Vorschau für Mainz (kleiner Exkurs in die infantile Herangehensweise an Chess 960)
Heute begannen in Mainz die alljährlichen Chess Classic mit dem Simultanauftritt des sympathischen GM Levon Aronian, der ein angemessenes Ergebnis von 37/40 (ohne Niederlage) zustandebrachte.
Es folgen jetzt zunächst zwei Tage Preludium wie etwa Vorrunde der Rapid Chess 960 WM (mit Aronian, Movsesian, Bologan und Nakamura), bei der ich ausdrücklich den ersten drei die Daumen drücke, bevor das Festival am Donnerstag seine Pforten zum ersten Mal für die schachspielenden Massen öffnet. Rund 300 Teilnehmer im FiNet- Open (Chess 960) und 700 im ORDIX-Open (Schnellschach 20/+5) sind wie immer zu erwarten, davon jeweils rund ein Drittel Titelträger (darunter einige GMs aus dem 2700+ Kreis), die das Turnier zu einem wahren Magneten für das Schachvolk machen.
Für mich ist die Marschroute auch dieses Jahr wieder klar: Beim Chess 960 halbwegs gut über die Runden kommen, nicht zu viel negatives Frustrationspotential sammeln und vielleicht sogar wieder ein paar IPS-Pünktchen ergattern (2353 ist schon extrem peinlich!) um dann bei der Königsdizsiplin Schnellschach richtig angreifen zu können und vielleicht wieder ein paar Super-GMs ein paar Punkte abzuknöpfen. Bereits jetzt an eine komplette Wiederholung des letztjährigen Ergebnisses zu denken, scheint mir als Ziel insgesamt etwas zu vermessen, auch wenn dieses letztes Jahr durchaus mit Ansage erzielt wurde ;-). Der Moment, in Mainz Sonntagabend bei der Siegerehrung auf der Bühne zu stehen und dabei kein Ratingpreis- o.ä -Gewinner zu sein, gehört aber auf jeden Fall zu den glücklichsten Erlebnissen meiner Schachkarriere und ich würde vieles tun, um diesen Augenblick noch einmal erleben zu dürfen.
Chess 960 spielen kann ich hingegen einfach nicht. Ich habe mich damit trotz einer gegenteiligen Anfangsüberzeugung geduldig abgefunden und diese These bei genügend Gelegenheiten bestätigen dürfen. Nicht, dass ich dieses Spiel geringschätze oder einfach nicht praktizieren mag - ganz im Gegenteil, ich finde es interessant, spannend, dem Sportler eine Unmenge mehr an Leistung abfordernd als klassisches Schach und in besonderem Maße fair - wenn man das Wort fair auf eine etwas andere Weise interpretiert, als dies gemeinhin getan wird. Auch vergrößert Chess 960 entgegen einiger Ausführungen deutlich die Leistungslücke zwischen Profi und Amateur (warum das so ist, will ich an dieser Stelle nicht diskutieren, aber für mich ist dieser Umstand absolut evident), was ich aber eben wiederum sehr gut und tröstlich finde, denn warum sollte es auch ein Ziel sein, ein Spiel zu erfinden, in dem Lucky Punches an der Tagesordnung sind? Dass mal ein Amateur im Schach mal einen GM schlägt, mag für ihn die Stunde seines Lebens sein, aber zu versuchen, Verhältnisse zu schaffen, in denen so etwas an der Tagesordnung liegt, ist für mich falsch verstandene Demokratie. Aber das ist bei Chess 960 ja auch gar nicht Fall, ein kurzer Vergleich der Endtabellen des letzen Jahres zeigt zweifelsfrei, dass die 960-Tabelle eine deutlich geringere Entropie aufweist, deutlich besser entmischt ist.
Nun aber zur Frage, warum ich kein Chess 960 spielen kann:
Auch wenn Mainz nicht das einzige Turnier ist, wo ich Chess 960 regelmäßig spiele, bleibt für mich dieses Spiel immer noch ein seltenes, kostbares und feierliches Ereignis. So wie ich damals in der sechsten Klasse mit meinen Eltern in Paris war, und wir für einen Tag nach Disneyland gefahren sind. Ich hatte nur einen Tag, es war stickig heiß und brechend voll und ich wollte überall mal mitfahren, besonders im Space Mountain, was damals die neueröffnete Hauptattraktion war. Das Ergebnis war, dass wir die meiste Zeit ziellos über das Gelände gelaufen sind, oft nach einer Stunde die Schlange gewechselt haben, weil Klein-Ilja angefangen hat zu nörgeln. Ich bin bei kaum einem Fahrgeschäft mitgefahren, alle hatten abends schlechte Laune und ich habe seitdem das Gefühl, in dieser glitzernden, kunterbunten Mickey-Maus-Welt etwas verpasst zu haben und warte seitdem auf eine Neuauflage, die es aber bisher nicht gab.
