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Mittwoch, 4. November 2009

Eine überaus trendy Partie

Dass es dieses Jahr in Deizisau durchaus nicht nur glatt lief, soll meine folgende Partie aus der dritten Runde gegen den jungen Paul Bogenschütze bezeugen. Ich möchte gerne demonstrieren, wie wichtig es ist, genaustens auf Trends und Schlüsselmomente zu achten, und dass so ein negativer Trend, erstmal Fahrt aufgenommen, so stark und intensiv sein kann, dass er sich gerne mal über eine 400 ELO-Punkte-Differenz hinwegsetzen kann. Trotz der oberflächlichen Einfachheit ist dies eine Partie, aus der ich sehr viel gelernt habe.

Schneider,Ilja (2500) - Bogenschuetze,Paul (2067) [A45]
Deizisau op 4th (3), 30.10.2009

1.d4 Sf6 2.Lg5 d5 Weiß hat eine extravagante Eröffnung gespielt und Schwarz darauf klassisch gekontert und ausgeglichen. Das kann man bereits an dieser Stelle so sagen. Mit seinem nächsten, ziemlich unbedachten Zug leitet Paul allerdings einen furchtbaren Trend gegen sich ein. 3.e3 h6? Dieser Zug kam sehr schnell. Mein Gegner begründete ihn in der Analyse in etwa mit: " Ich war mir nicht so sicher und wollte erst einmal die Verhältnisse klären." Das hat er zwar geschafft, aber er spielt von nun an die normale Variante mit einem glatten Minustempo weiter. Zusammen mit der einhergehenden Schwächung des Feldes g6 (wird später wichtig!) kann man durchaus sagen, dass Schwarz statt 3...h6? lieber einfach "gecheckt", also ausgesetzt hätte. 4.Lxf6 exf6 5.g3 c6 6.Lg2 Sd7 7.Se2 f5 8.Sd2 Sf6 9.0–0 Le7?! Bisher hat er alles "linientreu" aufgebaut, aber der L gehört in dieser Variante auf die Diagonale b8-h2. Dort verhindert er das Erscheinen eines Springers auf f4, so dass sein anderer Läufer auf e6 Stabilität genießt. [9...Ld6 10.c4 dxc4 11.Sxc4 Lc7 12.Dc2 Le6 und der Kampf steht noch bevor.] 10.c4 dxc4 11.Sxc4

Bogen1

11...Le6
[Rybka findet an 11...g5!? zumindest oberflächlich nichts falsch. Damit könnte man immerhin versuchen, 3...h6 zu rechtfertigen.] 12.Dc2 0–0 13.Sf4 Hier fühlte ich mich total wohl. 13...Sd5? Das erzeugt deutlich zu viele Schwächen. Besser wäre hier [13...Lxc4 14.Dxc4 Ld6 15.Sd3 aber Weiß hat hier auf jeden Fall einen mittelgroßen Vorteil, da er einzige der beiden Spielpartner ist, der über einen sinnvollen Plan verfügt, nämlich einen Minoritätsangriff am Damenflügel.] 14.Sxe6 fxe6 Schwarz hat nun eine Menge weicher weißer Felder in seinem Lager - in allen Hinsichten eine Folge seines nachlässigen dritten Zuges.

Bogen2

15.Tac1
[15.e4! So ein dynamischer Zugang wird in Partien gegen deutlich wertungsschwächere Spieler oftmals vermieden - warum sich auch unnötigen Risiken aussetzen, wenn es auch "so" geht? Diese Denkweise ist für die Kreativität eines Spielers ganz schön gefährlich. Man sucht einfach nicht nach objektiv den besten Zügen, dabei kommen Momente, wo eine solche "scharfe" Lösung absolut vonnöten ist, weitaus häufiger vor, als man es gern hätte. Diese Partie bildet dabei keine Ausnahme. 15.e4! hat hier den Vorteil, das es dem Gegner keine Atempause gönnt. 15...fxe4 16.Dxe4 Weiß visiert schnell alle Schwächen an, der e6 wird fallen, der schwarze König friert. Noch ein Fehler und Schwarz wird gnadenlos überfahren.] 15...Lf6 Durch den Druck auf d4 und die Räumung der e-Linie ist jetzt an einen e4-Break nicht mehr sinnvoll zu denken. Also langsam voran. 16.a3 Kh8 [16...a5 17.e4! Keine Regel ohne Ausnahme! Hier kann der Springer nicht nach b4 und Weiß darf sich den Vorstoß doch leisten.] 17.b4 Sb6 18.Sa5 De7 [18...Tf7 ist etwas ökonomischer, natürlich hat Weiß auch dann großen Vorteil.] 19.Dc5! Tf7

Bogen3

Das ist der Schlüsselpunkt der Partie. Der Trend nach 3...h6 hat sich sehr vorteilhaft für mich entwickelt und auch, wenn die Chance 15.e4! ausgelassen worden ist, gingen mir die bisherigen Züge leicht von der Hand. Mein Gegner war die ganze Zeit mit seiner Entwicklung und dem Parieren meiner Drohungen beschäftigt, machte einige Fehler und konnte bisher überhaupt kein eigenes Spiel aufbauen. Weiß hat klaren Vorteil. Aber an diesem Punkt tritt ein Bruch ein. Um weiterzukommen, ist an dieser Stelle ein mittelintensives Nachdenken, gefolgt von einem Springereinschlag auf b7 nötig. Das ist fast keine Frage von Geschmack oder Stil, es MUSS einfach sein. Ich war dazu aber aus unerklärlichen Gründen nicht bereit, setzte im Stile von 15.Tac1?! fort und leitete damit einen Trend ein, der mir um ein Haar die Partie und das Turnier gekostet hätte.

