"Unterirdisch"
...ist das Stichwort mit dem in der Internetberichterstattung das Niveau des Berliner Derbys SF Berlin 4 - 4 SK König Tegel betitelt wurde.
Ganz so eng darf man das natürlich nicht sehen. Immerhin bedeutete dieses Ergebnis den ersten Tegeler Mannschaftspunkt und auch den ersten Bundesligasieg von Dennes Abel. Es gab jede Menge Dramatik und Spannung, das Endergebnis stand erst in der allerletzten Minute fest, und die (diesmal leider sehr wenigen) Zuschauer wurden bestens unterhalten.
Ziemlich unterirdisch war allerdings das folgende "Ehren"duell, dem noch ein wenig der Geist aus Dennewitz nachwehte:
Muse,Drazen (2367) - Schneider,Ilja (2500) [D05]
BL 0910 Schachfreunde Berlin - SK König Tegel (7.5), 05.02.2010

1.d4 Sf6 2.Sf3 d5 3.c3 Dass Muse eine Unzahl an tighten Varianten (c3 und e3 mit und ohne vorherige Entwicklung des Läufers nach f4/g5) spielt, war mir in der Vorbereitung durchaus klargeworden, doch diese Zugfolge war auch mir neu. Das große Nachdenken auf beiden Seiten begann. 3...c5 4.e3 e6 5.Sbd2 Sbd7 6.Ld3 Le7 7.0–0 0–0 Meine Aufstellung (Le7 und Sd7 statt des üblicheren Ld6 und Sc6) erweist sich als sehr gut im Hinblick auf die weiße Idee De2 und e3-e4, da der Springer f6 schnell ersetzt werden kann und der Le7 taktisch sicher steht und vor allem der Läufer c8 frei nach b7 entwickelt werden kann. Hingegen wird die andere weiße Hauptidee nur schlecht pariert: 8.Se5! [8.De2 b6 9.e4 dxe4 10.Sxe4 Lb7= mit einem komplett sorgenfreien Leben für Schwarz.] 8...Sxe5 Der meistgespielte Zug und logisch erschien er mir auch, da es nicht wirklich Sinn macht zu warten, bis noch ein weiterer weißer Bauer auf f4 erscheint. [8...Dc7 9.f4 c4 10.Lc2 b5 Diese etwas statische Fortsetzung wurde ein paar Mal mit einigem Erfolg angewandt, aber mir erschien die Aussicht eines weißen Königsangriffs doch als zu gefährlich.] 9.dxe5 Sd7 10.f4
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Hier wusste ich nicht, was ich spielen sollte. Es ist klar, dass ich vermutlich nicht ohne einen Aufzug des f-Bauern auskomme, aber sofort 10...f6 ist schlecht. 10...De8?!N Mir war klar, dass das nicht besonders gut sein kann, aber ich sah keinen anderen Weg, um meine Stellung zu sichern. Dabei war die Lage im Prinzip gar nicht so schlimm: [10...f5 fragt Weiß zum Beispiel, wie er weiterzukommen gedenkt.; 10...g6!? ist ein seltener Zug, der aber einen guten Score erzielt. Bald wird f7-f6 kommen und Schwarz befreit sein Spiel, während Weiß vorerst noch an seiner schlechten Entwicklung zu beißen hat.] 11.c4 [11.e4!? ist deutlich energischer und deckt die Schattenseiten des Damenzuges auf.] 11...f5! Besser spät als nie. [11...f6 war kaum mehr möglich, ich hatte Angst vor dem einfachen 12.cxd5 exd5 13.e6 Sb8 14.f5 Sc6 und als ob Schwarz nicht schon genug eigene Sorgen hätte, zeigt der Rechner hier auch noch 15.Sb1! an, wonach die Verteidigung des d5 ein schwerer Job sein wird.] An dieser Stelle kam eine Wende in die Partie. Muse, der sich bisher mit einfachen Zügen einen deutlichen Vorteil erarbeitet hatte, dachte über jeden Zug sehr lange nach, konnte aber keinen richtigen Plan finden. Bald hatte er nur noch sehr wenig Zeit und sowohl die schachliche als auch die psychologische Initiative gingen auf mich über. 12.Df3 [12.cxd5 exd5 13.Sf3 Sb6 14.a4 Le6 15.a5 Sd7 16.a6 b6 17.b3 wäre eine mögliche Fortsetzung. Weiß hat vermutlich immer noch etwas Vorteil, auch wenn die schwarze Blockadeidee gut aufgegangen ist.] 12...Sb6 13.Tf2?! Hä? :-) 13...Ld7 14.cxd5 Sxd5 [14...exd5 strebt weiterhin die Blockadestellung an, aber das war mir bereits zu wenig.]
