Abgesehen davon, dass der Auftritt der Berliner in der Römerstadt Trier (3:5 gegen die Gastgeber und 3,5;4,5 gegen die schwächelnden Eppinger) sowieso nicht
ganz wunschgemäß verlaufen ist, gab es an beiden Tagen einige noch besonders wenig erleuchtete Momente. Gemeint sind damit nicht nur die durch
Xynthia bedingten kleinen Stromausfällchen, die die Beleuchtung im sonst perfekten Spielsaal teilweise etwas flackern ließen... Seht selbst, die
Tri(er)logie des Schreckens! (Mehr und seriöser wie immer im Laufe der Woche in meiner
Bundesliga-Ecke!)
Bronze: Verpasster Lohn nach sechseinhalb Stunden
Obwohl unser Youngster Dennes sich Samstag gegen Trier genau gegen den richtigen Gegner vorbereitet hat (oder zumindest von seinem Zimmerkollegen genau den richtigen Tipp zum Vorbereiten erhalten hat), stand er nach der Eröffnung schnell auf Abriss:
Andrei Nestor Cioara - Dennes Abel , Trier - SF Berlin (10.8.)
Gerade war
18.Lg5! gekommen und ich dachte mir: "Tja, schade, schade, aber der Junge gibt leider gleich auf!" Dennes hat aber nichts dergleichen. Er riss sich zumsammen, fand mit letzter Kraft
18...Lc2! und kämpfte auch weiter wie ein wilder Hirsch. Mit ein wenig tatkräftiger und vor allem gütiger Mithilfe des Gegners in der Zeitnotphase gewann er einen der beiden Bauern wieder, die er weniger hatte und rettete sich schließlich in das für uns schon als schicksalshaft zu bezeichnende Turmendspiel "f+h".
War da nicht was? Richtig, es hat
neulich schon einmal nicht geklappt.
Sofort beim Erreichen des Endspieltyps prasselten Anfragen auf mich ein, im Sinne von: "Hast du das mit Dennes noch mal angeguckt, wie man das Remis hält?" "Weiß er genau, wie das geht?" Leider musste ich die Fragenden enttäuschen und auf Dennes' praktische Stärke beim Anwenden der Ausschlussmethode verweisen. Aber es war zu spät, die Hausaufgaben waren nicht gemacht und die Katastrophe nahm ihren Lauf...
Wir befinden uns tief in der siebten Spielstunde. Cioara bemerkte nach einigen erfolglosen Versuchen gerade, dass die Sache mit normalen Mitteln nicht mehr zu gewinnen ist, und ging zu den "illegalen Mitteln" über. Gerade ließ er mit
71.Kg6-f6 einen Bauern einstehen. Kann man den nicht nehmen?
71...Ta1?? Müdigkeit, Aufregung, Hunger hin oder her... aber nicht zu wissen, dass die Stellung nach dem "trivialen" 71...Tg4! 72.f5 Txh4 73.Tb8+ Kh7 (König sicher auf der kurzen Seite!) 74.Kf7 Ta4! totremis ist, ist schon ein wenig traurig. Auch wenn meiner Erinnerung nach Carlsen diesen Stellungstyp schon mal nicht allzu lange her gegen Aronian verlor, es macht die Sache nicht wesentlich besser.
In der Partie folgte nach 71...Ta1+ dann
72.Tb8+ Kh7 73.f5 und Dennes erhielt nie mehr eine Chance, sich zu erholen. Am Ende bringt den Schwarzen standardgemäß um, dass der verschmähte weiße h-Bauer in einem entscheidenden Moment dem König das Feld g6 nimmt. Genauso kam es auch. Im 92. Zug musste Dennes nach über 7 Stunden die Niederlage quittieren, die aber in diesem Moment für die Mannschaft eh besiegelt war.
Ärgerlich genug, aber mit der langen Spielzeit doch noch irgendwie zu erklären. Jeder wird irgendwann mal weich... Deutlich sinnentleerter kommt da schon das nächste Beispiel daher:
Silber: Wir spielen doch kein Räuberschach!?
Stephen Gordon - Mikael Agopov, Trier - SF Berlin, (10.4)
Mikaels Grünfeld ist grundsätzlich gutgegangen. Er hat seinem Gegner gerade sogar durch 12...Lxf1 13.Kxf1 die Rochade vermiesen können. Nun hängt aber sein Springer und er muss sich entscheiden, was er mit ihm macht. In Wirklichkeit kommt natürlich nur das Feld e5 in Frage, und in der Tat sollte 13...Se5 absolut normales Spiel sichern, aber Mikael entscheidet sich noch zu warten, und ein Tempo zu "gewinnen".
13...Td8?. Falsch. Der Turm macht auf d8 nicht so viel und er halst sich nur die Sorge auf, wohin der Springer gehen wird, wenn die weiße Dame irgendwann von d2 verschwindet. Und außerdem...
14.Lh6!... nach e5 kann das Tier aber nicht mehr!
Schon hat Schwarz ein Problem. Rochieren will er wegen 14...0-0 15.h4! mit bereits starkem Angriff (etwas Besseres gab es aber ziemlich sicher nicht mehr!) eher weniger, also bereitet er das Nehmen auf h6 vor.
14...Da6+? 15.Kg1.
Nun steht der weiße König noch besser und die schwarze Dame noch schlechter als gerade eben. Die Schachpatrone wurde verschossen. 15...0-0 16.h4 ist für Schwarz mit etwas Pech nun so gut wie tot, doch mit 15...Lf8!? konnte er noch eine Weile durchhalten. Aber...
15...Lxh6?? 16.Dxh6 Sa5 17.Dg7.
