Mittwoch, 1. Juli 2009

Meine Kontrahenten (II)

Kommen wir jetzt - wie versprochen - zu den 6 Nichtgroßmeistern im Feld und werfen da mal einen Blick auf meine und auch ihre Aussichten.

Die GM-Anwärter
  • Elisabeth Pähtz brauche ich euch nicht weiter vorzustellen, denn sie dürfte in Deutschland nach Bobby und Garri die prominenteste Schachmeisterin sein. Ihr Spiel ist zweifellos stark, aber mir fehlen etwas die Worte, um ihre Stärke genau zu beziffern oder zu definieren, was etwa bei Robert Rabiega vergleichsweise einfach ist. Ich versuche es mal mit etwas wie Vielgewandtheit (hinsichtlich sowohl Eröffnungen, Strukturen als auch Stellungstypen [oder ich hätte fast gesagt, auch Typen im allgemeinen Sinne, aber das würde jetzt wirklich etwas zu weit führen :-D]).

    Durch ihre sehr aktive schachliche Tätigkeit ist Elisabeths Spiel meiner Meinung nach aber auch überdurchschnittlich wechselhaft und ich kenne dieses Phänomen nur zu gut von mir selber. Für mich wird unsere Begegnung von großer Bedeutung sein, aber deren Ausgang wird mit Sicherheit auch von der Tagesform beider Rivalen abhängen. Unsere einziges bisheriges Duell entstammt noch dem mittlerweile leider eingestellten Forster Rosengartenturnier, welches bei Stiftung Turniertest in so ziemlich allen Punkten außer der Erreichbarkeit einen weik erhalten hätte.
    Ich gewann, wobei Elli die ganze Partie über auf Gewinn gestanden hatte.
    Vom Leistungsvermögen traue ich Elisabeth durchaus eine GM-Norm zu, wobei ich nicht weiß, ihre wievielte das dann wäre.

  • Rene Stern ist jemand, den ich wenig aus der eigenen Erfahrung kenne (ein Remis in Forst), aber umso mehr aus den Epos-ähnlichen Erinnerungen meines guten Freundes Ulli Reyer, der Rene seit Jugendalter kennt. Dabei wird Rene stets als ein Mann mit Ideen, Geduld, Technik und einer Schatztruhe an eigenen Eröffnungs-Ausarbeitungen dargestellt. Ullis Standardsatz bei der Analyse lautet "Rene würde dir schon zeigen, warum das nicht geht!", oder "Rene hat in dieser Stellung immer gesagt, man soll hier 11...Te8 spielen." oder "Gegen einen guten Verteidiger wie Rene bringst du hier den Mehrbauern nie durch!"

    Das hört sich alles nach einem sehr starken Spieler und ist es zweifellos auch, aber die Kehrseite einer solchen Beschreibung ist in diesem Fall (hoffentlich irre ich mich nicht fatal!) die von Rowson beschriebene 6.Sünde namens Perfektionismus.

    Ein Spieler der unter dieser Krankheit leidet, spielt kein Schach mehr, sondern doziert es, er vertraut seinen Analysen mehr als seinen Augen, er versucht den Gegner gezielt für vermeintlich begangene Sünden zu bestrafen und er gerät dabei überproportional häufig in Zeitnot. Dort fliegt dann alles um die Ohren und die dreieinhalbstündige Analyse zeigt, dass es bis zum Patzer im 38.Zug trotzdem alles korrekt war. Auch wenn der Faden eigentlich schon beim Unterschreiten der 5-Minuten-Marke bei Zug 29 verloren ging.

    Wenn meine Ferndiagnose stichhaltig ist und es mir gelingt, eine der skizzierten Schwächen zu exploiten, dann hoffe ich auf den ganzen Punkt, wenn nicht, dann
    "quält er dich im Endspiel 49 Züge, zieht dann einen Bauern, quält dich wieder 49 Züge und zieht dich am Ende ab." (Ulli Reyer)
    Oder er wird sich beim Quälen verzählen und ich kann reklamieren oder mich sonst wie ins Remis retten.

Teil (III) dieser absolut seriösen Vorschau heute abend oder morgen.

P.S. Während ich das hier tippe, erwächst in mir unaufhaltsam die totalitaristische Idee, bei Rundenturnieren grundsätzlich jeden Spieler zu solchen Statements zu verpflichten. Wenn schon PK und Analyse danach, warum dann nicht auch einfach davor?
Noch ein Eintrag auf meiner To-Do-Liste, für den Fall dass ich endlich Diktator werde ...

P.P.S. Ich sollte mich mehr auf die Partien selbst vorbereiten und nicht so viel herumlabern :-D
Polydamas (Gast) - Do, 2. Jul, 12:14

Beachtliche Portraits ... so viele Gedanken habe ich mir nie gemacht und würde mich auch nicht trauen, starken Spielern ein so klares Profil zuzuordnen. Bin gespannt, inwieweit die Prognosen in den Partien wiederzufinden sein werden.

Kaffeehausschach - Do, 2. Jul, 12:44

Ich auch.
Umumba (Gast) - Sa, 4. Jul, 10:49

Ein wie oben beschriebener Spieler, der dem Perfektionismus verfallen ist, kann wohl mit dem prägnanten Label "Trainertyp" bezeichnet werden? :-)

<-- Back from Vegas!

Kaffeehausschach - Mo, 6. Jul, 12:59

An sich ja, aber ich dachte, die Bezeichnung "Trainertyp" sei für ein GANZ bestimmten Spieler reserviert... :-)

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