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15.e4 Sb4 16.Lb1 Sc6!? Ein Bauernopfer, dessen vollständige Konsequenzen ich gar nicht berechnet habe, dies war aber auch nicht nötig, wie die Varianten zeigen. Nimmt Weiß an, spielt sich der Angriff wie von alleine. 17.exf5 Sd4 18.Dh3 [18.Dxb7 Lc6 19.Da6 Dh5 (19...Lb5 bringt nicht so viel wegen 20.Da3) 20.Sf3 Lxf3 21.gxf3 Lh4 22.Tg2 Tad8 mit kräftiger Initiative.] 18...exf5 Eine Entscheidung mit einem weinenden Auge - immerhin kriegt der Gegner damit seinen lang ersehnten gedeckten Freibauern. Aber ich wollte noch den Springer auf d4 behalten, den Muse mir natürlich sofort wegtauscht. 19.Sf3 Sxf3+ 20.Txf3?! Zu optimistisch-zockerhaft. Nun ist die weiße Grundreihe schwach und die weiße Dame hockt weiter in ihrem Verließ. 20...Td8 21.Le3 Dg6 Die Dame will nach b6.
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22.Lc2 Db6 23.Tf2 [23.Lb3+ Le6 spielt mir total in die Karten, denn so werde ich endlich den "schlechten" Läufer los.] 23...Le6 Weiß steckt in der Sackgasse und lässt die Uhr auf wenige Sekunden ablaufen. Ohne das Increment hätte ich ihn vermutlich gehabt... ;-) 24.g4 g6 25.gxf5 Lxf5 26.Lxf5 Txf5 27.Tg2 De6 28.Dg4 Es drohte 28...Txe5. 28...Td3 29.Te1
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So weit, so gut. Bis hier ist die Partie im Prinzip optimal verlaufen. Schwarz hat aufgrund der Dominanz seiner Figuren und der nützlicheren Bauernmehrheit deutlichen Vorteil erlangt. Außerdem lebte Drazen mittlerweile schon länger von seinem Increment. Mein nächster Zug ist allerdings etwas unnötig impulsiv. 29...b5!? [29...c4 ist nachhaltiger und besser. Ich wollte hier nicht unbedingt den Bauern a7 en prise lassen, aber eigentlich genügt ein kurzer Blick um festzustellen, dass Weiß ihn gar nicht wirklich nehmen kann. 30.Lxa7? b6 und schon sitzt der Läufer in der tödlichen Falle.] 30.Df3 Dxa2?! Gierig, wenn auch noch nicht direkt inkorrekt. Einfacher wäre an dieser Stelle [30...Dd5 wonach Weiß einem nachteilhaften Endspiel kaum noch sinnvoll ausweichen kann.] 31.De4 Die Dame greift zwei Türme an, wie soll man beide decken? [31.Db7?? bestraft Schwarz sofort mit 31...Txe3 32.Txe3 Db1+ 33.Kf2 Txf4+ 34.Kg3 (was nun?)
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Analysediagramm
34...Lh4+!! 35.Kxf4 Df5#]
31...Dd5 Eigentlich nicht schwer zu sehen, wenn es erstmal auf dem Brett steht, aber die paar Phrasen gemurmeltes Kroatisch, die ich an dieser Stelle vernahm, ließen eindeutig den Rückschluss zu, dass Muse nicht mit dieser Parade gerechnet hätte. 32.Dxd5+ [32.Dxf5 Dxg2+ 33.Kxg2 gxf5–+ ist einfach total verloren für Weiß.] 32...Txd5 33.Ta1
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An dieser Stelle habe ich mich allerdings gefragt, warum ich mir überhaupt den Bauern a2 einverleibt habe... Immerhin ist eine ökonomische Deckung des a7 nicht zu sehen, oder? 33...Td3!? [33...c4! , aber eben nur in Verbindung mit dem schon nicht mehr so einfachen 34.Txa7 Txf4!! war der Schlüssel zur weißen Stellung. Nun ist das geringste Übel aus weißer Sicht etwas wie 35.Tg3 Lc5 36.Lxc5 Txc5 mit einem noch nicht ganz verlorenen, aber auch nicht mehr besonders spaßigem Turmendspiel.] 34.Kf2?! Da Muse in höchster Zeitnot war, ist der Zug an sich nicht zu tadeln, nur eben seine Zeiteinteilung generell. [34.Te2 c4 35.Kg2 (35.Txa7 Txe3! und so weiter...) 35...g5 36.Txa7 Ld8! lässt Weiß zwar ebenfalls leiden, aber nicht ganz ohne Aussichten auf ein Remis.] 34...Tb3? Aber das Geschenk kommt wieder! Diesmal ist der gesamte Vorteil endgültig weg. [34...c4! , so etwa zum tausendsten Mal in dieser Partie, diesmal mit der Pointe 35.Txa7 (nach Rybka ist bester Zug 35.h4!? - das sagt alles.) 35...Txf4+!–+] 35.Kf3 c4 zu spät! 36.Ke4!