20.Tc2?

[20.b5!? war eine "milde", aber auch noch ertragreiche Lösung: 20...cxb5 21.Sxb7 Tc8 22.Dxe7 Lxe7 23.Txc8+ Sxc8 24.Tc1 Sb6 25.Sc5 mit einem gigantischen Endspielvorteil - da fällt ja fast schon was raus.;

20.Dxe7 Txe7 21.Sxb7! Aber diese Zugfolge ist diejenige, die an meiner Stelle JEDER Großmeister gewählt hätte. Guckt euch die Stellung nach etwa 21...Txb7 22.Lxc6 Tab8 23.Lxb7 Txb7 24.Kg2+- an - sie ist für Weiß nicht nur besser, sondern ich bin überzeugt, dass sie sich zu einem Gewinn ausanalysieren lässt. Und im Prinzip wusste ich das ja während der Partie auch. Das ist ja gerade das Schlimme. Ich war zu faul, es wirklich zu tun, einfach in der Hoffnung, "die Partie werde einfach so weitergehen wie bisher, und der Punkt wird schon automatisch zu mir kommen." Weit gefehlt!]

Bogen9

20...e5 (?) Mein Gegner spielte das energisch, mit einem erleichterten Gesichtsausdruck. Dabei ist dieser Vorstoß an sich ein grober Fehler. Doch ich konnte das nicht mehr ausnutzen - ich ärgerte mich bereits, im Zug vorher nicht zugehauen zu haben, und jetzt das befreiende 20...e5 zugelassen zu haben. Die Trendwende war gelaufen. 21.Dxe7? [21.Sxb7! war jetzt nochmal stärker als zuvor - jetzt hängt auch noch der e5. 21...Dxb7 22.Lxc6 Db8 23.Lxa8 Sxa8 Was sonst? (23...Dxa8 24.dxe5) 24.Dc8+ Tf8 25.Dxb8 Txb8 26.dxe5 Lxe5 27.Tfc1 Sb6 28.Tc5 Lb2 29.Tb1! Lf6 30.Txf5+-] 21...Txe7 22.dxe5 Lxe5 23.Td1?! Die Kontrolle über die Partie geht mir verloren. [23.b5 Wäre noch einmal ein Versuch, etwas auf direktem Wege zu erzielen, aber nachdem ich die Stellung nach 23...cxb5 24.Lxb7 Tb8 25.Lg2 a6!± (ohne Angst vor 26.Sc6 Tc7!) sah, ärgerte ich mich, wie wenig es ist, mit dem Vergleich zu dem, was ich hätte nur vor wenigen Zügen haben können.] 23...Tf8! Wieder schnell gespielt. Der Turm ist in Sicherheit, der f5 gedeckt. Opfer auf c6 und b7 kann ich vergessen. Vergleicht das bitte mit der Stellung nach 19.Dc5 Tf7 - das ist nur 4 Züge her!
24.Tc5 Ein Trick, b7 hängt. 24...Sa4

Bogen4

Auch das kam sofort. Weiß hat jetzt zwei interessante Quallenopfer zur Hand, die auch beide ansprechend aussehen, aber im Endeffekt einfach nichts bringen. Wie sich herausstellte, hat mein Gegner sie auch gar nicht gesehen. Was manchmal auch ein Vorteil sein kann... 25.Tc2 Ein trauriger Rückzug, aber ich konnte mich einfach nicht entschließen, sofort zu opfern:

[25.Sxb7 Sxc5 26.Sxc5 Tf6 ist Ausgleich, und wenn ich es jetzt darauf anlege, den c6 zu gewinnen, dann kommt 27.Td7? Txd7 28.Sxd7 Te6 29.Sxe5 Txe5 30.Lxc6 Te6! und es heißt willkommen beim Kampf ums Remis!;

25.Txe5! ist da schon besser, aber nach 25...Txe5 26.Sxb7 c5! 27.bxc5 Sxc5 28.f4! Txe3 29.Sxc5 Txa3 habe ich so Zweifel an meinen technischen Fertigkeiten, diese Stellung gewinnen zu können (insofern das überhaupt möglich ist!)]