Nun verwandeln sich die weiße Dame und der weiße Springer in gefräßige Pacman-Figuren, während die Verfolgungs-Geister sinnlos auf a6 und a5 parken. Der Rest leuchtet auch ohne Worte ein:
17...Tf8 18.Sg5 Kd7 19.Sxh7 Th8 20.Dxf7 De2 21.h4 Sc4 22.Th3 1:0
Der Engländer Stephen Gordon war später angesichts von 15...Lxh6?? auch
etwas überrascht, wie man
hier sehen kann.
Das alles ist aber gar nichts gegen das, was jetzt kommt. Die Partie mit dem absoluten Bolzenschuss-Faktor:
Gold: Einer dümmer als der andere
Die Partie des amtierenden Deutschen Meisters gegen "Deutschlands besten Kaffeehausspieler" fing auch entsprechend an. Schon nach einigen Zügen sah es so aus, als hätte die gute
Xynthia auf dem Feld gewütet.
Arik Braun - Ilja Schneider, SF Berlin - SC Eppingen (11.3.)
1.d4 d5 2.c4 Sc6 (nach einigen unersprießlichen Slavischen Auftritten wandte ich mich diesmal an meine alte Liebe, aber anscheinend hatte diese schon einen Neuen ;-))
3.Sf3 Lg4 4.Da4 Diesen Trash spielte Arik schon zum dritten Mal.
4...dxc4 5.e3 Lxf3 6.gxf3 e5! 7.dxe5 Dd5 8.Sc3 Dxf3 9.Tg1 Dh5! Alles Theorie. Nur nicht 9...0-0-0?? wegen 10.Le2 und Dame weg.
Nun spielte Arik, Wasserglas in einer Hand, Salamibrötchen in der anderen (ein guter Zeitpunkt um das absolut excellente Catering in Trier zu würdigen!), nach kurzem Nachdenken
10.Lxc4?(?).
Das ist nicht nur richtig schlecht, sondern weicht auch noch von Ariks eigener Partie ab, die mit dem normalen 10.Lg2 Se7 11.f4 weiterging, wo Rybka Schwarz bevorzugt, ich mir aber völlig bewusst bin, dass die Sache nicht so einfach sein kann. "Ich fand das am Brett interessant und fragte mich, wie das zu bewerten sei", war die Begründung des jungen Mannes.
In Wirklichkeit hat 10.Lc4? nur eine einzige Idee, und welche das ist, werden wir bald kennenlernen, wenn wir es nicht sogar schon haben. Vergleiche
das hier.
10...Dxh2! 11.Tf1. Nur Betrunkene (wie etwa im Analyseraum in Trier trotz einer wenig fortgeschrittenen Uhrzeit) oder absolute Patzer können 10...Dxh2 ernsthaft kritisieren. Bitte Freunde - ich weiß, dass ich die Partie gespielt habe, wie ein Idiot, aber bevor ihr etwas sagt/schreibt : Guckt doch wenigstens mal genau hin, oder nehmt euren Rybka zur Hilfe! Schwarz nimmt einen vitalen Bauern mit, behält e5 im Auge und jagt den Turm von der offenen g-Linie weg. Der Fehler kommt erst jetzt.
11...Lb4??(???...?(n-1)?(n)) Unglaublich. Ich sah deutlich das ominöse La6-Motiv, war aber sicher, es damit ausgeschaltet zu haben.
11...0-0-0 habe ich überlegt, aber befürchtete am Brett die Deckung des hängenden e5 mittels 12.f4?? Genau so wollte Arik auch fortfahren. Dass es dann nach 12...Le7 keine besonders sinnvollen Wege gibt, das Matt nach 13...Lh4+ zu decken, stellte sich auch erst da heraus. Da Weiß also nicht 12.f4?? ziehen sollte, verliert er nach 11...0-0-0 ohne Kampf den e5 und hat neben zweier Minusbauern nebenbei noch eine zweifelhafte Entwicklung, was nahelegt, dass er sich vom direkten Zusammenbruch nicht weit entfernt befinden sollte.
Wenn schon La6 durchlassen, dann mit Stil! 11...Dxe5!? ging auch noch gut (wenn auch kein Vergleich mit 11...0-0-0!). 12.La6 0-0-0 13.Dxc6 bxa6, und egal, was Weiß zieht, Schwarz behält trotz des schwächelnden Königs zumindest etwas bessere Chancen.
Nicht ganz das war der Fall in der Partie nach
11...Lb4?? 12.La6! (+-) Lxc3+ (es war schon egal, was man spielt) 13.bxc3 Dxe5
Hier war ich absolut sicher, dass Weiß den Einschlag auf c3 mit 14.Lb2/Ld2 decken muss, wonach ich mit 14...Da5! fortsetzen und eine gute Stellung erreichen wollte. Als es aber stattdessen mit
14.Lxb7 einschlug, fielen mir fast die Augen heraus. Ich hatte mir hier bereits irgendwie ein Tempo mehr gegeben und nach
14...Dxc3+ 15.Ke2 wollte ich vorher irgendwie einfach wegrochieren - bloß dass der Springer g8 noch im Wege stand. Statt einfach gleich aufzugeben, saß ich noch eine Weile da, Hände vorm Gesicht und "gönnte" mir noch das recht unnötige
15...Se7 16.Ld2 Dc5 17.Lxa8 0-0 18.Lxc6 Sxc6 19.Th1, bevor mir einleuchtete, dass ich das Buffet wesentlich effizienter leeren kann, wenn ich jetzt doch mal langsam den Widerstand am Brett einstelle, was ich dann auch tat.
Ich glaube, ich verschicke die Schwarzpunkte demnächst einfach per Post, das spart Zeit und Nerven.
Kaffeehausschach - Di, 16. Mrz, 00:55