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Dienstag, 14. Juli 2009

Die große Abrechnung

Etwa anderthalb Tage nach der Vertreibung aus dem Paradies, wie mir das Ende eines großen Schachturniers immer erscheint, glaube ich, ist es an der Zeit, ein Resümee unter das vergangene Berliner GM-Turnier und mein dortiges Abschneiden zu ziehen. Vertreibung aus dem Paradies weil schlagartig der für einen Schachspieler typische, sorglose, infantile und immer auf das nächste Ziel/Gegner fixierte Tagesablauf durchbrochen und man nach draußen in eine raue wechselhafte "reale" Welt hinausgestoßen wird, die man zuletzt ausgeblendet, wenn nicht gar vollständig ignoriert hat. Sagen, dass ich etwa schon vollständig angekommen bin, kann ich nicht. Immernoch bestimmen vorwiegend Szenen und Momente der 9 Berliner Tage meine Gefühls- und Gedankenwelt. Manchmal habe ich das Gefühl, in Wirklichkeit leiste sich das Hotel Kronprinz nur ein paar Tage Pause, bis es dann Mitte der Woche mit der Rückrunde weitergeht. Aus einem Schachrhythmus herauszukommen, ist schon verdammt schwer! Vielleicht schreibt uns Till bald mehr darüber?

Aber eigentlich wollte ich ja Abstand gewinnen und eine Abrechnung machen und somit fange ich einfach mal an.

GM-Norm

negativ. 7,5/11 Punkte hätten es sein dürfen, im Endeffekt sprangen aber nur 6 heraus. Der Kaiser erwies sich dieses Mal als wenig blutrünstig und hielt seinen Daumen oftmals in die Waagerechte. 6 Remisen sind einfach zu viel. Allerdings muss man erwähnen, dass sich in diesem ausgeglichenen Feld auch die anderen GM-Norm-Aspiranten genau so schwer taten wie ich, so dass das Turnier insgesamt seinen Hauptzweck, eine GM-Norm nicht erzielen konnte. Was aber auch ganz gut so ist, denn wir befinden ja hier im freien Westen, wo der Turniersieger und die Normengewinner nicht schon vor dem Turnier feststehen. Somit werden wir von einer ROCHADE-Schlagzeile ala "Normensegen in der Spree-Metropole!" verschont bleiben.
Jan Lundin erzielte allerdings bereits nach 9 Runden seine dritte IM-Norm, die auch den Titel bedeutet hätte, hätte Lundin nicht durch Niederlagen in den letzten beiden Runden seine Zahl ELO aus dem 2400-Bereich runtergespielt. Atila Figura mit 4,5/11 scheiterte an einer IM-Norm hingegen denkbar knapp aber nahm es mit Fassung.


ELO

etwa +3 ELO-Punkte. Das Ergebnis könnte auch von einem x-beliebigen Open stammen, wo man seit einigen Jahren für jeden Erstrundensieg auch schon 1,1 Punkte einsacken darf (aus meiner Sicht einer der Gründe für die ELO-Inflation). Hier aber waren die ELO-Abstände niemals größer als 120 Punkte, so dass ein ELO-Plus indiziert, dass die Leistung insgesamt nicht katastrophal schlecht gewesen sein kann. Am meisten waren beim Turnier die Zahlen der GMs in Bewegung: Erdös und Maksimenko gewannen, Yemelin und Rabiega verloren im (niedrigen) zweistelligen Bereich.


Spielerische Leistung

Bin ich gar nicht so unzufrieden. Klammert man die beiden Episoden in den Runden 5 und 10 aus, die man schon fast mit einem Blitzeinschlag oder einem beim Spazierengehen auf den Kopf gefallenen Meteoriten vergleichen kann, (in beidem Partien hatte ich nach einem Eröffnungsfehler - 7...Lc4?? gegen Maksimenko und 13.e3?? gegen Elli Pähtz - keinerlei Chance mehr, die Partie zu retten), kann man sagen, dass ich im ganzen Turnier relativ wenig Probleme hatte. Die fehlenden Eröffnungskenntnisse gegen Raj Tischbierek waren nicht zu übersehen, allerdings geht in dieser Partie das Remis schon in Ordnung, da ich ja gegen Ende auch einige Gewinnchancen erhielt, die ich nicht nutzen konnte. In der Agopov-Partie hätte ich mich hingegen nach einer gut gespielten Eröffnung aus dem Nichts beinahe selbst umgebracht, weil ich bei drohendem Bauernverlust nach 15-minütigem Nachdenken am Ende nicht 24...Sg4! zog, was ich in jeder Schnellschachpartie (außer gegen einen wirklich schwachen Spieler) sofort präferieren würde. Das entstehende Turmendspiel mit Minusbauern, was ich zu faul zum Verteidigen war, wäre so dermaßen remis, dass sich Kramnik und Leko mit absoluter Sicherheit in diesem Moment bereits die Hände gereicht hätten. Ich Idiot tausche nicht die Leichtfiguren und verliere die Stellung fast noch.

