Reisegedanken (von Till Wippermann)

Reisen ist ein integraler Bestandteil des Lebens als Schachspieler. Ich besitze wie die meisten (Semi- bzw. Möchtegern-)Profis kein eigenes Auto. Das ist auch gut so, denn ich setze mich eher ungern in das Auto eines Schachspielers. Mir scheint die Kombination „Schachmeister + guter Autofahrer“ ähnlich selten wie „Schachmeister + weiblich“. (Logische Rückschlüsse auf die Kombination „guter Autofahrer + weiblich“ sind natürlich aus meiner Aussage nicht abzuleiten.)
Ich weiß nicht genau, warum dem so ist. Vielleicht kann man sich mit dem Stereotyp behelfen, dass Schachspieler des Öfteren einen Mangel an lebenspraktischem und handwerklichem Geschick besitzen und diese Eigenschaften wichtige Voraussetzungen für einen guten Autofahrer darstellen? Klar, hier bewege ich mich auf dünnem Eis, und gebe vorsichtshalber gleich selber zu bedenken, dass eine Website namens „Der Autofahrerzoo“ wahrscheinlich nicht weniger unterhaltsam wäre als diese. Also begnüge ich mich lieber mit der trivialen Feststellung, dass viele Schachspieler, weil sie sich eben kein eigenes Auto leisten können/wollen, die notwendige Übung vermissen lassen.
Entsprechend bin ich meist mit Bahn und Flugzeug auf Schachreise gegangen. Schachspieler pflegen ihre Reisezeit üblicher Weise dafür zu nutzen, sich auf die nächste Partie oder eine neue Eröffnungsvariante vorzubereiten oder die gespielten Partien nachzuarbeiten, und ich stellte keine Ausnahme dar. Doch irgendwann habe ich diese Gewohnheit abgelegt und durch etwas völlig Anderes ersetzt: Schlafen.
Das klingt zunächst harmlos; jeder braucht Schlaf, wo ist das Problem? Nun, wer sich mit Schach beschäftigt, ist nicht in der Lage einzuschlafen. Frauen, Familie, Fußball – Gedanken an solche Dinge lassen einen sanft ins Reich der Träume hinübergleiten. Schach dagegen hält wach. Schach fordert das Gehirn heraus. Wer über Schach nachdenkt, stellt sich ein Problem und sucht nach Lösungen. Schlaf? Ausgeschlossen.
Ich vermute, dass der Widerspruch zwischen Schach und Schlaf um so größer wird, je besser man spielen kann. Starke Spieler brauchen weder Brett noch Licht, um sich einer Stellung zu widmen. Man liegt einfach herum und analysiert. Jeder starke Spieler kennt das: Man hat eine Partie in den Sand gesetzt und wälzt sie wieder und wieder im Kopf herum: Wo habe ich die letzte Chance verpasst? Lag die richtige Fortsetzung nicht auf der Hand? Wie konnte ich nur so versagen…
Vielleicht irre ich mich, aber hier mag der schwache Spieler im Vorteil sein: Wenn das Licht aus ist, hört Schach auf.
Ich habe auf meinen Reisen jedenfalls gelernt, Schach auszublenden. Weder das Dröhnen und Zittern einer Propellermaschine noch das Schreien eines Babys in der nächsten Sitzreihe kann mich dann stören – ich denke an etwas Schönes und döse gemütlich ein. Und als ich erst einmal gelernt hatte, Schach bewusst auszuschalten, habe ich gemerkt, wie angenehm diese Momente sind. Dass Schach gar nicht so wichtig ist. Im Gegenteil, ich stellte fest, dass man sich viel besser fühlt, wenn man mit einem guten Buch einschläft statt mit einer ewigen Serie von Internet-Blitzpartien.
Vielleicht ist dieser Sinneswandel Ausdruck von Bequemlichkeit und fehlender Bereitschaft, sich mit Problemen auseinander zu setzen. Vielleicht wird mir der tägliche Kampf mit den 32 tückischen Klötzchen irgendwann fehlen. Aber vorerst habe ich mich mal für gesunde Nachtruhe entschieden.*

* Nicht nur wegen der passenden Textzeile „An empty head when I go to bed is all I ever need“ ist es mir ein Bedürfnis, auf „The Angel Song“ von Ezio aufmerksam zu machen: http://www.youtube.com/watch?v=wYEq7Tx5CaY

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 

Schachzoo light

Unterwegs über Wälder und Wiesen


Suche

 

Übersicht

Juni 2009
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 1 
 5 
 9 
12
13
21
27
30
 
 
 
 
 
 

Zoobewohner

Slavko Cicak

Was ist aktuell los?

Auch Glückwunsch
Die letzten Runden waren super. Falls es zur GM-Norm...
Losso (Gast) - Di, 9. Apr, 17:07
welche Rasse?
Hey, und zwar was ist das für ne Rasse vom Schaf...
Meli (Gast) - Fr, 5. Apr, 21:46
Überragend
Hi Ilja, endlich mal wieder eine klasse Leistung von...
Schachexperte (Gast) - Sa, 23. Mrz, 12:30
Schachbundesliga
Hi Ilja, toller Kampfgeist heute...und ein schwieriges...
Kiebitz (Gast) - So, 9. Dez, 15:17
Für eine GM-Norm...
Für eine GM-Norm ist mindestens eine 2600-Performance...
Patzer_HH (Gast) - Mi, 2. Mai, 18:59
GM-Normen geschafft?
Hallo Herr Schneider, haben Sie inzwischen in den...
Cliff (Gast) - So, 22. Apr, 20:57

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Musikliste



Rammstein
Reise Reise


Red Hot Chili Peppers
I´m With You

Status

Online seit 1503 Tagen
Zuletzt aktualisiert: Sa, 11. Mai, 01:24

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB


Deutschlandreise
Elitäres
Hintergrund
kleine Heiterkeiten
Schach für Aussteiger
Stiftung Turniertest
Stiftung Zeitungstest
Terrorie
Unglaubliches
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren