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Montag, 27. Juli 2009

Vorschau für Mainz (kleiner Exkurs in die infantile Herangehensweise an Chess 960)

Heute begannen in Mainz die alljährlichen Chess Classic mit dem Simultanauftritt des sympathischen GM Levon Aronian, der ein angemessenes Ergebnis von 37/40 (ohne Niederlage) zustandebrachte.
Es folgen jetzt zunächst zwei Tage Preludium wie etwa Vorrunde der Rapid Chess 960 WM (mit Aronian, Movsesian, Bologan und Nakamura), bei der ich ausdrücklich den ersten drei die Daumen drücke, bevor das Festival am Donnerstag seine Pforten zum ersten Mal für die schachspielenden Massen öffnet. Rund 300 Teilnehmer im FiNet- Open (Chess 960) und 700 im ORDIX-Open (Schnellschach 20/+5) sind wie immer zu erwarten, davon jeweils rund ein Drittel Titelträger (darunter einige GMs aus dem 2700+ Kreis), die das Turnier zu einem wahren Magneten für das Schachvolk machen.

Für mich ist die Marschroute auch dieses Jahr wieder klar: Beim Chess 960 halbwegs gut über die Runden kommen, nicht zu viel negatives Frustrationspotential sammeln und vielleicht sogar wieder ein paar IPS-Pünktchen ergattern (2353 ist schon extrem peinlich!) um dann bei der Königsdizsiplin Schnellschach richtig angreifen zu können und vielleicht wieder ein paar Super-GMs ein paar Punkte abzuknöpfen. Bereits jetzt an eine komplette Wiederholung des letztjährigen Ergebnisses zu denken, scheint mir als Ziel insgesamt etwas zu vermessen, auch wenn dieses letztes Jahr durchaus mit Ansage erzielt wurde ;-). Der Moment, in Mainz Sonntagabend bei der Siegerehrung auf der Bühne zu stehen und dabei kein Ratingpreis- o.ä -Gewinner zu sein, gehört aber auf jeden Fall zu den glücklichsten Erlebnissen meiner Schachkarriere und ich würde vieles tun, um diesen Augenblick noch einmal erleben zu dürfen.

Chess 960 spielen kann ich hingegen einfach nicht. Ich habe mich damit trotz einer gegenteiligen Anfangsüberzeugung geduldig abgefunden und diese These bei genügend Gelegenheiten bestätigen dürfen. Nicht, dass ich dieses Spiel geringschätze oder einfach nicht praktizieren mag - ganz im Gegenteil, ich finde es interessant, spannend, dem Sportler eine Unmenge mehr an Leistung abfordernd als klassisches Schach und in besonderem Maße fair - wenn man das Wort fair auf eine etwas andere Weise interpretiert, als dies gemeinhin getan wird. Auch vergrößert Chess 960 entgegen einiger Ausführungen deutlich die Leistungslücke zwischen Profi und Amateur (warum das so ist, will ich an dieser Stelle nicht diskutieren, aber für mich ist dieser Umstand absolut evident), was ich aber eben wiederum sehr gut und tröstlich finde, denn warum sollte es auch ein Ziel sein, ein Spiel zu erfinden, in dem Lucky Punches an der Tagesordnung sind? Dass mal ein Amateur im Schach mal einen GM schlägt, mag für ihn die Stunde seines Lebens sein, aber zu versuchen, Verhältnisse zu schaffen, in denen so etwas an der Tagesordnung liegt, ist für mich falsch verstandene Demokratie. Aber das ist bei Chess 960 ja auch gar nicht Fall, ein kurzer Vergleich der Endtabellen des letzen Jahres zeigt zweifelsfrei, dass die 960-Tabelle eine deutlich geringere Entropie aufweist, deutlich besser entmischt ist.

Nun aber zur Frage, warum ich kein Chess 960 spielen kann:
Auch wenn Mainz nicht das einzige Turnier ist, wo ich Chess 960 regelmäßig spiele, bleibt für mich dieses Spiel immer noch ein seltenes, kostbares und feierliches Ereignis. So wie ich damals in der sechsten Klasse mit meinen Eltern in Paris war, und wir für einen Tag nach Disneyland gefahren sind. Ich hatte nur einen Tag, es war stickig heiß und brechend voll und ich wollte überall mal mitfahren, besonders im Space Mountain, was damals die neueröffnete Hauptattraktion war. Das Ergebnis war, dass wir die meiste Zeit ziellos über das Gelände gelaufen sind, oft nach einer Stunde die Schlange gewechselt haben, weil Klein-Ilja angefangen hat zu nörgeln. Ich bin bei kaum einem Fahrgeschäft mitgefahren, alle hatten abends schlechte Laune und ich habe seitdem das Gefühl, in dieser glitzernden, kunterbunten Mickey-Maus-Welt etwas verpasst zu haben und warte seitdem auf eine Neuauflage, die es aber bisher nicht gab.

Genau so wie in Disneyland geht es mir, wenn ich eine Chess 960-Stellung aufgebaut sehe. Überall die vielen bunten Möglichkeiten, man weiß gar nicht, wohin man gucken, und was man als Erstes ausprobieren soll. Dementsprechend sehen auch meine Partien aus. Ich versuche immer, die Figuren auf originellstmögliche Art zu entwickeln, unbedingt mit der Dame von b1 den ungedeckten h7 zu schlagen, mit den Springern sofort die tollen Vorpostenfelder auszuprobieren und grundsätzlich immer die längere der beiden Rochaden (optimalerweise von b1 nach g1!) vorzubereiten. Und das alles am Liebsten in einer Partie. Klar, dass die entstehenden Stellungen dann meist wie dadaistische Kunstwerke anmuten, der Erfolg aber oftmals ausbleibt. Was überraschenderweise nichts am großen Gejammer ändert, das nach Verlustpartien über meine bedauernswerten Zuhörer ausbricht. Wie damals mit meinen Eltern im Disneyland. Wozu aber der ganze Ärger?

Diesmal wird alles besser. Ich habe eingesehen, dass dieses Spiel einfach nichts für mich ist, und ich fahre zum FiNet-Open mit dem gleichen Ziel, wie ein Zocker, der mit einem Stapel Banknoten ins Casino geht. Mit dem Ziel, Aufsehen zu erregen, ein paar glückliche Momente am Roulette- oder Pokertisch zu erleben, nur um dann wie ein Comet beim Eintritt in die Erdatmosphäre zu verglühen und mit leeren Händen nach Hause zu gehen. Und ich freue mich darauf. Das richtige Leben geht für mich in Mainz definitiv erst am Samstag los.

Sieg für die Hannover Altstars!

Da sich leider niemand auf meinen Aufruf gemeldet hat, mich nach Biel mitzunehmen, blieb für den gestrigen Sonntag nur noch das Blitzturnier in Ersingen (bei Pforzheim) übrig, welches ich bereits zur letzten Generalprobe vor den kommenden Chess Classic in Mainz tituliert hatte. Der örtliche Schachklub richtete heuer sein traditionelles Mannschaftsblitzturnier aus, gefolgt von einem Einzelwettbewerb am Nachmittag und bei so einem Angebot ist natürlich auch der Schachzoo nicht weit.

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Munteres Treiben in der gerämigen und kühlen Ersinger Turn-und Festhalle. Die Spielbedingungen waren aber leider auch das Einzige, was an diesem Tag über einen wbb hinauskam.

Für diesen großen Anlass haben wir uns ein ganz besonderes, überraschendes und doch sehr schlagkräftiges Team zusammengestellt, die Hannover Altstars (nicht zu verwechseln mit Allstars!), bestehend aus
  1. Ilja Schneider. Sein zumeist dynamisch geprägtes Spiel kann für jeden Gegner gefährlich werden, er ist außerdem die integrative Komponente des Teams, allerdings kaum sein Ruhepol.
  2. Till Wippermann. Der Wirtschaftsstudent aus Heidelberg ist dem Leser mit Sicherheit durch seine Kolumne im Schachzoo bekannt. Nach seinem Rückzug vom Turnierschach hat sich Till auf die schnellen Disziplinen spezialisiert, was ihn zusammen mit seiner Erfahrung besonders wertvoll für das Team macht. Hannover hat Till schon 1998 den Rücken gekehrt.
  3. Christoph Wolf. Der Mannheimer VWL-Student ist mein einstiger Wegbegleiter aus den Zeiten vom HSK Post Hannover. Seine Partien glänzen durch kreative, scharfe Angriffsideen und durch hektische Endphasen. Gut für unser Spiel, dass Christoph wieder intensiver mit Schach anfangen will.
  4. Mark McAdam. Nach einem fünfjährigen Studiumsaufenthalt in den USA ist Mark wieder in Deutschland zurück und lebt mit seiner Familie zur Zeit in Füssen/Bayern. Das Ersinger Turnier ist für ihn das erste nach 5 Jahren Pause. Dennoch hinterließ der "American Hero" beim vorabendlichen Einblitzen in Bad Herrenalb einen sehr routinierten und soliden Eindruck, Eigenschaften, die Mark schon bei unserer gemeinsamen Jugendbundesliga Nord Saison 2003/2004 für den HSK Post auszeichneten.
Das Turnier, welches mit deutlicher als üblich ausgeprägtem provinziellem Charme durchgeführt wurde (Anzahl der Runden wurde in einer der Pausen auf 11 festgelegt | Schweizer System bei nur 17 Teams eh ein sehr fragliches Unterfangen | Ergebnismeldung pro Mannschaftskampf erfolgte auf einem DIN-A4-Blatt, wo es doch nicht einmal eine Brettwertung gab| für das Spielmaterial und insbesondere die Uhren könnte ich nur noch einen weib verteilen| ... ) entwickelte sich schnell zu einem Parforceritt der Hannover Altstars. In einem Teilnehmerfeld, welches eher von regional bekannten Teams wie Karlsruher SF, Mühlacker, Pforzheim, Birkenfeld oder Sulzfeld unterwandert war, eilten wir dank einer 100% igen Ausbeute in der vorderen Hälfte und einer unerwartet starken Leistung des Jungvolkes hinten von Sieg zu Sieg und schafften es, trotz meiner regelmäßigen (unbestraften) Figureneinsteller und Christophs Zeitnotdramen hinten bis zum Ende die Null stehen zu lassen. Als Trophäe gab es einen (sinnvollerweise beim Spielort zurückgelassenen) Wanderpokal und Gutscheine für das Mittagessen im angrenzenden Biergarten. Diese erhielten genauso die Zweit- und Drittplatzierten, sowie die 3 Gewinner der beiden "Bereichsgruppen".

Christoph Wolf
Die Freude konnte am Ende kaum größer sein. Christoph, der mit schönen Kombinationen ebenso brillierte, wie mit Aussagen a là: "In der Vorlesung gehen 5 Minuten viel langsamer vorbei!", stemmt den Siegerpokal in die Höhe.

Mark McAdam
Mark McAdam, auf dessen Auftritt nach 5 Jahren Schachabstinenz ich besonders gespannt war, enttäuschte keineswegs, sondern war mit 7/11 eine große Stütze des Teams. Sein nächstes Schachturnier will der Amerikaner allerdings trotzdem "erst wieder in 5 Jahren spielen!"

Die Hannover Altstars: Ilja Schneider, Christoph Wolf, Mark McAdam und Till Wippermann
Die Hannover Altstars mit der Siegtrophäe (v.l.n.r. Ilja Schneider, Christoph Wolf, Mark McAdam, Till Wippermann)

Gestärkt mit den für die Gutscheine erhältlichen Jägerschnitzel im angeschlossenen Biergarten ging es dann zum Einzelturnier. Fassungslos mussten dabei Till und ich, die den Pro-Flügel der Mannschaft bildeten, dabei feststellen, dass bedingt durch das herrliche Sonntags-Biergarten-Wetter, sowie möglicherweise einfach zu Tode verängstigt durch den unerbittlichen Aufritt der Hannover Altstars, nur wenige Blitzer die Lust verspürten, sich noch weitere 3 Stunden Schach zu geben. Ganze 17 Mutige (die Lücke zwischen dem Zweit- und Drittgesetzten betrug am Ende etwa 500 DWZ - LOL) fanden sich nachmittags noch in der Festhalle zum Nachschlag ein, was sich bei ganzen 5€ Startgeld wenig günstig auf die Größe des Preispools auswirkte. Nach der aufrüttelnden Ansage zu Turnierbeginn:
"Wir spielen voraussichtlich 12 Runden, wenn es zwischenzeitlich irgendwelche Diskussionen gibt, lassen wir dann 1-2 Runden raus."
ging es dann endlich los. Die 100% waren mir zwar diesmal knapperweise nicht wieder vergönnt, aber doch immerhin eine kuriose Schlussstellung beim Remis gegen Till:

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Ordnen Sie bitte 8 Bauern auf 2 Linien an!

Durch diese Partie konnte ich die Weichen auf Turniersieg stellen, da Till vorher gepatzt hatte und am Ende mit Silber Vorlieb nehmen musste. Bronze errang etwas überraschend aber hochverdient Christoph, der am Nachmittag sein Zeitnotproblem viel besser in den Griff bekam und einige schöne Partien ablieferte. Mark landete sicher im oberen Mittelfeld.

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Irgendwie weiß ich nicht, warum ich mich eigentlich so freue. Für den Lohn hätte jedes Freudenmädchen höchstens eine halbe Stunde arbeiten müssen.

Als Fazit des Tages bleibt mir zusammenzufassen, dass wir 4 sehr viel Spaß hatten und uns zu jedem Zeitpunkt köstlich amüsieren konnten. Schachlich war die Sache allerdings nicht einmal für Christoph und Mark ein großes Erlebnis. Für mich (und ich meine, auch für Till sprechen zu können) machte die gesamte Aktion keinerlei Sinn. Es steht die Befürchtung ins Haus, dass die Hannover Altstars 2010 zumindest nicht in dieser Formation die Titelverteidigung antreten werden. Allerdings könnte diese Information auch durchaus für Erleichterung bei den restlichen Teilnehmern sorgen. Sagen, dass wir da jetzt so richtig ins Ambiente reingepasst haben, kann man eher nicht.
Um zum am Anfang ausgeführten Gedanken zurückzukommen, hat die Generalprobe für Mainz, die eher an ein 7:0 gegen Luxemburg im Vorfeld irgendeiner Fußball-WM erinnerte, für die drei Mainz-Fahrer (Christoph, Till, Ilja) aber durchaus geklappt.

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