Samstag, 7. November 2009

Nanu?!

Immer müssen diese "Ich-habe-einen-kilometerlangen-Bericht-getippt-aber-vergessen-ihn-zwischenzuspeichern-und-jetzt-ist-er-weg-"Aktionen nachts um 3 passieren... ;-). Ich lerne einfach nicht dazu. So ein Pech aber auch...

Dafür war ich in meiner Partie heute weniger mit Pech als mit dem Glück gesegnet, den vorletzten Fehler begangen zu haben. Mein Gegner hieß Nanu und entsprechend wunderte er sich sichtbar über sämtliche meine Züge. Ich aber auch die meiste Zeit über seine. So entstand ein superscharfes Trompowsky-Gefecht, welches in seiner Schärfe schon an Coloradische Verhältnisse heranreichte, in dem beide Spieler miteinander in Sachen Fehler und Ungenauigkeiten wetteiferten. Allerdings war die Stellung wirklich sehr schwer korrekt zu handhaben, ohne Computer ist man oftmals recht aufgeschmissen.
Richtig "Nanu?!" machte ich aber in dieser Stellung:

Ilja Schneider (Wulkaprodersdorf) - Ciprian Costica Nanu (Styria Graz), Staatsliga 2009/2010 (1)

Nanu
Nach 24.Lf3-h5? Korrektur: DIe schwarze Dame steht natürlich auf a6, nicht auf a5. Wie dieser Fehler passieren konnte, ist mir total unklar.

Er hat einen Bauern mehr, aber einen hängenden Turm. Statt des sicheren 24...Td8! mit schwarzem Vorteil entschied er sich, dass nichts gegen das Verspeisen des nächsten Bauern mit 24...Txe3?? sprach. Damit landete aber der Turm auf dem Abstellgleis und der andere war mit der Verteidigung der Grundreihe total überfordert, ohne dass die Dame oder der Sh2 irgendwelche Aufgaben erledigten. Nach einem kurzen "Nanu?!" mit folgendem 25.Tg8! machte der rumänische IM noch ein paar sinnlose Züge, hätte aber auch schon hier aufgeben können.


Die volle Partie zum Download gibt es unten. Ich habe versucht, sie zu analysieren, wobei hier die Betonung wirklich auf dem Versuch liegt. Selten eine der Analyse so schwer zugängliche Partie produziert... "Unklar"-Zeichen säumen das Bild. Wobei sich niemand gehindert fühlen sollte, bei vorhandenem Interesse tiefer in die jeweilige Materie einzusteigen, als ich es mit meinen "unklar" getan habe... viel Spaß! Ich will jetzt jedenfalls schlafen. Da ich nicht denke, dass ich es im Laufe des morgigen Vormittags schaffen werde, einen allgemeinen Flashmob zum Boykott gegen die Nullkarenz-Regel (unter den Spielern etwa so beliebt, wie Fußpilz) zu organisieren, bei dem dann folgerichtig alle 72 Akteure im Raum genullt werden müssten, werde ich wohl oder übel eine schwere Schwarzpartie gegen GM Philipp Schlosser (Jenbach) austragen müssen. Wenn ich da nicht ausgeruht bin, heit es schnell: gute Nacht!

Nanu (cbv, 6 KB)
Nanu1 (pgn, 6 KB)

Freitag, 6. November 2009

Ab heute Österreich gucken!

Gleich geht es für mich aus München nach Jenbach zu meinem ersten Engagement in der Österreichischen Staatsliga. Mein Verein heißt ASVÖ Wulkaprodersdorf. Am Wochenende stehen drei Begegnungen an, wobei die Liveübertragung aus unserem Nachbarland traditionell eigentlich immer sehr gut funktioniert. Von daher einfach mal vorbeischauen!
Vor Ort, wie einfach mal von Stefan Löffler vollmundig versprochen, weitere Berichte, natürlich wie immer bedingt durch angemessenen WLAN-Empfang.

Bis dann!

P.S. Auf Colorado werde ich aber zum Einstand vermutlich leider verzichten müssen. Dafür sind mir die Ösis zu konservativ ;-)

Donnerstag, 5. November 2009

Was Heiteres (XIII), Guten-Morgen-Kuss

Morgens kurz nach 6 klingelt das Telefon. Ich, leicht desorientiert: "Ja? Schneider! Hallooo?" Am anderen Ende eine zögerliche, junge, nicht unsympathische Frauenstimme: "Tut mir leid,.. ich bin da wohl dagegengekommen!"
Ich so: "Alles klar, Süße! Schlaf gut!" und aufgelegt.

