges 0:1

Dann, in Runde 3 wurde es langsam ernst. Ein schönes Manöver führte in meiner Partie gegen Stefan Breuer vom ausrichtenden Verein zu großem Vorteil und zum Sieg:

P1150842



Es ist klar, dass Weiß eh besser steht, aber mir gefiel trotzdem sehr meine Fortsetzung:

1.Tac1! 1.Txa5 Sxb3 ist nicht klar/bringt vermutlich einfach nichts. 1...Tfc8 2.Sd5! Kf8 Möglicherweise war hier 2...Txc6 3.Se7+ Kf8 4.Sxc6 Sd3 5.Sxa5 mit weißem Vorteil noch die bessere Wahl für ihn.

3.Lxb7 Sxb7 4.Sc7! Tab8 5.e6 fxe6 6.Txe6



Der Sc7 steht so geil und sein Widerpart auf b7 so miserabel, dass der Sieg am Ende keine großen Probleme bereitet hat.

In der vierten Runde gab es dann vorne nur noch Favoritenduelle und auch ein paar erste Überraschungen.

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Hinten am Spitzenbrett gewann Gusti auch die vierte Partie gegen den Tegeler Andreas Breier, während ich beim Remis gegen Michael Kopylov nicht mitziehen konnte, genauso wie die Teilnehmer des Duells der Rekordblitzmeister: Rabiega gegen Podzielny. Der lettische GM Viesturs Meijers, der wegen seiner Leistungsschwankkungen bekannt ist und neulich auch mal mit 3/6 aus einem Turnier ausstieg, besiegt meinen alten Trainer Alex Bangiev, trotz dessen felderstrategischen Neuerung im fünften Zug: 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 a6 5.Df3!? Bangiev stand gut, aber tauschte zu früh die Damen und verlor das Endspiel.

Runde 5 hielt für mich das unangenehme Los in Form meines (ab 1.7. Ex-)Mannschaftskollegen Dennes Abel bereit. Als er morgens ins Auto stieg, waren seine Worte: "Heute spucke ich irgendwem da vorne in die Suppe!" Derjenige wurde ich. Ich verlor nach langem, aber fast genauso lange aussichtlosem Kampf.

P1160001

Ein richtiges Surprise passierte allerdings paar Bretter weiter vorne: Umringt von einer Zuschauertraube opferte sich Mejers erfolgreich zum Erfolg gegen den teils schläfrig wirkenden Hamburger. Nebenbei habe ich in Salzgitter Gustis Erfolgsgeheimnis durchschaut: Er spielt schnell, aber macht langsame Handbewegungen und schläfert damit zusammen mit seiner Kopfhaltung den Gegner ein. Außerdem versteht er, glaube ich, sowieso einiges vom Schach. Nur in dieser Partie, da sollte es nichts nützen.

P1160035

Wenn meine Augen mich nicht täuschen, steht es im Moment so:



und Weiß hat ein ernstes Problem... 0:1im Endspiel.

P1150998
Podzielny und Luther an Brett 2 trennten sich derweil Remis.

Somit hatte sich Mejers mit seinen 5/5 zwar ein wenig abgesetzt, bekam von Swiss-Chess in Runde 6 aber gleich den nächsten Brocken vorgesetzt: Robert Rabiega. Währenddessen hatte Dennes, ebenfalls bei 4,5/5 notierend, vor, auch noch Michael Kopylov in die Suppe zu spucken.

P1160045
Hinten Meijers gegen Rabiega, vorne Dennes gegen einen seiner Lieblings"kunden" Kopylov.

Wie würde es weitergehen? Würde Robert in der Lage sein, endlich den ungebremsten Siegeslauf von Meijers zu stoppen? In wieviele Suppen spuckte Dennes Abel an diesem Tag denn noch? Und hätte ich die Kraft, mit meinen 3,5/5 noch einmal ganz vorne heranzukommen? Und stand das Turnier nicht zwischenzeitlich sogar vor dem Abbruch?

Lesen Sie das alles im nächsten Teil. Morgen. Oder so.

(Alle Bilder dankenswerterweise zugeschickt von Andreas Klein!)

Dienstag, 8. Juni 2010

SchachSchnellSchachSchnellSchach

Puh. Endlich durchatmen. Ich bin wieder zuhause. Zwischenzeitlich.

Wenn sich jemand fragt, was ich eigentlich in den letzen anderthalb Wochen so getrieben habe, dann ist die Antwort darauf das:

ReiseReise

Richtig. Ilja hat wieder Deutschland unsicher gemacht.

Nachdem es ja bekanntlich direkt aus Oberhof Richtung SF-Berlin-Schnellturnier ging (der Überraschungszweite Dirk Paulsen berichtet sogar für meine Verhältnisse fast schon zu wortreich darüber; anbei viele hochwertige Bilder aus Frank Hoppes Hand), war ich an diesem Tag viel zu unmotiviert und viel zu groggy, um irgendetwas Sinnvolles zu reißen. Start mit 4/4 war OK, aber man sehe sich nur das hier an:

Mikael Agopov - Ilja Schneider, SFBerlin-Schnellturnier 2010 (5)



6...Lxc3+??

