...Darling, can't you hear me SOS???
Nein, nein, keine Angst! Hier soll es nicht um den Megahit SOS von ABBA gehen. Sondern um eine der wahrhaft gefährlichsten und auswegslosesten Situationen, in die ich jemals hereingeraten bin und tatsächlich um Hilfe funken musste. Sie ereignete sich gestern ganz zum Abschluss des Staufer Opens.
Nachdem sich in der letzten Runde die späteren beiden Erstplatzierten Rainer Buhmann und Vladimir Burmakin am ersten Brett schnell darin einig waren, das Schicksal nicht noch weiter herauszufordern, verlagerte sich das allgemeine Interesse schnell an Brett 2. Dort spielte "Das wilde Tier" gegen die "Erbsenschote" und es war allen schnell klar, der Sieger dieser Begegnung wäre auch Gewinner des Staufer Opens 2010. Es ging im Zweifel also um etwa 1000€.

Die letzte Partie des Opens, kritisch beäugt von einem der Schiedsrichter und vom direkt "Beteiligten" späteren Sieger Rainer Buhmann. Immerhin wurde hier sein Geld ausgespielt!
Der mit Schwarz spielende GM Vladimir Epishin, der vielen noch als ehemaliger Karpov-Sekundant, einigen anderen auch als Verprügler eines Gratulanten nach unserer Partie in Erinnerung ist (vgl. SCHACH 09/2008, Bericht über Pardubice), den meisten allerdings gegenwärtig ist als eine der schrulligsten, verpeiltesten, nikotin- und kaffeesüchtigsten, kommunikationsgestörtesten Gestalten, denen man in Deutschland beim Schach über den Weg laufen kann, gab während der Partie noch ein halbwegs adäquates Bild ab.
Er tigerte wild durch den Spielbereich, er schniefte und schnaufte, er hustete pausenlos, er rieb sich am Bart und am Nacken und er rannte alle paar Züge zum Rauchen (wofür er übrigens auch jeweils nur ein paar Züge braucht) und er stierte nach jedem Zug von Graf abwechselnd auf das Brett und auf das Partieformular (außer den Namen der Spieler und 1.d4 war definitiv nichts mehr lesbar - bedingt durch diese Problematik finden sich in der Database auch nur so wenig Partien zwischen Epishin und Gutman -das nur am Rande! :-)), und setzte minutenlang den Stift an, aber schaffte es einfach nicht, den Zug zu "notieren".
Soweit alles normal (oder besser üblich).
An einer Stelle sah es dann so aus, als sei es vorbei für den russischen Recken. Er hatte sich vorher mächtig bei einer Abwicklung verschätzt und musste nun gegen Graf, der stets ruhig und regungslos, mit übereinander geschlagenen Beinen sitzen blieb, ein Endspiel mit zwei Minusbauern verteidigen. Epishin kämpfte verbissen wie ein Boxer kurz vor dem K.O. und es entstand diese Stellung:
&ls_color=(135,250,250)&square_size=42&border_width=5&border_color=(255,255,255))
Graf hatte gerade seinen Bauern nach f6 vorgeschoben und sowohl bei den zahlreichen Kiebitzen als auch bei mir entstand der Eindruck, dass Schwarz gegen das langsame Vorrücken der weißen Streitkräfte im Endeffekt wehrlos wäre.
Epishin sah zunächst auch keine Rettung. Lange Minuten der Schweigens vergingen, nur unterbrochen vom Keuchen des russischen GMs. Doch plötzlich… es hellte sich etwas in seinem leidgeprüften Gesicht auf, noch ein kurzer Blick durch die runde Hornbrille, noch einmal das magische Reiben des Barts… und dann schlug er in einer klatschenden Bewegung mit dem Läufer den Bauern auf f6 und nach dem Zurückschlagen dann den Springer auf c3.
Graf versank hier in langes Nachdenken. Ist denn dieser Fünfsteiner nicht irgendwie gewonnen, steht denn der schwarze König nicht viel zu weit hinten? Dachte ich auch und vermutlich auch die meisten Zuschauer. Der Blick in die Fünfsteiner-Datenbank oder eben in Epishins kranken Kopf zeigt aber, dass das Endspiel Remis ist. Man konnte am sonst so gefassten Graf genau den Moment der Ernüchterung feststellen, nämlich den, an dem er sah, dass sein Traum vom Turniergewinn vorbei war, gescheitert an einer solch profanen Angelegenheit wie Remisbreite.
