Die große Abrechnung (III)
7. Robert Rabiega (5)
hat sich wahrlich ein gebrauchtes Turnier andrehen lassen. Nach seinem 0/2-Start machte Robert einen etwas geknickten Eindruck und versuchte fortan, sich mit Schadensbegrenzung aus der Affäre zu ziehen, wurde aber immer wieder durch Rückschläge wie die Kurmann- und besonders die Maksimenko-Mittelgambitniederlage zurückgeworfen. Gegen Ende und mit endlich installiertem Chessbase wurde es aber besser und Robert konnte in seinem klinischen Schnellschachstil Vasily Yemelin besiegen und locker gegen Stern und Erdös mit Schwarz ein Damengambitendspiel remis halten. Der schöne Opfersieg gegen Agopov in der letzten Runde war genau so wie der überlegene Triumph beim Fischer Random Chess mit Sicherheit ein versöhnlicher Abschluss, aber für 50% hat es für Robert einfach nicht mehr gereicht. Aber er wird sich das Geld und die ELO-Punkte beim Samstag beginnenden Kreuzberg-Open schon zurückholen.
6. Vasily Yemelin (5,5)
,für viele Turnierfavorit, blieb wie es die Zahlen unschwer erkennen lassen, unter seinen Möglichkeiten. Man kann sich natürlich immer diese "Hätte, Wenn und Aber" - Fragen stellen, ob das Turnier für den Sankt-Petersburger nicht anders gelaufen wäre, wenn er einen Fisch wie mich in der ersten Runde mit Weiß einfach gebürstet, tags darauf nicht eine symmetrische Stellung mit Mehrbauern gegen den späteren Turniersieger Erdös verloren, sich mit 0,5/2 nicht mit dem späteren Zweiten Maksimenko auf ein Kurzremis geeinigt oder in der vierten Runde gegen Rene Stern in Gewinnstellung nicht eine illegale Rochade versucht hätte, was dank der Berührt-Geführt-Regel sofort zum Figurenverlust führte.
Außerdem sollte man anmerken, dass Yemelin es vermutlich zumindest in den ersten zwei Turnierdritteln auch zuhause nicht ganz so leicht hatte, weil er mit Sicherheit noch seine Freundin trösten musste, bei der dieser Turnierabschnitt auch alles andere als gut lief (Stichwort Figura-Pähtz oder Ähnliches) Dazu kommt noch der Stress wegen der Toaster-Affäre. Wie soll man da vernünftig Schach spielen?! :-)
Insgesamt gesehen nahm Yemelin sein Abschneiden mit erstaunlich viel trockenem russischen Humor und erwies sich während der Runden draußen vor dem Hoteleingang oftmals als ein perfekter Partner zum gemeinsamen Jammern über unser schlechtes Spiel (ich hatte nicht so viel Grund dazu wie er, aber wer mich kennt, weiß dass ich während der Partien grundsätzlich immer rumjammere). Vasily war für mich in Berlin eine echte menschliche Entdeckung.
5. Ilja Schneider (6)
Eine absolut überragende Leistung des 24-jährigen Karlsruher Chemiestudenten, zu der es nicht mehr viel hinzuzufügen gibt. Ein Antrag auf Erfüllung einer GM-Sondernorm bedingt durch das besonders tiefsinnige Partienniveau wurde bereits gestellt.
4. Rene Stern (6)
lieferte eine gewohnt und erwartungsgemäß solide Leistung ab, von der ersehten GM-Norm waren wir beide allerdings gleich weit entfernt. Während mir die Sicherheit fehlte, mangelte es bei Rene an Durchschlagskraft. Seine zwei Siege entstammen einerseits der Slavisch-Abtausch-Begegnung gegen den am ersten Tag leicht indisponierten Raj Tischbierek und der illegalen Rochade von Vasily Yemelin in Runde 4. Hingegen erwies sich Andrei Maksimenko einfach als größerer Sadist als Stern selbst und schob ihn nach einer 40-zügigen Lavierphase einfach vom Brett. Macht insgesamt +1, da die restlichen 8 Partien des Tegelers Remis endeten, ohne dass das Gleichgewicht in vielen dieser Partien objektiv jemals besonders gestört war. Was allerdings nichts daran änderte, dass Stern bei den Partievorführungen das Publikum stets mit tiefen strategischen Erläuterungen erfreute, und immer wieder aufzeigen konnte, wie viel Leben und feine Ressourcen noch in diesen aus der Sicht des Kaffeehausspielers halbtoten Stellungen innewohnen.