Genau so wie in Disneyland geht es mir, wenn ich eine Chess 960-Stellung aufgebaut sehe. Überall die vielen bunten Möglichkeiten, man weiß gar nicht, wohin man gucken, und was man als Erstes ausprobieren soll. Dementsprechend sehen auch meine Partien aus. Ich versuche immer, die Figuren auf originellstmögliche Art zu entwickeln, unbedingt mit der Dame von b1 den ungedeckten h7 zu schlagen, mit den Springern sofort die tollen Vorpostenfelder auszuprobieren und grundsätzlich immer die längere der beiden Rochaden (optimalerweise von b1 nach g1!) vorzubereiten. Und das alles am Liebsten in einer Partie. Klar, dass die entstehenden Stellungen dann meist wie dadaistische Kunstwerke anmuten, der Erfolg aber oftmals ausbleibt. Was überraschenderweise nichts am großen Gejammer ändert, das nach Verlustpartien über meine bedauernswerten Zuhörer ausbricht. Wie damals mit meinen Eltern im Disneyland. Wozu aber der ganze Ärger?
Diesmal wird alles besser. Ich habe eingesehen, dass dieses Spiel einfach nichts für mich ist, und ich fahre zum FiNet-Open mit dem gleichen Ziel, wie ein Zocker, der mit einem Stapel Banknoten ins Casino geht. Mit dem Ziel, Aufsehen zu erregen, ein paar glückliche Momente am Roulette- oder Pokertisch zu erleben, nur um dann wie ein Comet beim Eintritt in die Erdatmosphäre zu verglühen und mit leeren Händen nach Hause zu gehen. Und ich freue mich darauf. Das richtige Leben geht für mich in Mainz definitiv erst am Samstag los.
Es folgen jetzt zunächst zwei Tage Preludium wie etwa Vorrunde der Rapid Chess 960 WM (mit Aronian, Movsesian, Bologan und Nakamura), bei der ich ausdrücklich den ersten drei die Daumen drücke, bevor das Festival am Donnerstag seine Pforten zum ersten Mal für die schachspielenden Massen öffnet. Rund 300 Teilnehmer im FiNet- Open (Chess 960) und 700 im ORDIX-Open (Schnellschach 20/+5) sind wie immer zu erwarten, davon jeweils rund ein Drittel Titelträger (darunter einige GMs aus dem 2700+ Kreis), die das Turnier zu einem wahren Magneten für das Schachvolk machen.
Für mich ist die Marschroute auch dieses Jahr wieder klar: Beim Chess 960 halbwegs gut über die Runden kommen, nicht zu viel negatives Frustrationspotential sammeln und vielleicht sogar wieder ein paar IPS-Pünktchen ergattern (2353 ist schon extrem peinlich!) um dann bei der Königsdizsiplin Schnellschach richtig angreifen zu können und vielleicht wieder ein paar Super-GMs ein paar Punkte abzuknöpfen. Bereits jetzt an eine komplette Wiederholung des letztjährigen Ergebnisses zu denken, scheint mir als Ziel insgesamt etwas zu vermessen, auch wenn dieses letztes Jahr durchaus mit Ansage erzielt wurde ;-). Der Moment, in Mainz Sonntagabend bei der Siegerehrung auf der Bühne zu stehen und dabei kein Ratingpreis- o.ä -Gewinner zu sein, gehört aber auf jeden Fall zu den glücklichsten Erlebnissen meiner Schachkarriere und ich würde vieles tun, um diesen Augenblick noch einmal erleben zu dürfen.
