Sonntag, 17. Mai 2009

Höhepunkt nach 2 Minuten

Was sich nach der Umschreibung für einen misslungenen Liebesakt anhört, ist in Wirklichkeit eine Kurzzusammenfassung meiner Leistung bei der DBMM. Noch weitaus jenseits aller im Rahmen des Vorschau geschilderten Bedenken befand sich mein Spiel auf absolut indiskutablem Niveau. Hielt sich der Schaden in der ersten Hälfte des Turniers noch halbwegs in Grenzen (ich hatte die große Anzahl starker Gegner wie Bischoff, Popovic, Navara) als Ausrede für die gelegten Eier), brach in der zweiten Hälfte des Turniers alles völlig zusammen. Ich ließ gegnerische Bauern durchlaufen und meinen König mattsetzen, stellte Figuren ein und wurde überspielt, wich in schlechten Stellungen der Zugwiederholung aus und konnte die besten Stellungen nicht verwerten. Darüber hinaus verlor ich viel zu viele Partien kläglich auf Zeit. Kurzum war der Auftritt mit letzlich 13,5/27 nicht viel souveräner als der 30 Stunden vorher im Chemie-Seminarraum in Karlsruhe.
Natürlich liegt uns Schachspielern jeglicher Aberglaube absolut fern ;-), aber ich glaube, Caissa ist nachtragend. Irgendwann begann ich, den gesamten Turnierverlauf als eine einzige Bestrafungsaktion für den in Runde 1 begangenen Frevel wahrzunehmen.
Sie führte mich beim Match gegen Gerresheim mit der Schachlegende Ulf Andersson zusammen. Die schwedische Weltranglisten-Ex-Nr.3 ist allerdings leider schon lange nicht mehr wegen seiner brillanten Endspielführung Thema der schachlichen Berichterstattung, sondern wegen seinem Zweithobby. Es lautet Schachturniere sabotieren. Andersson gönnt sich nämlich bei mehrtägigen Veranstaltungen häufiger ganz gern mal einen Tag Pause, entscheidet sich dazu aber meist sehr spontan und weiht nur in Ausnahmefällen die Turnierleitung in seine Pläne ein. Als Kollateralschaden bleiben kampflose Punkte und verpasste GM-Normen zurück, wovon mein Mannschaftskollege Arnd Lauber ein trauriges Lied singen kann. Neu- Europameister Tomaschevsky dürfte hingegen in Budva vermutlich nicht so sehr mit seinem Schicksal gehadert haben...
Jedenfalls fing die Partie an (ich hatte Weiß) und es entstand nach 2 Minuten folgende Stellung:

Anderssond
Nach kurzem Nachdenken zog er

12...Lb5xSd7?!??

Andersson
und drückte die Uhr...
Dass diese Partie die einzige an diesem Tag bleiben sollte, in der mir ein Sieg gegen einen besseren Spieler vergönnt wurde, kann man wirklich nur noch als blanken Hohn empfinden. Und das auf diese Weise... Hätte ich vielleicht doch nicht reklamieren sollen?!
Aber einmal, ein einziges Mal war ich noch kurz davor... Das war in der Partie gegen Kiril Georgiev vom DJK Aachen, dessen sämtliche Spieler und Betreuer (einer von ihnen hat mir angeboten, uns draußen zu prügeln) bei mir einen bleibend charismatischen Eindruck hinterlassen haben.
Ich spiele übrigens schon sein 15 Jahren Schach, aber mir ist noch niemals ein solcherlei debiles Konstruktum wie ein Blitzmannschaftsprofizoo untergekommen. Weder K.Georgiev, noch V.Spasov, noch M.Palac oder P.Drenchev haben meiner Information zufolge bisher eine einzige Turnierpartie auf Aachener Boden absolviert. Unter anderem durch den beherzten Eingriff unserer II Mannschaft (2,5:1,5) konnte letztlich der "Deutsche Blitzmannschaftsmeister" DJK Aachen verhindert werden. Dem TV Tegernsee gönne ich den Titel jedenfalls tausend Mal mehr, nicht nur weil sie für uns in der Bundesliga brav Platz gemacht haben. Glückwunsch! Es hätte aber auch schiefgehen können... Sollte ich jedenfalls jemals in diesem Land Diktator werden, eins ist klar, solche Auswüchse wie beim DJK Aachen würde ich sofort blutig unterbinden.
In der Partie gegen Georgiev habe ich es übrigens geschafft, diese Stellung (mit den weißen Steinen):