Bis mir dann (anhand der Anrufliste) aufging, dass es nicht "Süße" war, sondern das Mädel, wo ich gestern wegen einem WG-Zimmer angerufen hatte. Ob das klappt?

Mittwoch, 4. November 2009

Eine überaus trendy Partie

Dass es dieses Jahr in Deizisau durchaus nicht nur glatt lief, soll meine folgende Partie aus der dritten Runde gegen den jungen Paul Bogenschütze bezeugen. Ich möchte gerne demonstrieren, wie wichtig es ist, genaustens auf Trends und Schlüsselmomente zu achten, und dass so ein negativer Trend, erstmal Fahrt aufgenommen, so stark und intensiv sein kann, dass er sich gerne mal über eine 400 ELO-Punkte-Differenz hinwegsetzen kann. Trotz der oberflächlichen Einfachheit ist dies eine Partie, aus der ich sehr viel gelernt habe.

Schneider,Ilja (2500) - Bogenschuetze,Paul (2067) [A45]
Deizisau op 4th (3), 30.10.2009

1.d4 Sf6 2.Lg5 d5 Weiß hat eine extravagante Eröffnung gespielt und Schwarz darauf klassisch gekontert und ausgeglichen. Das kann man bereits an dieser Stelle so sagen. Mit seinem nächsten, ziemlich unbedachten Zug leitet Paul allerdings einen furchtbaren Trend gegen sich ein. 3.e3 h6? Dieser Zug kam sehr schnell. Mein Gegner begründete ihn in der Analyse in etwa mit: " Ich war mir nicht so sicher und wollte erst einmal die Verhältnisse klären." Das hat er zwar geschafft, aber er spielt von nun an die normale Variante mit einem glatten Minustempo weiter. Zusammen mit der einhergehenden Schwächung des Feldes g6 (wird später wichtig!) kann man durchaus sagen, dass Schwarz statt 3...h6? lieber einfach "gecheckt", also ausgesetzt hätte. 4.Lxf6 exf6 5.g3 c6 6.Lg2 Sd7 7.Se2 f5 8.Sd2 Sf6 9.0–0 Le7?! Bisher hat er alles "linientreu" aufgebaut, aber der L gehört in dieser Variante auf die Diagonale b8-h2. Dort verhindert er das Erscheinen eines Springers auf f4, so dass sein anderer Läufer auf e6 Stabilität genießt. [9...Ld6 10.c4 dxc4 11.Sxc4 Lc7 12.Dc2 Le6 und der Kampf steht noch bevor.] 10.c4 dxc4 11.Sxc4

Bogen1

11...Le6
[Rybka findet an 11...g5!? zumindest oberflächlich nichts falsch. Damit könnte man immerhin versuchen, 3...h6 zu rechtfertigen.] 12.Dc2 0–0 13.Sf4 Hier fühlte ich mich total wohl. 13...Sd5? Das erzeugt deutlich zu viele Schwächen. Besser wäre hier [13...Lxc4 14.Dxc4 Ld6 15.Sd3 aber Weiß hat hier auf jeden Fall einen mittelgroßen Vorteil, da er einzige der beiden Spielpartner ist, der über einen sinnvollen Plan verfügt, nämlich einen Minoritätsangriff am Damenflügel.] 14.Sxe6 fxe6 Schwarz hat nun eine Menge weicher weißer Felder in seinem Lager - in allen Hinsichten eine Folge seines nachlässigen dritten Zuges.

Bogen2

15.Tac1
[15.e4! So ein dynamischer Zugang wird in Partien gegen deutlich wertungsschwächere Spieler oftmals vermieden - warum sich auch unnötigen Risiken aussetzen, wenn es auch "so" geht? Diese Denkweise ist für die Kreativität eines Spielers ganz schön gefährlich. Man sucht einfach nicht nach objektiv den besten Zügen, dabei kommen Momente, wo eine solche "scharfe" Lösung absolut vonnöten ist, weitaus häufiger vor, als man es gern hätte. Diese Partie bildet dabei keine Ausnahme. 15.e4! hat hier den Vorteil, das es dem Gegner keine Atempause gönnt. 15...fxe4 16.Dxe4 Weiß visiert schnell alle Schwächen an, der e6 wird fallen, der schwarze König friert. Noch ein Fehler und Schwarz wird gnadenlos überfahren.] 15...Lf6 Durch den Druck auf d4 und die Räumung der e-Linie ist jetzt an einen e4-Break nicht mehr sinnvoll zu denken. Also langsam voran. 16.a3 Kh8 [16...a5 17.e4! Keine Regel ohne Ausnahme! Hier kann der Springer nicht nach b4 und Weiß darf sich den Vorstoß doch leisten.] 17.b4 Sb6 18.Sa5 De7 [18...Tf7 ist etwas ökonomischer, natürlich hat Weiß auch dann großen Vorteil.] 19.Dc5! Tf7