Auf der positiven Seite stehen hingegen die sauberen Schwarzremisen gegen Yemelin, Erdös und Stern (die ersteren beiden durchaus mit Chancen auf mehr) und die recht sauberen Siege gegen Rabiega und Lundin.
Insgesamt bleibt also festzustellen, etwas Berauschendes war es nicht, aber immerhin eine solide Vorstellung und die Bestätigung des 2500-Niveaus außerhalb von offenen Turnieren. Der Meteoritenschutz muss allerdings noch deutlich ausgebaut werden. :-)


Zeiteinteilung

wurde auf www.schachkiste.de von einem Beobachter kritisiert. Positiv kann ich an dieser Stelle ersteinmal anmerken, dass mir in Berlin, wie üblich, keinerlei Zeitnotprobleme das Leben schwer gemacht haben.
Womit ich nun bekanntermaßen nicht gut zurechtkomme, ist das hier schon vieldiskutierte Inkrement, auch wenn dieses mir in der Partie gegen Schnellschachkönig Rabiega am Ende selbst den Punkt gesichert hat. Ich neigte bei diesem Turnier dazu, die Bedeutung der Bedenkzeit meiner Gegner zu überschätzen und spielte oft schnell um sie in Zeitnot zu zwingen. Im Gegensatz zu Open-Gegnern mit <2300 knickten diese aber nur selten infolgedessen ein und machten gröbere Fehler als auf einem 2500-Niveau zu erwarten wäre. Ich wüsste aber andrerseits nicht, wo mein schnelles Spiel mir selber einen meßbaren Schaden eingebracht haben sollte. Gegen Elli Etwa blitzte ich die halbe Partie lang in hoffnungsloser Stellung weiter, aber sie wurde dadurch unsicher und ließ in der technischen Phase einige Ungenauigkeiten zu, die den Sieg erschwerten. Wer weiß, mit etwas weniger Stellungspech hätte ich nach ihrem schlechtesten Zug der Partie, ...a5? die Partie nicht mehr verloren. Auch gegen ihren Freund Yemelin, der gegen mich in einige Zeitnot geriet, machte sich das schnelle Spiel bezahlt, sowie auch in einigen Episoden der Kurmann-, Agopov-, Lundin- und einiger anderer Partien. Wo es sich gelohnt hätte, mehr nachzudenken, war allerdings der Weißblock in Runden 4 und 6 (Figura und Tischbierek). Dort ist es denkbar, dass mit einem höherem Krafteinsatz die Knaller 16.Sd5! und 18.Df4!! gefunden worden wären. Oder auch nicht, denn pure Taktik ist nun gewiß nicht meine Stärke.
Das schnelles Spiel auch vor Fehlern schützen kann zeigt die oben erwähnte Episode aus der Agopov-Partie. Mit 5 Minuten auf der Uhr hätte ich mit 100% Sicherheit den richtigen Zug erwischt, mit einer Stunde nicht.

Teil (II) der großen Abrechnung, wo ich einerseits allgemeiner auf das Turnier und die anderen Spieler eingehen werde und andrerseits meine 11 Partien in einer Datenbank zum Download bereitstelle, morgen

P.S. Es fehlen noch die Bewertungen der Prognosen zu den 3 letzten Runden:

Agopov wrb naja, es wurde relativ spannend, und Agopov vergab unter etwas knapper Zeit den möglichen Sieg (Tf3! statt Te4?, wonach ich den Springer opfern, aber 3 Bauern einsacken konnte.

Pähtz weid
Es kam an dem Tag wirklich auf die Tagesform an. Elli zu einem der wenigen Male nicht auf dem Fahrrad abgehetzt, und gut in Form, mit Aufwind vom Sieg in der Runde zuvor und dem 3 Platz beim Schach 960, ich aus dem gleichen Grunde (Chess 960 KANN ich einfach nicht!) und wegen der verpassten Norm am Tag zuvor schon etwas down. Außerdem verstand Elisabeth die entstandene Stellung besser als ich und profitierte auch von einer Vorbereitung zu einer anderen Partie.

Lundin wrb
Spielte für seine Verhältnisse wie erwartet ein starkes Turnier, baute aber am Ende etwas ab. Unsere Partie verlief sogar "fast" ein bisschen zu leicht aus meiner Sicht, auch wenn ich erst spät richtig gut stand. Lundins Spielerniveau (2400) ist mir aus Open -Turnieren eben recht gut bekannt und ich wusste, dass man taktisch vorgehen muss, um zum Erfolg zu kommen. Zum Glück war mein Optimismus für diese Partie nicht vergeblich.

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