Nach einigen bedeutungslosen Zügen einigte man sich dann wortlos auf Remis. Graf war verbittert, aber zeigte sich sportlich gefasst und suchte schnell das Weite. Ebenso wie die Zuschauer, für diese war die Partie gelaufen und das Turnier vorbei. Nicht aber für mich, der einfach nicht clever genug war schnell wegzuspringen. Epishin, der vom Partieverlauf völlig entnervt, aufgedreht und gar elektrisiert war, rollte auf mich zu und sperrte mich mit seinem Astralleib zwischen zwei Tischen und einer Wand ein, schneller als ich blinzeln konnte. Es gab kein Entkommen.
Und dann redete er los.
Er redete und redete und redete.
Er erzählte von seinem glücklich gehaltenen Endspiel, er zählte unzählige Mittelspielmotive und Eröffnungsfeinheiten zu seiner Partie gegen Graf auf, rezitierte verschiedene mögliche Varianten, berichtete von seinen Erfahrungen mit der entsprechenden Grünfeld-Variante für beide Farben. Dass Graf nicht spielen kann. Dass er (Epishin) mit Schwarz schon klaren Vorteil hatte und wie er diese Stellungen schon aus einer Partie aus Spanien kannte. Er wiederholte sich immer wieder, er laberte und laberte und schwadronierte, und schaute mir dabei kein einziges Mal ins Gesicht und ließ mich auch außer „Hm“ oder „Ja“ niemals ein einziges Wort sagen. Mindestens genauso oft verwendete er in der Zeit das Wort „Bljad‘“
Einmal hatten wir vorher kurz Kontakt, das war in Bad Wörishofen im März 2009. Da war ich nach unserem Remis überstolz und auch noch dumm genug, ihm eine Analyse anzubieten. Schon dort hat er mich im weiteren Turnierverlauf so einige Male aufgesucht und mich mit sinnlosem Zeug vollgequatscht.
In Gmünd haben wir aber bis dato keine einzige Silbe gewechselt.
Und plötzlich war ich gleichzeitig zu seinem Seelenklempner, seinem Blitzableiter, seinem Boxsack geworden. Oder meinetwegen auch zu seiner Wichsvorlage.
Und ich kam einfach nicht aus dieser Umklammerung heraus. Jeder im Saal, absolut jeder konnte mein Leid sehen, ich spürte viele lachende Blicke und sogar einige Finger auf dieses ungleiche Pärchen hinweisen und ich musste zuerst schmunzeln, und später einfach mehr oder minder loslachen. Ich konnte mich einfach nicht mehr halten. Meine Gesichtszüge gerieten absolut außer Kontrolle. Zu absurd war die Situation, in die ich geraten war. Alle sahen es, aber niemand konnte oder wollte mir helfen.
Doch der Großmeister bemerkte es nicht. Es interessierte ihn auch gar nicht. Ich war der Therapeut, er der Patient auf dem Sofa. Nicht umgekehrt. Weder mein Lachen, noch meine Verzweiflung, noch die Blicke der Anderen. Ich wollte es nicht, aber er laberte einfach weiter. Vom „bescheuerten“ Fotografen, der am Vortag Bilder geschossen hatte „Ich bin doch kein Fotomodell! Wenn ich das nächste Mal mit Blitzlicht fotografiert werde, schlage ich ihm einfach in die Fresse. Das kann ich und habe es schon oft bewiesen!“, von unfähigen Organisatoren, von schlechten Konditionen, von zuwenig Preis- und Antrittsgeld hier und anderswo und dass er in Deutschland eigentlich sowieso keine Turniere spielt, wenn die Doppelrunden um 9 Uhr morgens beginnen, und dass er auch hier nie im Leben hingefahren wäre, wenn sein Turnier in Spanien nicht geplatzt wäre, und dass er den Schnee nicht ertragen kann und lieber das Meer und die spanische Sonne mag und warum die hier immer noch die Preise nach Buchholz verteilen, weil das ist ja die totale Lotterie und in Spanien wird ja zudem die Buchholzwertung immer manipuliert und bla und bla und blubb. Bestimmt gab es da noch mehr, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Danach wetterte er über einige Großmeisterkollegen, kam zum tausendsten Mal auf seine gerade beendete Partie zu sprechen:
„Txa2 bljad‘, kakoj jöb twoju matj jöbanij chod bljad‘“
und so weiter. Mir fielen schon die Ohren ab und ich konnte überhaupt nichts mehr tun, außer alle 3-4 Sekunden ein „Ja“ von mir zu geben. Andererseits stand ich kurz vor einem Lachanfall. Aber dem GM war das an dieser Stelle einfach absolut egal, er war wie im Blutrausch, und redete und schlug und wichste einfach weiter. Er hatte mich schlicht zu einem Objekt degradiert, zu seinem Objekt. Sein Atem stank widerwärtig nach Zigaretten.
Eine Vergewaltigung mitten in der Öffentlichkeit.