Dass er nach der letzten Runde seinen Gegner Figura, der mit Weiß nach der Eröffnung eine Zugwiederholung herbeigeführt hatte, allerdings noch belehrte mit etwa folgendem Wortlaut: "Jede Weißpartie ist eine große Chance und du musst konsequent versuchen, sie zu nutzen!" (Ich hoffe, ich habe diesen Satzabschnitt richtig aufgeschnappt, sonst großes Pardon!), halte ich persönlich aufgrund solcher Zugfolgen des Motivationstrainers wie 1.d4 d5 2.c4 c6 3.cxd5?! oder 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.Ld2?!/4.Sf3?! allerdings doch für etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt.
Bronze : Elisabeth Pähtz (6)
Die einzige Dame im Feld spielte das Turnier mit betont weiblicher Pragmatizität herunter. Von den ausgeschriebenen 11 Partien spielte Madame genau 8, wobei man fairerweise anmerken muss, dass Elli in den fehlenden 3 Begegnungen gegen Großmeister jeweils auf den Vorteil der weißen Steine verzichtete. Da aber das Häschenschlachten gegen solche Halbstarken wie Agopov, Kurmann und mich wunderbar geklappt hat (wir 3 zusammen haben gegen Elli keinen einzigen guten Zug gemacht!), konnte sich Frau Pähtz sogar eine Niederlage gegen Erdös und die Katastrophe gegen Figura leisten, und trotzdem ins Plus kommen. Ohne letztgenannte Katastrophe ("Ich war so sauer, dass ich schon einen Zug vor der Aufgabe mein Fahrrad aufgeschlossen hatte, damit ich danach schnell wegfahren konnte") wäre Elisabeth wirklich gefährlich nahe an die ersehnte GM-Norm gekommen, wobei wir alle dankbar sind, dass das Schicksal dieses Szenario verhindert hat, drohte doch sonst ihre Letztrundenbegegnung gegen ihren Freund Yemelin dann endgültig zu einer Farce zu werden.
Ganz unverdient war Ellis Bronzerang aber wahrlich nicht. Sie zeigte keine zu hohe Fehlerquote gepaart mit gewisser Entschlossenheit - wer aus dem Teilnehmerfeld konnte schon beides vorweisen?
Wenn Elli jetzt weiterhin Einladungen auf hohem Niveau bekommt- dann hat sie wirklich alles richtig gemacht.
Silber: Andrei Maksimenko (7,5)
Legte zwar mit seinem Power-Sieg gegen Kurmann am ersten Abend los wie ein Berserker, aber die Euphorie flaute nach dem mageren Remis gegen Pähtz, dem Kurzremis gegen Yemelin und der vernichtenden Niederlage gegen Erdös und dem 2/4 scheinbar ab. Dann erwischte der Ukrainer allerdings einen dankbaren Aufbaugegner, der versucht hatte, die Spanische Abtauschvariante neu zu erfinden und ab diesem Zeitpunkt gab es kein Halten mehr. Maksimenko startete eine wilde Aufholjagd, bei der er nacheinander nach mir auch noch Stern, Rabiega und Figura grausam massakrierte. Nur die Skandinavische Fraktion kam mit glücklichen Remisen davon. Dass es am Ende nicht zum Turniersieg reichte, lag einerseits am umsichtigen Spiel von Tischbierek in der Schlussrunde - er riskierte nichts mehr und wickelte in ein Dauerschach ab - und andrerseits daran, dass die verlorene Partie gegen Erdös am Ende einfach viel zu teuer war. Trotzdem darf sich Maksimenko über ein dickes Preisgeld und ebensolchen ELO-Gewinn freuen. Aber einer war eben noch besser...
The Winner is... Viktor Erdös! (8)
Vor dem Turnier gar nicht offensichtlich, aber nach ein paar Runden war es jedem klar, dass der junge Mann aus Ungarn die Sache für sich entscheiden würde. Sein Spiel zeichnet eine große Solidität und Sicherheit aus und in den meisten Fällen macht er den Eindruck, dass er genau weiß, was er tut. Er blieb als Einziger im Turnier ungeschlagen und hatte auch soweit ich das überblicken kann, so gut wie keine bangen Momente zu überstehen. Hätte ich doch in der 3.Runde 16...exd4! gespielt... dann.. vielleicht...
So aber entsteht der Eindruck, als hätte Erdös besonders in der zweiten Turnierhälfte fast schon Gnade vor Recht ergehen lassen. Ich glaube, der hätte bei Bedarf auch 9 oder 9,5 Punkte geholt. Was ich besonders sympathisch finde, ist dass er bei der Analyse immer einen auf gelangweilt oder dumm macht... total nett und unaufdringlich und überhaupt nicht verbissen. Wenn er noch seine Open-Remismanie abstellt, kann Viktor durchaus noch recht weit kommen...
hat sich wahrlich ein gebrauchtes Turnier andrehen lassen. Nach seinem 0/2-Start machte Robert einen etwas geknickten Eindruck und versuchte fortan, sich mit Schadensbegrenzung aus der Affäre zu ziehen, wurde aber immer wieder durch Rückschläge wie die Kurmann- und besonders die Maksimenko-Mittelgambitniederlage zurückgeworfen. Gegen Ende und mit endlich installiertem Chessbase wurde es aber besser und Robert konnte in seinem klinischen Schnellschachstil Vasily Yemelin besiegen und locker gegen Stern und Erdös mit Schwarz ein Damengambitendspiel remis halten. Der schöne Opfersieg gegen Agopov in der letzten Runde war genau so wie der überlegene Triumph beim Fischer Random Chess mit Sicherheit ein versöhnlicher Abschluss, aber für 50% hat es für Robert einfach nicht mehr gereicht. Aber er wird sich das Geld und die ELO-Punkte beim Samstag beginnenden Kreuzberg-Open schon zurückholen.
6. Vasily Yemelin (5,5)
,für viele Turnierfavorit, blieb wie es die Zahlen unschwer erkennen lassen, unter seinen Möglichkeiten. Man kann sich natürlich immer diese "Hätte, Wenn und Aber" - Fragen stellen, ob das Turnier für den Sankt-Petersburger nicht anders gelaufen wäre, wenn er einen Fisch wie mich in der ersten Runde mit Weiß einfach gebürstet, tags darauf nicht eine symmetrische Stellung mit Mehrbauern gegen den späteren Turniersieger Erdös verloren, sich mit 0,5/2 nicht mit dem späteren Zweiten Maksimenko auf ein Kurzremis geeinigt oder in der vierten Runde gegen Rene Stern in Gewinnstellung nicht eine illegale Rochade versucht hätte, was dank der Berührt-Geführt-Regel sofort zum Figurenverlust führte.
Außerdem sollte man anmerken, dass Yemelin es vermutlich zumindest in den ersten zwei Turnierdritteln auch zuhause nicht ganz so leicht hatte, weil er mit Sicherheit noch seine Freundin trösten musste, bei der dieser Turnierabschnitt auch alles andere als gut lief (Stichwort Figura-Pähtz oder Ähnliches) Dazu kommt noch der Stress wegen der Toaster-Affäre. Wie soll man da vernünftig Schach spielen?! :-)
Insgesamt gesehen nahm Yemelin sein Abschneiden mit erstaunlich viel trockenem russischen Humor und erwies sich während der Runden draußen vor dem Hoteleingang oftmals als ein perfekter Partner zum gemeinsamen Jammern über unser schlechtes Spiel (ich hatte nicht so viel Grund dazu wie er, aber wer mich kennt, weiß dass ich während der Partien grundsätzlich immer rumjammere). Vasily war für mich in Berlin eine echte menschliche Entdeckung.
5. Ilja Schneider (6)
Eine absolut überragende Leistung des 24-jährigen Karlsruher Chemiestudenten, zu der es nicht mehr viel hinzuzufügen gibt. Ein Antrag auf Erfüllung einer GM-Sondernorm bedingt durch das besonders tiefsinnige Partienniveau wurde bereits gestellt.
4. Rene Stern (6)
lieferte eine gewohnt und erwartungsgemäß solide Leistung ab, von der ersehten GM-Norm waren wir beide allerdings gleich weit entfernt. Während mir die Sicherheit fehlte, mangelte es bei Rene an Durchschlagskraft. Seine zwei Siege entstammen einerseits der Slavisch-Abtausch-Begegnung gegen den am ersten Tag leicht indisponierten Raj Tischbierek und der illegalen Rochade von Vasily Yemelin in Runde 4. Hingegen erwies sich Andrei Maksimenko einfach als größerer Sadist als Stern selbst und schob ihn nach einer 40-zügigen Lavierphase einfach vom Brett. Macht insgesamt +1, da die restlichen 8 Partien des Tegelers Remis endeten, ohne dass das Gleichgewicht in vielen dieser Partien objektiv jemals besonders gestört war. Was allerdings nichts daran änderte, dass Stern bei den Partievorführungen das Publikum stets mit tiefen strategischen Erläuterungen erfreute, und immer wieder aufzeigen konnte, wie viel Leben und feine Ressourcen noch in diesen aus der Sicht des Kaffeehausspielers halbtoten Stellungen innewohnen.