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Langsam wurde mir klar, was ich angerichtet hatte. Ich spiele die Partie von nun an mit einer Minusfigur (er hat einfach einen König mehr im Spiel), mein Turm b3 steht im Abseits, ich habe es nicht geschafft, seinen Zentrumsfreibauern loszuwerden, verliere aber gleich meinen a7. Einschätzung: Weiß steht mittlerweile schon deutlich besser. Aber irgendwie wollte ich es hier noch nicht richtig wahrhaben und zog 36...Tf8 , wobei ich mir total klug vorkam. Weder sein Turm noch sein Läufer dürfen auf a7 schlagen, und gleich konsolidiere ich meine Stellung... 37.Td2!? ...aber dann kam dieser Schock. Nun bekam ich einfach Angst vor einem schnellen Zusammenbruch. 37...Td8? Eine panikartige Reaktion. Wer soll eigentlich noch den e-Bauern aufhalten? [37...a5! habe ich mich nicht mehr getraut wegen 38.Td7 Lb4 39.Ld4 "und Matt", dieses lässt sich jedoch auf mehrere, allerdings weniger triviale Weisen parieren, sagen wir mal 39...Td3 40.e6 Td2! 41.Tg7+ Kh8 und Weiß ist nicht wirklich mit wirksamen Abzugsschachs gesegnet, so dass Rybkas Urteil 0.00 lautet. Etwa nach 42.Tb7+ Kg8 43.Txb5 Te2+ 44.Kd5 Td8+ 45.Kxc4 Txe6= mit Vollausgleich.] 38.Txd8+ Lxd8 39.Lxa7 Txb2 40.Ld4 Te2+ Einziger Zug. 41.Kd5
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Drazen hat mit Mühe und Not die Zeitkontrolle geschafft und frönte nun draußen dem Tabakvergnügen. Ich konnte mir derweil die Scherben meiner Stellung ansehen und feststellen, dass ich in Wirklichkeit keinerlei Mittel habe, etwa gegen seinen Freibauern zu unternehmen. Gestählt durch die jahrelange Schnellschachpraxis konnte ich allerdings recht schnell den einzigen Zug finden, der wenigstens nicht sofort zur Niederlage führt. 41...Kg7! Der König verlässt die Kampfzone. Für die nächsten beiden Züge dachte Muse etwa 45 Minuten nach. Vermutlich genau so wie ich, gezeichnet durch den schweren bisherigen Partieverlauf fand er aber nicht das Optimum heraus und gab sich schnell mit Remis zufrieden. 42.Ta8 [42.Ta7+ Kh6 43.e6 lässt mir im Prinzip keine andere Wahl, als 43...Txh2 44.e7 Lxe7 45.Txe7 , wonach eine Stellung entsteht, welche ich eher für gewonnen, als für remis erklären würde. So oder so - quälen hätte er mich dann bis ins tiefste TL vs T-Endspiel können.] 42...Lh4 43.e6+ Kh6
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44.Tb8?! schickt sich ins Remis. [Nach 44.Le5 wäre die Partie zumindest noch eine Weile weitergelaufen.] 44...Td2 45.Ke4 was sonst? 45...Te2+ 46.Kd5 Td2 In diesem Moment, nichtsahnend von den diversen ...c4-Möglichkeiten, die ich in dieser Partie ausließ, war ich erstmal heilfroh, überhaupt einen halben Punkt erreicht zu haben. ½–½
Drazen-Muse-Ilja-Schneider (pgn, 9 KB)
Ganz so eng darf man das natürlich nicht sehen. Immerhin bedeutete dieses Ergebnis den ersten Tegeler Mannschaftspunkt und auch den ersten Bundesligasieg von Dennes Abel. Es gab jede Menge Dramatik und Spannung, das Endergebnis stand erst in der allerletzten Minute fest, und die (diesmal leider sehr wenigen) Zuschauer wurden bestens unterhalten.