Bogen3

Das ist der Schlüsselpunkt der Partie. Der Trend nach 3...h6 hat sich sehr vorteilhaft für mich entwickelt und auch, wenn die Chance 15.e4! ausgelassen worden ist, gingen mir die bisherigen Züge leicht von der Hand. Mein Gegner war die ganze Zeit mit seiner Entwicklung und dem Parieren meiner Drohungen beschäftigt, machte einige Fehler und konnte bisher überhaupt kein eigenes Spiel aufbauen. Weiß hat klaren Vorteil. Aber an diesem Punkt tritt ein Bruch ein. Um weiterzukommen, ist an dieser Stelle ein mittelintensives Nachdenken, gefolgt von einem Springereinschlag auf b7 nötig. Das ist fast keine Frage von Geschmack oder Stil, es MUSS einfach sein. Ich war dazu aber aus unerklärlichen Gründen nicht bereit, setzte im Stile von 15.Tac1?! fort und leitete damit einen Trend ein, der mir um ein Haar die Partie und das Turnier gekostet hätte.

20.Tc2?

[20.b5!? war eine "milde", aber auch noch ertragreiche Lösung: 20...cxb5 21.Sxb7 Tc8 22.Dxe7 Lxe7 23.Txc8+ Sxc8 24.Tc1 Sb6 25.Sc5 mit einem gigantischen Endspielvorteil - da fällt ja fast schon was raus.;

20.Dxe7 Txe7 21.Sxb7! Aber diese Zugfolge ist diejenige, die an meiner Stelle JEDER Großmeister gewählt hätte. Guckt euch die Stellung nach etwa 21...Txb7 22.Lxc6 Tab8 23.Lxb7 Txb7 24.Kg2+- an - sie ist für Weiß nicht nur besser, sondern ich bin überzeugt, dass sie sich zu einem Gewinn ausanalysieren lässt. Und im Prinzip wusste ich das ja während der Partie auch. Das ist ja gerade das Schlimme. Ich war zu faul, es wirklich zu tun, einfach in der Hoffnung, "die Partie werde einfach so weitergehen wie bisher, und der Punkt wird schon automatisch zu mir kommen." Weit gefehlt!]

Bogen9

20...e5 (?) Mein Gegner spielte das energisch, mit einem erleichterten Gesichtsausdruck. Dabei ist dieser Vorstoß an sich ein grober Fehler. Doch ich konnte das nicht mehr ausnutzen - ich ärgerte mich bereits, im Zug vorher nicht zugehauen zu haben, und jetzt das befreiende 20...e5 zugelassen zu haben. Die Trendwende war gelaufen. 21.Dxe7? [21.Sxb7! war jetzt nochmal stärker als zuvor - jetzt hängt auch noch der e5. 21...Dxb7 22.Lxc6 Db8 23.Lxa8 Sxa8 Was sonst? (23...Dxa8 24.dxe5) 24.Dc8+ Tf8 25.Dxb8 Txb8 26.dxe5 Lxe5 27.Tfc1 Sb6 28.Tc5 Lb2 29.Tb1! Lf6 30.Txf5+-] 21...Txe7 22.dxe5 Lxe5 23.Td1?! Die Kontrolle über die Partie geht mir verloren. [23.b5 Wäre noch einmal ein Versuch, etwas auf direktem Wege zu erzielen, aber nachdem ich die Stellung nach 23...cxb5 24.Lxb7 Tb8 25.Lg2 a6!± (ohne Angst vor 26.Sc6 Tc7!) sah, ärgerte ich mich, wie wenig es ist, mit dem Vergleich zu dem, was ich hätte nur vor wenigen Zügen haben können.] 23...Tf8! Wieder schnell gespielt. Der Turm ist in Sicherheit, der f5 gedeckt. Opfer auf c6 und b7 kann ich vergessen. Vergleicht das bitte mit der Stellung nach 19.Dc5 Tf7 - das ist nur 4 Züge her!
24.Tc5 Ein Trick, b7 hängt. 24...Sa4