Dass er nach der letzten Runde seinen Gegner Figura, der mit Weiß nach der Eröffnung eine Zugwiederholung herbeigeführt hatte, allerdings noch belehrte mit etwa folgendem Wortlaut: "Jede Weißpartie ist eine große Chance und du musst konsequent versuchen, sie zu nutzen!" (Ich hoffe, ich habe diesen Satzabschnitt richtig aufgeschnappt, sonst großes Pardon!), halte ich persönlich aufgrund solcher Zugfolgen des Motivationstrainers wie 1.d4 d5 2.c4 c6 3.cxd5?! oder 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.Ld2?!/4.Sf3?! allerdings doch für etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt.
Bronze : Elisabeth Pähtz (6)
Die einzige Dame im Feld spielte das Turnier mit betont weiblicher Pragmatizität herunter. Von den ausgeschriebenen 11 Partien spielte Madame genau 8, wobei man fairerweise anmerken muss, dass Elli in den fehlenden 3 Begegnungen gegen Großmeister jeweils auf den Vorteil der weißen Steine verzichtete. Da aber das Häschenschlachten gegen solche Halbstarken wie Agopov, Kurmann und mich wunderbar geklappt hat (wir 3 zusammen haben gegen Elli keinen einzigen guten Zug gemacht!), konnte sich Frau Pähtz sogar eine Niederlage gegen Erdös und die Katastrophe gegen Figura leisten, und trotzdem ins Plus kommen. Ohne letztgenannte Katastrophe ("Ich war so sauer, dass ich schon einen Zug vor der Aufgabe mein Fahrrad aufgeschlossen hatte, damit ich danach schnell wegfahren konnte") wäre Elisabeth wirklich gefährlich nahe an die ersehnte GM-Norm gekommen, wobei wir alle dankbar sind, dass das Schicksal dieses Szenario verhindert hat, drohte doch sonst ihre Letztrundenbegegnung gegen ihren Freund Yemelin dann endgültig zu einer Farce zu werden.
Ganz unverdient war Ellis Bronzerang aber wahrlich nicht. Sie zeigte keine zu hohe Fehlerquote gepaart mit gewisser Entschlossenheit - wer aus dem Teilnehmerfeld konnte schon beides vorweisen?
Wenn Elli jetzt weiterhin Einladungen auf hohem Niveau bekommt- dann hat sie wirklich alles richtig gemacht.
Silber: Andrei Maksimenko (7,5)
Legte zwar mit seinem Power-Sieg gegen Kurmann am ersten Abend los wie ein Berserker, aber die Euphorie flaute nach dem mageren Remis gegen Pähtz, dem Kurzremis gegen Yemelin und der vernichtenden Niederlage gegen Erdös und dem 2/4 scheinbar ab. Dann erwischte der Ukrainer allerdings einen dankbaren Aufbaugegner, der versucht hatte, die Spanische Abtauschvariante neu zu erfinden und ab diesem Zeitpunkt gab es kein Halten mehr. Maksimenko startete eine wilde Aufholjagd, bei der er nacheinander nach mir auch noch Stern, Rabiega und Figura grausam massakrierte. Nur die Skandinavische Fraktion kam mit glücklichen Remisen davon. Dass es am Ende nicht zum Turniersieg reichte, lag einerseits am umsichtigen Spiel von Tischbierek in der Schlussrunde - er riskierte nichts mehr und wickelte in ein Dauerschach ab - und andrerseits daran, dass die verlorene Partie gegen Erdös am Ende einfach viel zu teuer war. Trotzdem darf sich Maksimenko über ein dickes Preisgeld und ebensolchen ELO-Gewinn freuen. Aber einer war eben noch besser...
The Winner is... Viktor Erdös! (8)
Vor dem Turnier gar nicht offensichtlich, aber nach ein paar Runden war es jedem klar, dass der junge Mann aus Ungarn die Sache für sich entscheiden würde. Sein Spiel zeichnet eine große Solidität und Sicherheit aus und in den meisten Fällen macht er den Eindruck, dass er genau weiß, was er tut. Er blieb als Einziger im Turnier ungeschlagen und hatte auch soweit ich das überblicken kann, so gut wie keine bangen Momente zu überstehen. Hätte ich doch in der 3.Runde 16...exd4! gespielt... dann.. vielleicht...
So aber entsteht der Eindruck, als hätte Erdös besonders in der zweiten Turnierhälfte fast schon Gnade vor Recht ergehen lassen. Ich glaube, der hätte bei Bedarf auch 9 oder 9,5 Punkte geholt. Was ich besonders sympathisch finde, ist dass er bei der Analyse immer einen auf gelangweilt oder dumm macht... total nett und unaufdringlich und überhaupt nicht verbissen. Wenn er noch seine Open-Remismanie abstellt, kann Viktor durchaus noch recht weit kommen...
Kaffeehausschach - Do, 16. Jul, 13:06