Ziemlich unterirdisch war allerdings das folgende "Ehren"duell, dem noch ein wenig der Geist aus Dennewitz nachwehte:
Muse,Drazen (2367) - Schneider,Ilja (2500) [D05]
BL 0910 Schachfreunde Berlin - SK König Tegel (7.5), 05.02.2010

1.d4 Sf6 2.Sf3 d5 3.c3 Dass Muse eine Unzahl an tighten Varianten (c3 und e3 mit und ohne vorherige Entwicklung des Läufers nach f4/g5) spielt, war mir in der Vorbereitung durchaus klargeworden, doch diese Zugfolge war auch mir neu. Das große Nachdenken auf beiden Seiten begann. 3...c5 4.e3 e6 5.Sbd2 Sbd7 6.Ld3 Le7 7.0–0 0–0 Meine Aufstellung (Le7 und Sd7 statt des üblicheren Ld6 und Sc6) erweist sich als sehr gut im Hinblick auf die weiße Idee De2 und e3-e4, da der Springer f6 schnell ersetzt werden kann und der Le7 taktisch sicher steht und vor allem der Läufer c8 frei nach b7 entwickelt werden kann. Hingegen wird die andere weiße Hauptidee nur schlecht pariert: 8.Se5! [8.De2 b6 9.e4 dxe4 10.Sxe4 Lb7= mit einem komplett sorgenfreien Leben für Schwarz.] 8...Sxe5 Der meistgespielte Zug und logisch erschien er mir auch, da es nicht wirklich Sinn macht zu warten, bis noch ein weiterer weißer Bauer auf f4 erscheint. [8...Dc7 9.f4 c4 10.Lc2 b5 Diese etwas statische Fortsetzung wurde ein paar Mal mit einigem Erfolg angewandt, aber mir erschien die Aussicht eines weißen Königsangriffs doch als zu gefährlich.] 9.dxe5 Sd7 10.f4
Hier wusste ich nicht, was ich spielen sollte. Es ist klar, dass ich vermutlich nicht ohne einen Aufzug des f-Bauern auskomme, aber sofort 10...f6 ist schlecht. 10...De8?!N Mir war klar, dass das nicht besonders gut sein kann, aber ich sah keinen anderen Weg, um meine Stellung zu sichern. Dabei war die Lage im Prinzip gar nicht so schlimm: [10...f5 fragt Weiß zum Beispiel, wie er weiterzukommen gedenkt.; 10...g6!? ist ein seltener Zug, der aber einen guten Score erzielt. Bald wird f7-f6 kommen und Schwarz befreit sein Spiel, während Weiß vorerst noch an seiner schlechten Entwicklung zu beißen hat.] 11.c4 [11.e4!? ist deutlich energischer und deckt die Schattenseiten des Damenzuges auf.] 11...f5! Besser spät als nie. [11...f6 war kaum mehr möglich, ich hatte Angst vor dem einfachen 12.cxd5 exd5 13.e6 Sb8 14.f5 Sc6 und als ob Schwarz nicht schon genug eigene Sorgen hätte, zeigt der Rechner hier auch noch 15.Sb1! an, wonach die Verteidigung des d5 ein schwerer Job sein wird.] An dieser Stelle kam eine Wende in die Partie. Muse, der sich bisher mit einfachen Zügen einen deutlichen Vorteil erarbeitet hatte, dachte über jeden Zug sehr lange nach, konnte aber keinen richtigen Plan finden. Bald hatte er nur noch sehr wenig Zeit und sowohl die schachliche als auch die psychologische Initiative gingen auf mich über. 12.Df3 [12.cxd5 exd5 13.Sf3 Sb6 14.a4 Le6 15.a5 Sd7 16.a6 b6 17.b3 wäre eine mögliche Fortsetzung. Weiß hat vermutlich immer noch etwas Vorteil, auch wenn die schwarze Blockadeidee gut aufgegangen ist.] 12...Sb6 13.Tf2?! Hä? :-) 13...Ld7 14.cxd5 Sxd5 [14...exd5 strebt weiterhin die Blockadestellung an, aber das war mir bereits zu wenig.]