Bogen4

Auch das kam sofort. Weiß hat jetzt zwei interessante Quallenopfer zur Hand, die auch beide ansprechend aussehen, aber im Endeffekt einfach nichts bringen. Wie sich herausstellte, hat mein Gegner sie auch gar nicht gesehen. Was manchmal auch ein Vorteil sein kann... 25.Tc2 Ein trauriger Rückzug, aber ich konnte mich einfach nicht entschließen, sofort zu opfern:

[25.Sxb7 Sxc5 26.Sxc5 Tf6 ist Ausgleich, und wenn ich es jetzt darauf anlege, den c6 zu gewinnen, dann kommt 27.Td7? Txd7 28.Sxd7 Te6 29.Sxe5 Txe5 30.Lxc6 Te6! und es heißt willkommen beim Kampf ums Remis!;

25.Txe5! ist da schon besser, aber nach 25...Txe5 26.Sxb7 c5! 27.bxc5 Sxc5 28.f4! Txe3 29.Sxc5 Txa3 habe ich so Zweifel an meinen technischen Fertigkeiten, diese Stellung gewinnen zu können (insofern das überhaupt möglich ist!)]

25...Sb6 Hier war ich frustriert, dachte noch kurz nach und verstand, dass ich würde doch opfern müssen, um irgendwie weiterzukommen. Aber dann beschloss ich, vorher noch am Königsflügel die Lage zu "verbessern" und zog 3 Sekunden später das unglaublich schlechte 26.h4? g5! 27.hxg5 hxg5= Was habe ich nur getan? Nur die schwarze Minderheit aufgewertet. Jetzt ist klar ersichtlich, dass sämtliche Qualitätsopfer zum Scheitern verurteilt sind - Schwarz hat zuviel (Gegen)spiel. Achja: es droht f4. Ahnt ihr, welche Farbe ich jetzt gern lieber hätte? 28.Lf3 Stellt sich, so gut es geht, auf f4 ein. 28...Kg7 29.Kg2 g4!? Dieser Zug ist einerseits die Ursache seiner künftigen Schwierigkeiten, aber andrerseits einfach sehr gut und geht mit dem riesigen Trend einher, auf dem Schwarz seit etwa 8–10 Zügen segelt. Hätte ich auch gezogen. 30.Le2 Th8

Bogen5

Paul fragte mich nachher, was ich gemacht hätte, hätte er mir hier Remis geboten. Ich wollte ihn nicht anlügen, und umging die Frage, auf die ich bis jetzt keine Antwort weiß. 31.Tcd2 [31.Th1= & shake-hands.] 31...Sd5! Aua! Der Springer will nach c3 und der Break b5 geht nicht wegen Lc3. Und mein Läufer will von e2 raus, weil er bald meinem König im Weg stehen wird. Ein Haufen Probleme. Ich wurde richtig nervös. 32.Lc4 Sf6 33.Sb3 [Zuerst wollte ich mich mittels 33.Td8 Txd8 34.Txd8 entlasten, aber dann bemerkte ich 34...Lc7 35.Ta8 Lxa5 36.bxa5 a6 und wollte mir nicht auch noch diese Quälerei antun.] 33...Kg6 34.Td8

Bogen6

Das ist die beste Stellung für Schwarz in dieser Partie. Der Trend, der mit 20.Tc2? seinen Anfang nahm, hat hier seinen Höhepunkt erreicht und unterwegs eine Differenz von knappen 450 ELO-Punkten völlig annihiliert. Nun ist aber Schwarz einen Moment lang unachtsam - vielleicht weil die besten Züge hier nicht direkt auf der Hand liegen. 34...Teh7?! Folgt dem Trend - Verdoppeln in der h-Linie. Aber einen der Türme tausche ich ja gleich wieder ab! [34...Th3! wäre die exakteste Lösung. 35.Sc5 (35.Th1?? Teh7! und Weiß kann im Prinzip aufgeben.) 35...Teh7 36.Sd7! Immerhin habe ich das gesehen! 36...Sxd7 (36...Th2+ bringt am Ende nichts ein.) 37.T1xd7 Txd7 38.Txd7 Th7 39.Txh7 Kxh7= und er hätte es einfach geschafft.; 34...Txd8 35.Txd8 Lb2 36.a4 Lc3 37.b5 Tc7= ist zwar auch total remis, aber warum sollte Schwarz nicht auch mal versuchen dürfen, seine Mehrheit am Damenflügel in Gang zu bringen?]
35.Txh8 Txh8 Wir haben immer noch toten Ausgleich. Aber - unglaublich! - ich darf in dieser Partie noch einmal eine Drohung aufstellen! 36.Sa5 Th7 37.Le6 und noch eine! Der Läufer will nach c8. 37...Tc7?? [37...Se4! mit (unter anderem) der Idee Sd6 garantierte dem b7 für immer Sicherheit.] Mein Gegner dachte hier immer noch, er hätte alles unter Kontrolle - bis er meinen nächsten Zug sah. 38.Sc4!