An dieser Stelle schon gespielt (auch von mir), aber nichtsdestotrotz katastrophal. Die schwarze Idee (langes Leiden für immerhin zwei Mehrbauern) klappt gewiß sogar mehr recht als schlecht mit dem Einschub der Züge Le3 Dc7. Dann muss nach dem Opfer auf c3 der Läufer eh nach d2 zurück und die schwarze Dame kann sich am Randgaul a3 gütlich tun. Und der Kampf steht noch bevor. Hier aber...

7.bxc3 Dxc3+ 8.Dd2! Nach langen Nachdenken, aber dafür absolut korrekt. Nun hängt der Turm auf a1 nämlich nicht mit Schach und kann leichten Herzens auf den Opferaltar geworfen werden. Das gleiche Schicksal erwartet bald übrigens auch die gierige schwarze Kaffeetante.

8...Dxa1 (was sonst?!) 9.Sb5 Sa6 10.Sfd4 und die Dame auf a1 war weg, bevor sie ihr Testament verfassen konnte. Weder in der Partie, noch in der Analyse mit Mikael, noch zuhause am PC gelang es mir in irgendeiner Weise noch das schwarze Spiel zu retten.

Entsprechend "gut gelaunt" verlor ich nun denn auch in Runde 6 in 5 Minuten gegen Martin Krämer und konnte mir nun die Geschehnisse vorne aus dem Schatten ansehen. Rainer (in seinem dritten Frühling? :-)) zog mit 8/9 allen davon, Paulsen, Rabiega und Krämer konnten gerade so folgen und ich? Naja, es blieb mit 7/9 und schlechter Feinfeinwertung nur den harte siebte Platz des "Bubble-Boys". Hier noch einmal die Tabelle aus Berlin

Statt nun für ein paar Tage gemütlich im Norden zu bleiben und Mamas neue Terrasse auszuprobieren, zog mich der Teufel nach Karlsruhe. Ich kam dort Montag abend an, um am Dienstag in die Uni zu gehen und dann zu merken, dass kommender Donnerstag ein Feiertag war. Fronleichnam! Kein Wunder, dass ich das vergessen hatte, solche heidnischen Bräuche hat es bei uns im Norden nie gegeben. Wenigstens ein zusätzlicher Schach-Tag. Ich also Mittwoch wieder nach Hannover (Mittwochs habe ich ja keine Uni; für den einen Uni-Dienstag habe ich also mal eben knappe 80€ verballert) und dann Donnerstag mit Polenz, Izrajlev und Co. in aller Herrgottsfrühe nach Krefeld. Ich war dort schon einmal 2008. Organisiert ist das Turnier solala (Einsamer Deutscher Spitzenreiter in der Wertung Spieler/qm und der Schiri übertönt mit seinem "Bitte Ruhe!"-Gebrüll regelmäßig den katholischen Gottesdienstfreiluftchor, der in den ersten Stunden die Veranstaltung beschallt), aber durch das schöne Spielmaterial, das tolle Grillcatering und die Lage im Stadtpark, direkt an einem malerischen Teich wird das Ganze einigermaßen aufgewogen. Sportlich lief es bis zur letzten Runde ausgezeichnet, aber dann traten meine Buchholzlamas in Generalstreik, so dass ich mit soliden 8/9 dem immergrünen Potz-Blitz (mal wieder) den Vortritt lassen musste. Hier also der Endstand aus Krefeld.

Abends um 11 war dann Ankunft in Hannover-Garbsen. Freitags war dann ein kleiner Ruhetag (schlafen fast bis zur Tagesschau), bevor es dann Samstags wieder an die Figuren ging, und zwar zum Delme-Open in Delmenhorst.

Vielleicht sollte ich meinen Dad doch häufiger zu Turnieren mitnehmen. Ich hatte das Delme-Open zwar schon einmal etwas überraschend 2003 gewonnen, aber in den letzten Jahren war es stets wie vernagelt. Diesmal aber lief alles einfach erstaunlich glatt. Ob es daran lag, dass Dad den Tag durchweg mein Brett bewacht hat? Erst kamen solide 3,5/4, dann die Rache an Fredrik Polenz :

Ilja Schneider - Fredrik Polenz, Delme-Open 2010 (5)

1.e4 g6 2.d4 Lg7 3.Sc3 c5 4.dxc5 Da5 5.Ld2 Dxc5 6.Sd5 a6? (6...b6 ist notwendig)



7.Le3 Dc6 8.Sb6 und bald 1:0


Dann folgte die Entthronung des mit 5/5 führenden Alexander Izrajlev.