15.e4 Sb4 16.Lb1 Sc6!? Ein Bauernopfer, dessen vollständige Konsequenzen ich gar nicht berechnet habe, dies war aber auch nicht nötig, wie die Varianten zeigen. Nimmt Weiß an, spielt sich der Angriff wie von alleine. 17.exf5 Sd4 18.Dh3 [18.Dxb7 Lc6 19.Da6 Dh5 (19...Lb5 bringt nicht so viel wegen 20.Da3) 20.Sf3 Lxf3 21.gxf3 Lh4 22.Tg2 Tad8 mit kräftiger Initiative.] 18...exf5 Eine Entscheidung mit einem weinenden Auge - immerhin kriegt der Gegner damit seinen lang ersehnten gedeckten Freibauern. Aber ich wollte noch den Springer auf d4 behalten, den Muse mir natürlich sofort wegtauscht. 19.Sf3 Sxf3+ 20.Txf3?! Zu optimistisch-zockerhaft. Nun ist die weiße Grundreihe schwach und die weiße Dame hockt weiter in ihrem Verließ. 20...Td8 21.Le3 Dg6 Die Dame will nach b6.
22.Lc2 Db6 23.Tf2 [23.Lb3+ Le6 spielt mir total in die Karten, denn so werde ich endlich den "schlechten" Läufer los.] 23...Le6 Weiß steckt in der Sackgasse und lässt die Uhr auf wenige Sekunden ablaufen. Ohne das Increment hätte ich ihn vermutlich gehabt... ;-) 24.g4 g6 25.gxf5 Lxf5 26.Lxf5 Txf5 27.Tg2 De6 28.Dg4 Es drohte 28...Txe5. 28...Td3 29.Te1
So weit, so gut. Bis hier ist die Partie im Prinzip optimal verlaufen. Schwarz hat aufgrund der Dominanz seiner Figuren und der nützlicheren Bauernmehrheit deutlichen Vorteil erlangt. Außerdem lebte Drazen mittlerweile schon länger von seinem Increment. Mein nächster Zug ist allerdings etwas unnötig impulsiv. 29...b5!? [29...c4 ist nachhaltiger und besser. Ich wollte hier nicht unbedingt den Bauern a7 en prise lassen, aber eigentlich genügt ein kurzer Blick um festzustellen, dass Weiß ihn gar nicht wirklich nehmen kann. 30.Lxa7? b6 und schon sitzt der Läufer in der tödlichen Falle.] 30.Df3 Dxa2?! Gierig, wenn auch noch nicht direkt inkorrekt. Einfacher wäre an dieser Stelle [30...Dd5 wonach Weiß einem nachteilhaften Endspiel kaum noch sinnvoll ausweichen kann.] 31.De4 Die Dame greift zwei Türme an, wie soll man beide decken? [31.Db7?? bestraft Schwarz sofort mit 31...Txe3 32.Txe3 Db1+ 33.Kf2 Txf4+ 34.Kg3 (was nun?)
Analysediagramm
34...Lh4+!! 35.Kxf4 Df5#]
31...Dd5 Eigentlich nicht schwer zu sehen, wenn es erstmal auf dem Brett steht, aber die paar Phrasen gemurmeltes Kroatisch, die ich an dieser Stelle vernahm, ließen eindeutig den Rückschluss zu, dass Muse nicht mit dieser Parade gerechnet hätte. 32.Dxd5+ [32.Dxf5 Dxg2+ 33.Kxg2 gxf5–+ ist einfach total verloren für Weiß.] 32...Txd5 33.Ta1
An dieser Stelle habe ich mich allerdings gefragt, warum ich mir überhaupt den Bauern a2 einverleibt habe... Immerhin ist eine ökonomische Deckung des a7 nicht zu sehen, oder? 33...Td3!? [33...c4! , aber eben nur in Verbindung mit dem schon nicht mehr so einfachen 34.Txa7 Txf4!! war der Schlüssel zur weißen Stellung. Nun ist das geringste Übel aus weißer Sicht etwas wie 35.Tg3 Lc5 36.Lxc5 Txc5 mit einem noch nicht ganz verlorenen, aber auch nicht mehr besonders spaßigem Turmendspiel.] 34.Kf2?! Da Muse in höchster Zeitnot war, ist der Zug an sich nicht zu tadeln, nur eben seine Zeiteinteilung generell. [34.Te2 c4 35.Kg2 (35.Txa7 Txe3! und so weiter...) 35...g5 36.Txa7 Ld8! lässt Weiß zwar ebenfalls leiden, aber nicht ganz ohne Aussichten auf ein Remis.] 34...Tb3? Aber das Geschenk kommt wieder! Diesmal ist der gesamte Vorteil endgültig weg. [34...c4! , so etwa zum tausendsten Mal in dieser Partie, diesmal mit der Pointe 35.Txa7 (nach Rybka ist bester Zug 35.h4!? - das sagt alles.) 35...Txf4+!–+] 35.Kf3 c4 zu spät! 36.Ke4!