Georgiev
(+- nach etwa 27.Tc7) in diese:

Aufzeichnen
(Schwarz am Zug)

zu verwandeln. Nach Georgievs Reklamation war ihm anscheinend mein "It's Ok, I resign" und die ausgestreckte Hand nicht genug, so dass er noch meinte, Jürgen Kohlstädt zu rufen und ihm mehrfach sein Anliegen ("I claim win!" "impossible move!"..) zu äußern.
Zum Glück hat der Rest der Mannschaft mich recht gut durch das Turnier geschleift. Arnd und Lars (19,5 und 17/27) agierten insgesamt sicher, und Rainer kann man sein Ergebnis angesichts der Organisationsbelastung wohl auch kaum ankreiden. Am Ende sprang der etwas blutarme 12.Platz heraus, wobei das gesamte Quartett sichtlich erleichtert war, dass die Vorfreude auf die nächste DB(lamage)MM in Bindlach noch ein ganzes Jahr andauern wird.


Einzelergebnisse
aller SF-Berliner

Diesmal vorbildliche Turnierseite (sogar mit Videos)

P.S. Bericht vom großen Schnellturnier und ein paar aussagekräftige Photos morgen ( eigentlich schon heute ;-)).

P.P.S. (12:54) Mir fällt gerade auf, dass es doch noch zwei andere Siege gegen bessere Spieler gab, nämlich Milov und Appel. Diese wurden sogar spielerisch und nicht aus einer "Standardsituation" heraus erzielt. Aber dass dies jetzt einen glücklicheren Menschen aus mir macht, kann ich nicht behaupten.
GiantPanda (Gast) - Mo, 18. Mai, 17:17

Petar Drenchev hat in der vergangenen Saison immerhin 6 Einsätze am 2. Brett für DJK Aufwärts Aachen I gespielt, die Mannschaft ist soeben in die NRW-Klasse aufgestiegen. Die anderen wurden erst zum Jahreswechsel nachgemeldet. Ivailo Zlatilov (hier nicht am
Start) kam immerhin noch zu einem Spiel am 8. Brett.

Der Aachener Sponsor ist übrigens der gleiche, der vor Jahren Turm Bergheim nach oben gebracht hat, was mit einem plötzlichen Rückzug aus der 2. Bundesliga West in die SRE-Bezirksliga endete.

RandomRino (Gast) - Mo, 18. Mai, 18:37

Ja und was willst du damit sagen!?
Kaffeehausschach - Mo, 18. Mai, 20:58

ja ich sag ja: grundsolides Management halt...
und benehmen kann man sich trotzdem!
Klozug (Gast) - Mo, 18. Mai, 22:31

DJK Abwärts Aachen hört sich besser an. Ist aber hart, was die Herren sich auf der DBMM geleistet haben. Sind das Teppichländer aus Bulgarien?
goldi (Gast) - Di, 19. Mai, 00:32

:)

weiter so :) find die Idee mit dem Blog gut.

Tyler Durden (Gast) - Mi, 27. Mai, 12:48

Zu deiner Partie gegen K.Georgiev kam ich gerade hinzu, als du die Gabelkombination Tc7 aus dem Ärmel schütteltest. Schade, daß deine Dame wenig später nicht auf g3 (statt c3) landete, mit Zusatzdrohungen gegen g6. Ich hätte gern gesehen, wie der Bulgare dann geschwitzt hätte.
Dein ominöser Königszug im Bauernendspiel hatte dann ja in etwa die Qualität von Anderssons Lb5xd7...
Die von dir geschilderte Reklamation Georgievs war übrigens sogar noch asozialer als der Eindruck, den das an anderer Stelle entstandene Foto des Weltrekordlers vermittelt.
Das anschließende Angebot zum Prügeln hast du dann doch wohl hoffentlich angenommen, oder?

Kaffeehausschach - Mi, 27. Mai, 13:19

Die Prügelei wäre für die Zuschauer bei Weitem nicht so spannend wie etwa die Georgiev-Partie. Besagter Betreuer von Aachen hatte immerhin geschätze 25 Kilo Kampfgewicht mehr auf den Rippen als ich. Ich musste auf sein Raise folden.

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