In meiner Verzweiflung ertastete ich in meiner Hosentasche die Wahlwiederholungstaste meines Handys, welches bereits an war. Ich klingelte kurz an. Ich hoffte, einen Rückruf zu erzielen und unter dem Vorwand eines klingelnden Handys einfach abzuhauen. Doch der Rückruf kam nicht. Pech.
Irgendwann waren dann meine Hoffnung und meine Geduld am absoluten Ende angelangt. Es war klar, dass sich beim Schachprofi ein jahrelanger, wenn nicht jahrzehntelanger Redebedarf angestaut hatte, den er sofort und vollständig zu befriedigen suchte, gleichsam einem verdurstenden Wüstenreisenden, der an einer Oase angekommen war. Ich wusste, freiwillig lässt er garantiert nicht mehr von mir ab.
Ich nahm mir ein Herz, band meinen Schal um, schob den Koloss beiseite so gut es ging und rannte davon. Einfach weg, raus nach draußen, aus dem Turniersaal in die Freiheit. Es war gar nicht so schwer, wie ich vorher gedacht hatte. Auf den ersten Metern hatte ich noch Epishins keuchende Stimme im Ohr. Der Riese verfolgte mich, ohne auch nur für eine Sekunde vom Reden abzulassen. Er konnte nicht wahrhaben, dass unsere Therapiestunde vorbei war. Irgendwann hängte ich ihn aber ab.
Draußen im Stadtgarten war ich vorerst sicher. Nie mehr und nie wieder will ich zu einem Langzeitturnier alleine hinfahren! Mein Vorsatz für 2010.
Der mitten in seinem geistigen Erguß abgewürgte Epishin blieb, mitten in einem Selbstgespräch wild gestikulierend im menschenvollen Foyer zurück. Schon bald hat er sich aber ein neues Opfer gefunden. Ich war einfach nur einer von vielen, einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, wie die Kinder, über die regelmäßig im Fernsehen berichtet wird, die dann irgendwann einfach nicht mehr nach Hause kommen. Später findet man dann ihre Leichen im Fluss oder im Keller. Ich hatte diesmal einfach etwas mehr Glück als jene Kinder.
Ist das überhaupt ein richtiger Mensch?

Nachtrag: Epishin mit seinem späteren Opfer, dem chilenischen IM Luis Rojas, dem er gleich noch erzählen konnte, dass ihm Rojas' Letztrundenniederlage gegen FM Josef Gheng auch noch mal mehrere Hundert Euro gekostet hat ;-)Buchholzwertung sei dank...
Wer genau hinguckt, erkennt auch auf dem Gesicht des sonst ernst guckenden Südamerikaners einen sich anbahnenden Lachflash. Zumal diese "Konversation" auf Englisch stattfand, dessen Epishin nicht ganz so mächtig ist, wie des Russischen. Ob er wohl auch "bljad'" in "bitch" übertragen hat?
Nachdem sich in der letzten Runde die späteren beiden Erstplatzierten Rainer Buhmann und Vladimir Burmakin am ersten Brett schnell darin einig waren, das Schicksal nicht noch weiter herauszufordern, verlagerte sich das allgemeine Interesse schnell an Brett 2. Dort spielte "Das wilde Tier" gegen die "Erbsenschote" und es war allen schnell klar, der Sieger dieser Begegnung wäre auch Gewinner des Staufer Opens 2010. Es ging im Zweifel also um etwa 1000€.

Die letzte Partie des Opens, kritisch beäugt von einem der Schiedsrichter und vom direkt "Beteiligten" späteren Sieger Rainer Buhmann. Immerhin wurde hier sein Geld ausgespielt!
Der mit Schwarz spielende GM Vladimir Epishin, der vielen noch als ehemaliger Karpov-Sekundant, einigen anderen auch als Verprügler eines Gratulanten nach unserer Partie in Erinnerung ist (vgl. SCHACH 09/2008, Bericht über Pardubice), den meisten allerdings gegenwärtig ist als eine der schrulligsten, verpeiltesten, nikotin- und kaffeesüchtigsten, kommunikationsgestörtesten Gestalten, denen man in Deutschland beim Schach über den Weg laufen kann, gab während der Partie noch ein halbwegs adäquates Bild ab.
Er tigerte wild durch den Spielbereich, er schniefte und schnaufte, er hustete pausenlos, er rieb sich am Bart und am Nacken und er rannte alle paar Züge zum Rauchen (wofür er übrigens auch jeweils nur ein paar Züge braucht) und er stierte nach jedem Zug von Graf abwechselnd auf das Brett und auf das Partieformular (außer den Namen der Spieler und 1.d4 war definitiv nichts mehr lesbar - bedingt durch diese Problematik finden sich in der Database auch nur so wenig Partien zwischen Epishin und Gutman -das nur am Rande! :-)), und setzte minutenlang den Stift an, aber schaffte es einfach nicht, den Zug zu "notieren".