Langsam wurde mir klar, was ich angerichtet hatte. Ich spiele die Partie von nun an mit einer Minusfigur (er hat einfach einen König mehr im Spiel), mein Turm b3 steht im Abseits, ich habe es nicht geschafft, seinen Zentrumsfreibauern loszuwerden, verliere aber gleich meinen a7. Einschätzung: Weiß steht mittlerweile schon deutlich besser. Aber irgendwie wollte ich es hier noch nicht richtig wahrhaben und zog 36...Tf8 , wobei ich mir total klug vorkam. Weder sein Turm noch sein Läufer dürfen auf a7 schlagen, und gleich konsolidiere ich meine Stellung... 37.Td2!? ...aber dann kam dieser Schock. Nun bekam ich einfach Angst vor einem schnellen Zusammenbruch. 37...Td8? Eine panikartige Reaktion. Wer soll eigentlich noch den e-Bauern aufhalten? [37...a5! habe ich mich nicht mehr getraut wegen 38.Td7 Lb4 39.Ld4 "und Matt", dieses lässt sich jedoch auf mehrere, allerdings weniger triviale Weisen parieren, sagen wir mal 39...Td3 40.e6 Td2! 41.Tg7+ Kh8 und Weiß ist nicht wirklich mit wirksamen Abzugsschachs gesegnet, so dass Rybkas Urteil 0.00 lautet. Etwa nach 42.Tb7+ Kg8 43.Txb5 Te2+ 44.Kd5 Td8+ 45.Kxc4 Txe6= mit Vollausgleich.] 38.Txd8+ Lxd8 39.Lxa7 Txb2 40.Ld4 Te2+ Einziger Zug. 41.Kd5
Drazen hat mit Mühe und Not die Zeitkontrolle geschafft und frönte nun draußen dem Tabakvergnügen. Ich konnte mir derweil die Scherben meiner Stellung ansehen und feststellen, dass ich in Wirklichkeit keinerlei Mittel habe, etwa gegen seinen Freibauern zu unternehmen. Gestählt durch die jahrelange Schnellschachpraxis konnte ich allerdings recht schnell den einzigen Zug finden, der wenigstens nicht sofort zur Niederlage führt. 41...Kg7! Der König verlässt die Kampfzone. Für die nächsten beiden Züge dachte Muse etwa 45 Minuten nach. Vermutlich genau so wie ich, gezeichnet durch den schweren bisherigen Partieverlauf fand er aber nicht das Optimum heraus und gab sich schnell mit Remis zufrieden. 42.Ta8 [42.Ta7+ Kh6 43.e6 lässt mir im Prinzip keine andere Wahl, als 43...Txh2 44.e7 Lxe7 45.Txe7 , wonach eine Stellung entsteht, welche ich eher für gewonnen, als für remis erklären würde. So oder so - quälen hätte er mich dann bis ins tiefste TL vs T-Endspiel können.] 42...Lh4 43.e6+ Kh6
44.Tb8?! schickt sich ins Remis. [Nach 44.Le5 wäre die Partie zumindest noch eine Weile weitergelaufen.] 44...Td2 45.Ke4 was sonst? 45...Te2+ 46.Kd5 Td2 In diesem Moment, nichtsahnend von den diversen ...c4-Möglichkeiten, die ich in dieser Partie ausließ, war ich erstmal heilfroh, überhaupt einen halben Punkt erreicht zu haben. ½–½
Drazen-Muse-Ilja-Schneider (pgn, 9 KB)
Kaffeehausschach - Di, 9. Feb, 16:20

