25...Sb6 Hier war ich frustriert, dachte noch kurz nach und verstand, dass ich würde doch opfern müssen, um irgendwie weiterzukommen. Aber dann beschloss ich, vorher noch am Königsflügel die Lage zu "verbessern" und zog 3 Sekunden später das unglaublich schlechte 26.h4? g5! 27.hxg5 hxg5= Was habe ich nur getan? Nur die schwarze Minderheit aufgewertet. Jetzt ist klar ersichtlich, dass sämtliche Qualitätsopfer zum Scheitern verurteilt sind - Schwarz hat zuviel (Gegen)spiel. Achja: es droht f4. Ahnt ihr, welche Farbe ich jetzt gern lieber hätte? 28.Lf3 Stellt sich, so gut es geht, auf f4 ein. 28...Kg7 29.Kg2 g4!? Dieser Zug ist einerseits die Ursache seiner künftigen Schwierigkeiten, aber andrerseits einfach sehr gut und geht mit dem riesigen Trend einher, auf dem Schwarz seit etwa 8–10 Zügen segelt. Hätte ich auch gezogen. 30.Le2 Th8

Bogen5

Paul fragte mich nachher, was ich gemacht hätte, hätte er mir hier Remis geboten. Ich wollte ihn nicht anlügen, und umging die Frage, auf die ich bis jetzt keine Antwort weiß. 31.Tcd2 [31.Th1= & shake-hands.] 31...Sd5! Aua! Der Springer will nach c3 und der Break b5 geht nicht wegen Lc3. Und mein Läufer will von e2 raus, weil er bald meinem König im Weg stehen wird. Ein Haufen Probleme. Ich wurde richtig nervös. 32.Lc4 Sf6 33.Sb3 [Zuerst wollte ich mich mittels 33.Td8 Txd8 34.Txd8 entlasten, aber dann bemerkte ich 34...Lc7 35.Ta8 Lxa5 36.bxa5 a6 und wollte mir nicht auch noch diese Quälerei antun.] 33...Kg6 34.Td8

Bogen6

Das ist die beste Stellung für Schwarz in dieser Partie. Der Trend, der mit 20.Tc2? seinen Anfang nahm, hat hier seinen Höhepunkt erreicht und unterwegs eine Differenz von knappen 450 ELO-Punkten völlig annihiliert. Nun ist aber Schwarz einen Moment lang unachtsam - vielleicht weil die besten Züge hier nicht direkt auf der Hand liegen. 34...Teh7?! Folgt dem Trend - Verdoppeln in der h-Linie. Aber einen der Türme tausche ich ja gleich wieder ab! [34...Th3! wäre die exakteste Lösung. 35.Sc5 (35.Th1?? Teh7! und Weiß kann im Prinzip aufgeben.) 35...Teh7 36.Sd7! Immerhin habe ich das gesehen! 36...Sxd7 (36...Th2+ bringt am Ende nichts ein.) 37.T1xd7 Txd7 38.Txd7 Th7 39.Txh7 Kxh7= und er hätte es einfach geschafft.; 34...Txd8 35.Txd8 Lb2 36.a4 Lc3 37.b5 Tc7= ist zwar auch total remis, aber warum sollte Schwarz nicht auch mal versuchen dürfen, seine Mehrheit am Damenflügel in Gang zu bringen?]
35.Txh8 Txh8 Wir haben immer noch toten Ausgleich. Aber - unglaublich! - ich darf in dieser Partie noch einmal eine Drohung aufstellen! 36.Sa5 Th7 37.Le6 und noch eine! Der Läufer will nach c8. 37...Tc7?? [37...Se4! mit (unter anderem) der Idee Sd6 garantierte dem b7 für immer Sicherheit.] Mein Gegner dachte hier immer noch, er hätte alles unter Kontrolle - bis er meinen nächsten Zug sah. 38.Sc4!

Bogen7

Plötzlich hat der Läufer keine Felder mehr... 38...Lc3 39.Sd6 ... und dann geht der f5 verloren. Erinnert ihr euch an 29...g4!? 39...c5 Verzweiflung. [39...Kg5 40.Td3] 40.b5?! Nein, mein bester Tag war das wirklich nicht. [40.Lxf5+ Kg5 41.bxc5 Txc5 42.e4! mit Mattdrohung machte sofort die Lichter aus.] 40...Lb2 [40...Le5 41.Lxf5+ Kg5 42.Lc2 c4 erlaubte sogar noch Kampf.] 41.Lxf5+ Kg5 Ich wusste, dass meine Stellung sehr gut war, aber noch nicht gewonnen. Mein Gegner war allerdings vom Schock noch total angeschlagen. Ich beschloss eine Falle mit guter Erfolgschance zu stellen um die Partie schnell zu beenden. 42.Lc2!? Lxa3?? Er dachte hier aber fast nicht mehr nach - man spürte, er hat sich irgendwie bereits mit der Niederlage abgefunden. [42...c4 43.a4 Le5 44.Kf1± mit eben immer noch gewissen Schwierigkeiten.]

Bogen8

43.b6! Gewinnt einen Stein. 1–0

Bogenschuetze (cbv, 9 KB)
Bogenschuetze1 (pgn, 11 KB)
Chev Chelios - Mi, 4. Nov, 16:44

ILJA! Ich finde deinen Blog super.
Nette Partie, auch wenn ich aufgrund von Konzentrationsmängeln es nicht ganz geschafft habe den
Gruß Chev

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