Soweit alles normal (oder besser üblich).
An einer Stelle sah es dann so aus, als sei es vorbei für den russischen Recken. Er hatte sich vorher mächtig bei einer Abwicklung verschätzt und musste nun gegen Graf, der stets ruhig und regungslos, mit übereinander geschlagenen Beinen sitzen blieb, ein Endspiel mit zwei Minusbauern verteidigen. Epishin kämpfte verbissen wie ein Boxer kurz vor dem K.O. und es entstand diese Stellung:
Graf hatte gerade seinen Bauern nach f6 vorgeschoben und sowohl bei den zahlreichen Kiebitzen als auch bei mir entstand der Eindruck, dass Schwarz gegen das langsame Vorrücken der weißen Streitkräfte im Endeffekt wehrlos wäre.
Epishin sah zunächst auch keine Rettung. Lange Minuten der Schweigens vergingen, nur unterbrochen vom Keuchen des russischen GMs. Doch plötzlich… es hellte sich etwas in seinem leidgeprüften Gesicht auf, noch ein kurzer Blick durch die runde Hornbrille, noch einmal das magische Reiben des Barts… und dann schlug er in einer klatschenden Bewegung mit dem Läufer den Bauern auf f6 und nach dem Zurückschlagen dann den Springer auf c3.
Graf versank hier in langes Nachdenken. Ist denn dieser Fünfsteiner nicht irgendwie gewonnen, steht denn der schwarze König nicht viel zu weit hinten? Dachte ich auch und vermutlich auch die meisten Zuschauer. Der Blick in die Fünfsteiner-Datenbank oder eben in Epishins kranken Kopf zeigt aber, dass das Endspiel Remis ist. Man konnte am sonst so gefassten Graf genau den Moment der Ernüchterung feststellen, nämlich den, an dem er sah, dass sein Traum vom Turniergewinn vorbei war, gescheitert an einer solch profanen Angelegenheit wie Remisbreite.
Nach einigen bedeutungslosen Zügen einigte man sich dann wortlos auf Remis. Graf war verbittert, aber zeigte sich sportlich gefasst und suchte schnell das Weite. Ebenso wie die Zuschauer, für diese war die Partie gelaufen und das Turnier vorbei. Nicht aber für mich, der einfach nicht clever genug war schnell wegzuspringen. Epishin, der vom Partieverlauf völlig entnervt, aufgedreht und gar elektrisiert war, rollte auf mich zu und sperrte mich mit seinem Astralleib zwischen zwei Tischen und einer Wand ein, schneller als ich blinzeln konnte. Es gab kein Entkommen.
Und dann redete er los.
Er redete und redete und redete.
Er erzählte von seinem glücklich gehaltenen Endspiel, er zählte unzählige Mittelspielmotive und Eröffnungsfeinheiten zu seiner Partie gegen Graf auf, rezitierte verschiedene mögliche Varianten, berichtete von seinen Erfahrungen mit der entsprechenden Grünfeld-Variante für beide Farben. Dass Graf nicht spielen kann. Dass er (Epishin) mit Schwarz schon klaren Vorteil hatte und wie er diese Stellungen schon aus einer Partie aus Spanien kannte. Er wiederholte sich immer wieder, er laberte und laberte und schwadronierte, und schaute mir dabei kein einziges Mal ins Gesicht und ließ mich auch außer „Hm“ oder „Ja“ niemals ein einziges Wort sagen. Mindestens genauso oft verwendete er in der Zeit das Wort „Bljad‘“
Einmal hatten wir vorher kurz Kontakt, das war in Bad Wörishofen im März 2009. Da war ich nach unserem Remis überstolz und auch noch dumm genug, ihm eine Analyse anzubieten. Schon dort hat er mich im weiteren Turnierverlauf so einige Male aufgesucht und mich mit sinnlosem Zeug vollgequatscht.
In Gmünd haben wir aber bis dato keine einzige Silbe gewechselt.
Und plötzlich war ich gleichzeitig zu seinem Seelenklempner, seinem Blitzableiter, seinem Boxsack geworden. Oder meinetwegen auch zu seiner Wichsvorlage.
Und ich kam einfach nicht aus dieser Umklammerung heraus. Jeder im Saal, absolut jeder konnte mein Leid sehen, ich spürte viele lachende Blicke und sogar einige Finger auf dieses ungleiche Pärchen hinweisen und ich musste zuerst schmunzeln, und später einfach mehr oder minder loslachen. Ich konnte mich einfach nicht mehr halten. Meine Gesichtszüge gerieten absolut außer Kontrolle. Zu absurd war die Situation, in die ich geraten war. Alle sahen es, aber niemand konnte oder wollte mir helfen.