Chess 960 spielen kann ich hingegen einfach nicht. Ich habe mich damit trotz einer gegenteiligen Anfangsüberzeugung geduldig abgefunden und diese These bei genügend Gelegenheiten bestätigen dürfen. Nicht, dass ich dieses Spiel geringschätze oder einfach nicht praktizieren mag - ganz im Gegenteil, ich finde es interessant, spannend, dem Sportler eine Unmenge mehr an Leistung abfordernd als klassisches Schach und in besonderem Maße fair - wenn man das Wort fair auf eine etwas andere Weise interpretiert, als dies gemeinhin getan wird. Auch vergrößert Chess 960 entgegen einiger Ausführungen deutlich die Leistungslücke zwischen Profi und Amateur (warum das so ist, will ich an dieser Stelle nicht diskutieren, aber für mich ist dieser Umstand absolut evident), was ich aber eben wiederum sehr gut und tröstlich finde, denn warum sollte es auch ein Ziel sein, ein Spiel zu erfinden, in dem Lucky Punches an der Tagesordnung sind? Dass mal ein Amateur im Schach mal einen GM schlägt, mag für ihn die Stunde seines Lebens sein, aber zu versuchen, Verhältnisse zu schaffen, in denen so etwas an der Tagesordnung liegt, ist für mich falsch verstandene Demokratie. Aber das ist bei Chess 960 ja auch gar nicht Fall, ein kurzer Vergleich der Endtabellen des letzen Jahres zeigt zweifelsfrei, dass die 960-Tabelle eine deutlich geringere Entropie aufweist, deutlich besser entmischt ist.
Nun aber zur Frage, warum ich kein Chess 960 spielen kann:
Auch wenn Mainz nicht das einzige Turnier ist, wo ich Chess 960 regelmäßig spiele, bleibt für mich dieses Spiel immer noch ein seltenes, kostbares und feierliches Ereignis. So wie ich damals in der sechsten Klasse mit meinen Eltern in Paris war, und wir für einen Tag nach Disneyland gefahren sind. Ich hatte nur einen Tag, es war stickig heiß und brechend voll und ich wollte überall mal mitfahren, besonders im Space Mountain, was damals die neueröffnete Hauptattraktion war. Das Ergebnis war, dass wir die meiste Zeit ziellos über das Gelände gelaufen sind, oft nach einer Stunde die Schlange gewechselt haben, weil Klein-Ilja angefangen hat zu nörgeln. Ich bin bei kaum einem Fahrgeschäft mitgefahren, alle hatten abends schlechte Laune und ich habe seitdem das Gefühl, in dieser glitzernden, kunterbunten Mickey-Maus-Welt etwas verpasst zu haben und warte seitdem auf eine Neuauflage, die es aber bisher nicht gab.
Genau so wie in Disneyland geht es mir, wenn ich eine Chess 960-Stellung aufgebaut sehe. Überall die vielen bunten Möglichkeiten, man weiß gar nicht, wohin man gucken, und was man als Erstes ausprobieren soll. Dementsprechend sehen auch meine Partien aus. Ich versuche immer, die Figuren auf originellstmögliche Art zu entwickeln, unbedingt mit der Dame von b1 den ungedeckten h7 zu schlagen, mit den Springern sofort die tollen Vorpostenfelder auszuprobieren und grundsätzlich immer die längere der beiden Rochaden (optimalerweise von b1 nach g1!) vorzubereiten. Und das alles am Liebsten in einer Partie. Klar, dass die entstehenden Stellungen dann meist wie dadaistische Kunstwerke anmuten, der Erfolg aber oftmals ausbleibt. Was überraschenderweise nichts am großen Gejammer ändert, das nach Verlustpartien über meine bedauernswerten Zuhörer ausbricht. Wie damals mit meinen Eltern im Disneyland. Wozu aber der ganze Ärger?
Diesmal wird alles besser. Ich habe eingesehen, dass dieses Spiel einfach nichts für mich ist, und ich fahre zum FiNet-Open mit dem gleichen Ziel, wie ein Zocker, der mit einem Stapel Banknoten ins Casino geht. Mit dem Ziel, Aufsehen zu erregen, ein paar glückliche Momente am Roulette- oder Pokertisch zu erleben, nur um dann wie ein Comet beim Eintritt in die Erdatmosphäre zu verglühen und mit leeren Händen nach Hause zu gehen. Und ich freue mich darauf. Das richtige Leben geht für mich in Mainz definitiv erst am Samstag los.
Kaffeehausschach - Mo, 27. Jul, 20:19