Izy-Ilja2
Am Ende gab die Bedenkzeit den Ausschlag. Hinten spielen Martin Breutigam und Manfred Hermann, wobei Hermann (wie so oft an diesem Tag) das bessere Ende für sich hatte.

So dass in der siebten Runde die einzigen Verbliebenen mit 5,5/6, IM Manfred Hermann und meine Wenigkeit die Klingen kreuzten. Die Partie war aber sehr schnell vorbei. "Mama, er hat gar nicht gebohrt." Sonst war Hermann an diesem Tage wirklich in Topform, aber das...

Ilja Schneider - Manfred Hermann, Delme-Open 2010 (7)



13...Sf2?? 14.Sxc7+

Mit einem ganzen Punkt Vorsprung im Rücken lässt es sich dann natürlich leicht spielen (oder auch nicht :-)). Mit zwei mehr oder minder schnellen Remisen (gegen Toby Jugelt und Gennadij Fish) war die Sache gegessen. Hermann kam mit einer Powerleistung von zwei Siegen zwar noch heran, aber das Bremer Buchholzvolk war mir deutlich gesonnener als das in NRW. 3 Buchholzpunkte reichten komfortabel für den zweiten Sieg in Delmenhorst. Auch wenn meinem Dad als Uneingeweihtem die ganze Buchholz-Geschichte irgendwie spanisch und unsicher vorkam. Was soll ich sagen? Er hat (wie immer) recht.

Strahle-Ilja

Tabelle und Bildergalerie aus Delmenhorst finden sich hier.

So. Nun hieß es also schnell ab nach Hannover, Sachen holen und zum Bahnhof. Halb zehn fuhr der Zug nach Berlin und etwa um 12 nachts konnte ich in meiner Zwischenbasis bei Rainer endlich den Tag hinter mir lassen.

Morgens dann mit der Bahn zur Norddeutschen Blitz nach Lübbenau im Spreewald. Lübbenau (für die, die es nicht kennen) ist ein kleiner, beschaulicher Ort mit 12000 Einwohnern, anscheinend alles entlang einer einzigen Allee gelegen. Sorbisch wird auch schon gesprochen, die Bezeichnung für die Stadt ist in diesem Fall "Lubnjow". Alle Ortsschilder sind in zwei Sprachen gehalten, für Deutschland doch recht ungewöhnlich.

Am Stadtrand im Ortsteil Ragow ("Rogow" ging es dann in einem kleinen Gasthaus um kurz nach 11 zur Sache.

Dass die Qualifikation zur Deutschen (die ersten 8 kommen weiter) gelingen würde, hatte ich jetzt von vornherein nicht so bezweifelt. Das Ziel war es, zu versuchen, den unbesiegbaren Robert Rabiega über ein ganzes Turnier hinweg ernsthaft zu gefährden. Dies gelang halbwegs. Nach der Halbzeitpause führten noch mit Rabiega, Heinemann und mir drei Spieler mit 12/14 (insgesamt waren 29 Runden angesetzt). Die beiden anderen kamen aber nicht gut aus der "Kabine", so dass ich nach dem Break sogar eine längere Weile die Führung innehielt. Bis zu meinem Treffen gegen Robert hielt diese auch, doch dann verlor ich meine erste und einzige Partie an diesem Tag und Robert war weg. Er gewann eine nach der anderen und brauste davon. 25,5/29 ist schon ziemlich meisterlich! Ich hingegen verstolperte mit mehreren Remisen am Stück zwischenzeitlich sogar noch den zweiten Platz an Überraschungsmann Wilfried Bode. Als alles schon nach Bronze roch, baute Willi am Ende gegen den eisernen Cottbusser Schulz/Spivak-Block ebenfalls zwei Punkteteilungen ein und ich konnte gerade noch so vorbeihechten und Silber ins Finish retten. Glückwunsch an Robert und Wilfried, was mich angeht, ich bin zufrieden!


Kreuztabelle
von der NDBEM

Fotos versuche ich noch aufzutreiben, ein leerer Handyakku verhinderte leider eigene Aufnahmen :-(

Nach einer weiteren Nacht in Berlin ging es per ICE endlich wieder nach Hause. Nun sitze ich in Karlsruhe, seit gestern todmüde (der Bericht aus Oberhof für die SCHACH zog sich bis in die frühen Morgenstunden, danach ging es fast direkt zur Uni) und überlege mir, ob ich dieses Zimmer jemals wieder verlassen soll. Ich glaube am Liebsten bleibe ich für immer und ewig hier. Laptop habe ich ja da, genug zu trinken auch.

Oder vielleicht nicht ganz bis in die Ewigkeit, sondern nur bis Freitag. Denn dann geht es zur Deutschen Mannschaftsblitz nach Bindlach und Sonntag in Erlangen steigt dann anschließend auch schon das nächste Schnellturnier.

Schachzoo light

Unterwegs über Wälder und Wiesen


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