Doch der Großmeister bemerkte es nicht. Es interessierte ihn auch gar nicht. Ich war der Therapeut, er der Patient auf dem Sofa. Nicht umgekehrt. Weder mein Lachen, noch meine Verzweiflung, noch die Blicke der Anderen. Ich wollte es nicht, aber er laberte einfach weiter. Vom „bescheuerten“ Fotografen, der am Vortag Bilder geschossen hatte „Ich bin doch kein Fotomodell! Wenn ich das nächste Mal mit Blitzlicht fotografiert werde, schlage ich ihm einfach in die Fresse. Das kann ich und habe es schon oft bewiesen!“, von unfähigen Organisatoren, von schlechten Konditionen, von zuwenig Preis- und Antrittsgeld hier und anderswo und dass er in Deutschland eigentlich sowieso keine Turniere spielt, wenn die Doppelrunden um 9 Uhr morgens beginnen, und dass er auch hier nie im Leben hingefahren wäre, wenn sein Turnier in Spanien nicht geplatzt wäre, und dass er den Schnee nicht ertragen kann und lieber das Meer und die spanische Sonne mag und warum die hier immer noch die Preise nach Buchholz verteilen, weil das ist ja die totale Lotterie und in Spanien wird ja zudem die Buchholzwertung immer manipuliert und bla und bla und blubb. Bestimmt gab es da noch mehr, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Danach wetterte er über einige Großmeisterkollegen, kam zum tausendsten Mal auf seine gerade beendete Partie zu sprechen:
„Txa2 bljad‘, kakoj jöb twoju matj jöbanij chod bljad‘“
und so weiter. Mir fielen schon die Ohren ab und ich konnte überhaupt nichts mehr tun, außer alle 3-4 Sekunden ein „Ja“ von mir zu geben. Andererseits stand ich kurz vor einem Lachanfall. Aber dem GM war das an dieser Stelle einfach absolut egal, er war wie im Blutrausch, und redete und schlug und wichste einfach weiter. Er hatte mich schlicht zu einem Objekt degradiert, zu seinem Objekt. Sein Atem stank widerwärtig nach Zigaretten.
Eine Vergewaltigung mitten in der Öffentlichkeit.
In meiner Verzweiflung ertastete ich in meiner Hosentasche die Wahlwiederholungstaste meines Handys, welches bereits an war. Ich klingelte kurz an. Ich hoffte, einen Rückruf zu erzielen und unter dem Vorwand eines klingelnden Handys einfach abzuhauen. Doch der Rückruf kam nicht. Pech.
Irgendwann waren dann meine Hoffnung und meine Geduld am absoluten Ende angelangt. Es war klar, dass sich beim Schachprofi ein jahrelanger, wenn nicht jahrzehntelanger Redebedarf angestaut hatte, den er sofort und vollständig zu befriedigen suchte, gleichsam einem verdurstenden Wüstenreisenden, der an einer Oase angekommen war. Ich wusste, freiwillig lässt er garantiert nicht mehr von mir ab.
Ich nahm mir ein Herz, band meinen Schal um, schob den Koloss beiseite so gut es ging und rannte davon. Einfach weg, raus nach draußen, aus dem Turniersaal in die Freiheit. Es war gar nicht so schwer, wie ich vorher gedacht hatte. Auf den ersten Metern hatte ich noch Epishins keuchende Stimme im Ohr. Der Riese verfolgte mich, ohne auch nur für eine Sekunde vom Reden abzulassen. Er konnte nicht wahrhaben, dass unsere Therapiestunde vorbei war. Irgendwann hängte ich ihn aber ab.
Draußen im Stadtgarten war ich vorerst sicher. Nie mehr und nie wieder will ich zu einem Langzeitturnier alleine hinfahren! Mein Vorsatz für 2010.
Der mitten in seinem geistigen Erguß abgewürgte Epishin blieb, mitten in einem Selbstgespräch wild gestikulierend im menschenvollen Foyer zurück. Schon bald hat er sich aber ein neues Opfer gefunden. Ich war einfach nur einer von vielen, einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, wie die Kinder, über die regelmäßig im Fernsehen berichtet wird, die dann irgendwann einfach nicht mehr nach Hause kommen. Später findet man dann ihre Leichen im Fluss oder im Keller. Ich hatte diesmal einfach etwas mehr Glück als jene Kinder.
Ist das überhaupt ein richtiger Mensch?

Nachtrag: Epishin mit seinem späteren Opfer, dem chilenischen IM Luis Rojas, dem er gleich noch erzählen konnte, dass ihm Rojas' Letztrundenniederlage gegen FM Josef Gheng auch noch mal mehrere Hundert Euro gekostet hat ;-)Buchholzwertung sei dank...
Wer genau hinguckt, erkennt auch auf dem Gesicht des sonst ernst guckenden Südamerikaners einen sich anbahnenden Lachflash. Zumal diese "Konversation" auf Englisch stattfand, dessen Epishin nicht ganz so mächtig ist, wie des Russischen. Ob er wohl auch "bljad'" in "bitch" übertragen hat?
Kaffeehausschach - Do, 7. Jan, 12:13
хенрик (Gast) - Do, 7. Jan, 15:17
Durchhaltevermögen
Du hast definitiv zu viel davon. Wie das grade klingt, hätte ich ihm spätestens nach einer halben Minutel lauthals ins Gesicht lachen müssen, ohne mich wieder einzukriegen.
Umumba (Gast) - Do, 7. Jan, 15:20
Just epic.
Übrigens finde ich es im Hinblick auf Kamelia T. etwas gemein, von einem Astralleib zu sprechen. ;-)
Übrigens finde ich es im Hinblick auf Kamelia T. etwas gemein, von einem Astralleib zu sprechen. ;-)
MiBu (Gast) - Do, 7. Jan, 17:10
Kleiner Rat:
Die Vergütung für eine Stunde Einzeltherapie beträgt nach GOP (Gebührenordnung für Psychotherapeuten) 92,50 EUR meine ich. Schick ihm eine Rechnung.
Kaffeehausschach - Do, 7. Jan, 17:21
Für wen?
Ich vermute man sollte den Hunderter trotz allem besser in ihn selbst anlegen. So vom Standpunkt des Allgemeinwohls her.
Er hat's nötiger als ich. :-) Aber danke für den Tipp.
GOP kannte ich bisher nur als ausgezeichnetes hannoversches Variete. ;-)
http://www.variete.de/Hannover/
Er hat's nötiger als ich. :-) Aber danke für den Tipp.
GOP kannte ich bisher nur als ausgezeichnetes hannoversches Variete. ;-)
http://www.variete.de/Hannover/
MiBu (Gast) - Do, 7. Jan, 21:47
AKüFi
Das ist das Problem mit den Abkürzungen - führt zu Uneindeutigkeiten. Du verstehst dann halt was anderes unter GOP als ich, aber ich war eben noch nie in Hannover und Du hast vermutlich eher wenige Kenntnisse aus dem Bereich der Privaten Krankenversicherung. Aber das stimmt schon: Einzeltherapie von wenigstens 50 Min. Dauer kann bei 2,3-fachem Satz mit 92,51 EUR liquidiert werden, Ziffer 861 GOP. (Sh. http://www2.bptk.de/uploads/Download%20der%20Geb%FChrenordnung.pdf auf Seite 14 von 15)
Ob sich Epishin das leisten kann ist eine andere Frage... Außerdem weiß ich nicht, was Manfred H. aka "Der Schachtherapeut" in Rechnung stellen würde.
Ob sich Epishin das leisten kann ist eine andere Frage... Außerdem weiß ich nicht, was Manfred H. aka "Der Schachtherapeut" in Rechnung stellen würde.
csey - Do, 7. Jan, 17:25
Söhne ???
Sein zünftiger Pullover, den er in Gmünd trug, hatte sich vor Weihnachten auch schon in Frankreich bewährt, wo es doch noch zum 1.-3.Platz gereicht hatte, obwohl er im Turnierlauf mehrfach von frechen Nachwuchsfranzosen von der Bühne runtergeschubst wurde. Aber wo sind seine Söhne ??? http://schachzoo.twoday.net/20091130/
abtausch (Gast) - Do, 7. Jan, 18:25
xD xD xD
Einfach nur göttlich!!! =)
Aber was hast du gegen Epishin? ^^
Aber was hast du gegen Epishin? ^^
Bort (Gast) - Do, 7. Jan, 18:39
"Und dann redet er los."
Also bei mir im Verein gibt es eine etwas harmlosere Variante von Epishin.
Meine Taktik: ich höre mir gelassen alles an, nicke ab und zu und sag "Ja?" oder auch "Ja!".
Wenn ich ganz gut gelaunt bin, dann versuche ich -da ich der stärkere Spieler von uns beiden bin- ein paar Verbesserungsvorschläge einzustreuen. Welche selbstverständlich gekonnt ignoriert werden. Es geht nämlich wirklich nur darum, dass sich die betreffende Person "auskotzen" muss.
Die passende Exit-Strategie gibt es nicht. Man muss Gelegenheiten erkennen und blitzschnell ausnutzen können!
Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass es in jedem Verein so einen Spieler gibt. Mal mehr oder weniger ausgeprägt.
Ihr kennt doch bestimmt alle solche Vereinskameraden, oder nicht???
Meine Taktik: ich höre mir gelassen alles an, nicke ab und zu und sag "Ja?" oder auch "Ja!".
Wenn ich ganz gut gelaunt bin, dann versuche ich -da ich der stärkere Spieler von uns beiden bin- ein paar Verbesserungsvorschläge einzustreuen. Welche selbstverständlich gekonnt ignoriert werden. Es geht nämlich wirklich nur darum, dass sich die betreffende Person "auskotzen" muss.
Die passende Exit-Strategie gibt es nicht. Man muss Gelegenheiten erkennen und blitzschnell ausnutzen können!
Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass es in jedem Verein so einen Spieler gibt. Mal mehr oder weniger ausgeprägt.
Ihr kennt doch bestimmt alle solche Vereinskameraden, oder nicht???
MiBu (Gast) - Do, 7. Jan, 21:50
Das stimmt!
Ich möchte hier natürlich keine Namen nennen, aber Schachfreunde, die einem ungefragt und aufdringlich ihre schachlichen "Glanzleistungen" präsentieren oder sonstwie unter Missachtung aller Stopsignale volltexten kenne ich zur Genüge. Mit denen analysiere ich allerdings in der Regel nicht, denn die meisten davon sind zudem in starkem Maße beratungsresistent.
Suizido - Fr, 8. Jan, 13:36
"Ich möchte hier natürlich keine Namen nennen, aber Schachfreunde, die einem ungefragt und aufdringlich ihre schachlichen "Glanzleistungen" präsentieren oder sonstwie unter Missachtung aller Stopsignale volltexten kenne ich zur Genüge."
Und damit ich nicht mehr zu dieser Gattung gehöre, habe ich ein eigenes Schachblog gebastelt. Ich muss mir nur täglich einreden, dass da auch hin und wieder Leute reinklicken und mein schachliches Leid nachempfinden.
Was lernen wir daraus? Epishin braucht ein eigenes Blog.
Und damit ich nicht mehr zu dieser Gattung gehöre, habe ich ein eigenes Schachblog gebastelt. Ich muss mir nur täglich einreden, dass da auch hin und wieder Leute reinklicken und mein schachliches Leid nachempfinden.
Was lernen wir daraus? Epishin braucht ein eigenes Blog.
Bort (Gast) - Fr, 8. Jan, 13:44
Hat Ilja aus diesem Grund seinen Schachzoo eröffnet? Wahrscheinlich schon, oder!?
Daraus folgert: Epishin = Ilja + neues Medium = "schachliches Auskotzen"
Daraus folgert: Epishin = Ilja + neues Medium = "schachliches Auskotzen"
Zane (Gast) - Do, 7. Jan, 19:47
Colorado
Hi,
da ich auf deiner Seite kein Gästebuch finde,
post ichs einfach mal hier rein.
Ich habe mir deine Coloradoverteidigung-Partien angeschaut,
und denke du könntest mal in Erwägung ziehen
darüber eine Wikipedia-Seite zu schreiben,
da es im Internet kaum deutsche Seiten zu der Eröffnung gibt...
viele Grüße
zane
da ich auf deiner Seite kein Gästebuch finde,
post ichs einfach mal hier rein.
Ich habe mir deine Coloradoverteidigung-Partien angeschaut,
und denke du könntest mal in Erwägung ziehen
darüber eine Wikipedia-Seite zu schreiben,
da es im Internet kaum deutsche Seiten zu der Eröffnung gibt...
viele Grüße
zane
Umumba (Gast) - Fr, 8. Jan, 14:23
Ich vermute, darauf wird er erstmal verzichten, um die Verkaufszahlen des hoffentlich in diesem Jahr erscheinenden Buchs zum Thema nicht zu gefährden. ;-)
www.dauerschach.com (Gast) - Mo, 24. Mai, 17:33
Hi
Hallo Schachfreunde, eine ganz tolle Homepage habt ihr. Vielleicht trifft man sich auf dauerschach wieder? Viele Grüße
Kevin (Gast) - Do, 7. Jan, 20:19
Schreckliche Dinge...
kündigten sich mir ja schon an, als ich dich mit aufgerissenen Augen völlig verwirrt Richtung Stadtgarten aus dem Turniersaal geradezu rasen sah - jetzt weiß ich auch warum. Hättest einfach mal mich anklingen müssen, 30m hätte ich schon noch in der nötigen Zeit geschafft^^
Suizido - Fr, 8. Jan, 13:32
Supi...
...von Epishin direkt in die Schachklapse, welch ein Fortschritt.
Hobbyspieler (Gast) - Do, 7. Jan, 22:22
:-)
Herrlicher Artikel, damit wird auch wieder einmal ein geschobenes Remis verziehen. Selten hier soviel gelacht. Danke!
Zitronenhai (Gast) - Do, 7. Jan, 22:27
Die Energie folgt der Aufmerksamkeit
Gut, kein Wortwechsel vorher, aber was nachfragend, nicht zweifelnd, dennoch irritiert: Warum sind z.B. nicht Buhmann, Burmakin, Graf, Jorczik oder Zeller in diese missliche Lage gekommen?
Wie findet der Täter sein Opfer? Vorherige Blickwechsel oder Energiefluss?
Wie kann es sein, dass bei konstantem Lesen dieses Blogs der verwirrende Eindruck entsteht, dass der Blogger die schröcklichen Ereignisse anziehen könnte? Auf welche Art und Weise?
Die Aufmerksamkeit folgt der Energie. Wo liegt was?
Wie findet der Täter sein Opfer? Vorherige Blickwechsel oder Energiefluss?
Wie kann es sein, dass bei konstantem Lesen dieses Blogs der verwirrende Eindruck entsteht, dass der Blogger die schröcklichen Ereignisse anziehen könnte? Auf welche Art und Weise?
Die Aufmerksamkeit folgt der Energie. Wo liegt was?
Suizido - Fr, 8. Jan, 13:33
"Warum sind z.B. nicht Buhmann, Burmakin, Graf, Jorczik oder Zeller in diese missliche Lage gekommen?"
Ich denke, dass Iljas Russichkenntnisse eine nicht unwesentliche Rolle bei der Opferwahl gespielt haben.
Ich denke, dass Iljas Russichkenntnisse eine nicht unwesentliche Rolle bei der Opferwahl gespielt haben.
Chev Chelios - Fr, 8. Jan, 12:15
ILJA! Ich finde deinen Blog super.
Was lernen wir daraus? Merk dir mal folgenden Satz:
"ICH MUSS KURZ AUFS KLO SRY"
funktioniert immer, da niemand so unhöflich sein will und dich dann aufhält. Einfach weglaufen finde ich allerdings auch ganz lustig^^.
Das einzige Problem ist, dass mir dann (zB in Schachspielerkreisen) eine heftige Blasenschwäche nachgesagt wird, aber damit muss man leben.
Gruß Chev
Was lernen wir daraus? Merk dir mal folgenden Satz:
"ICH MUSS KURZ AUFS KLO SRY"
funktioniert immer, da niemand so unhöflich sein will und dich dann aufhält. Einfach weglaufen finde ich allerdings auch ganz lustig^^.
Das einzige Problem ist, dass mir dann (zB in Schachspielerkreisen) eine heftige Blasenschwäche nachgesagt wird, aber damit muss man leben.
Gruß Chev
Kaffeehausschach - Fr, 8. Jan, 13:10
Ich bitte Dich!
Chev, also wirklich, da kennst du Epishin zu schlecht. Der stellt sich dann neben dich ans Pissoir oder kommt zur Not auch in die Kabine mit und labert dort weiter. Da hat auch keiner so richtig was von.
Kevin (Gast) - Fr, 8. Jan, 14:11
Dann ist ja auch egal, ob man an der Toilettenwand oder im Durchgang zum Spielsaal vom russischen (ELO?!-)Schwergewicht erdrückt wird. Letzterer Ort ist zumindestens jedoch für die Kiebitze in der näheren Umgebung deutlich interessanter als verzerrte, hilfesuchende Schreie aus den Sanitäranlagen...
Max Tyrtania (Gast) - Sa, 9. Jan, 14:38
Exzessive Quatscheritis...
...ist übrigens ein relativ häufiges Autismus Symptom. Ist unter uns Schachspielern nicht direkt selten, und sollte als normale Erkrankung gesehen werden. Ist im Grunde eine Wahrnehmungstörung, die den Betroffenen einen normalen sozialen Umgang erschwert, weil Bagatellvorgänge oft emotional überbewertet werden. Wikipedia is your friend...
phineas (Gast) - Fr, 12. Mrz, 14:59
Epishins Erben
Ehre wem Ehre gebührt!
Es gibt jetzt eine offizielle Fan-Seite über Vladimir Epishin.
[url=http://www.epishin.de/] Epishins Erben[/url].
[quote] Sie sind herzlich eingeladen, ebenfalls ein bekennender Erbe Epishin’s zu werden, in dem Sie Ihre Erlebnisse mit und um ihn im Forum zum Besten geben und mit anderen Erben teilen...[/quote]
Wir dürfen gespannt sein...
Es gibt jetzt eine offizielle Fan-Seite über Vladimir Epishin.
[url=http://www.epishin.de/] Epishins Erben[/url].
[quote] Sie sind herzlich eingeladen, ebenfalls ein bekennender Erbe Epishin’s zu werden, in dem Sie Ihre Erlebnisse mit und um ihn im Forum zum Besten geben und mit anderen Erben teilen...[/quote]
Wir dürfen gespannt sein...





You made my Day!
„Und plötzlich war ich […] seine(r) Wichsvorlage.“
Ich habe Pippi in den Augen...ich kann nicht mehr...