Bogen7

Plötzlich hat der Läufer keine Felder mehr... 38...Lc3 39.Sd6 ... und dann geht der f5 verloren. Erinnert ihr euch an 29...g4!? 39...c5 Verzweiflung. [39...Kg5 40.Td3] 40.b5?! Nein, mein bester Tag war das wirklich nicht. [40.Lxf5+ Kg5 41.bxc5 Txc5 42.e4! mit Mattdrohung machte sofort die Lichter aus.] 40...Lb2 [40...Le5 41.Lxf5+ Kg5 42.Lc2 c4 erlaubte sogar noch Kampf.] 41.Lxf5+ Kg5 Ich wusste, dass meine Stellung sehr gut war, aber noch nicht gewonnen. Mein Gegner war allerdings vom Schock noch total angeschlagen. Ich beschloss eine Falle mit guter Erfolgschance zu stellen um die Partie schnell zu beenden. 42.Lc2!? Lxa3?? Er dachte hier aber fast nicht mehr nach - man spürte, er hat sich irgendwie bereits mit der Niederlage abgefunden. [42...c4 43.a4 Le5 44.Kf1± mit eben immer noch gewissen Schwierigkeiten.]

Bogen8

43.b6! Gewinnt einen Stein. 1–0

Bogenschuetze (cbv, 9 KB)
Bogenschuetze1 (pgn, 11 KB)

Dienstag, 3. November 2009

Auszeit

Für die nächste Stunde ist alles auf dieser Welt komplett egal und nebensächlich.

Die 4. Staffel von Stromberg, der besten Comedy-Serie der Welt startet auf Pro 7! Wer das verpasst, ist selber schuld!

Open-Dramaturgie

Der erste Platz schien eigentlich schon unerreichbar weg, doch das Schweizer System treibt ja bekanntlicherweise oftmals seltsame Blüten. So war zu meiner großen Freude die sechste Runde derart günstig verlaufen, dass ich mich schon mal vom 7. auf den 2. Platz verbessern konnte. Es endeten einfach alle Spitzenbegegnungnen so, wie ich es mir vorher gewünscht hatte - was will man mehr? Jetzt musste ich ja nur noch den führenden Raoul Strohhäker überholen, der - mit einem Remis gestartet, das ihm sein Gegner wohl in Gewinnstellung angeboten hatte - sich mit fünf Siegen am Stück (der letzte gegen GM Schmittdiel, der seinen Vorteil im Gewinnstreben total überzogen hatte) an die alleinige Tabellenspitze gesetzt hatte.

Leider haben aber diesmal Teskes Thesen dahingehend versagt, dass ich als Setzlistenerster irgendwo unterwegs einen Farbwechsel erleiden musste und so für die letzte Runde die wichtige weiße Farbe verlor. Selber schuld aber auch, wenn man früh Remis macht und sich hochlosen lässt, da passiert sowas schon mal!... Also hieß es schön mit Schwarz auf Sieg spielen, denn das Zweitrundenremis erlaubte es mir auch nicht wirklich, mich auf irgendein Buchholz - Geweihmessen einzulassen.

Gemäß Umumbas Aussage

Umumba (Gast) - So, 1. Nov, 17:30
Bekanntlich ist Colorado heutzutage eigentlich die einzige Eröffnung, wenn man mit Schwarz in der letzten Runde auf Gewinn spielen will. :-)


entschloss ich mich also mal wieder, es in einer Turnierpartie zu versuchen. Dabei kam ein echter Zuschauermagnet heraus, den ich wegen der Fülle und Komplexität der möglichen Varianten
nicht sinnvoll komplett hier im Blog darstellen kann. Natürlich gibt es eine sehr ausführlich kommentierte Fassung als Download. Hier nur einige Schlüsselmomente:

Raoul Strohhäker - Ilja Schneider
In 4-5 Zügen brennt das Brett!

Stroh1

10.d3 oder 10.d4 ? Raoul entschied sich nach langem Nachdenken für Letzteres, nach 10.d3 wäre eventuell 10...Tg6 11.Df4 Lh3!?!? möglich. Kinder, nicht zuhause nachmachen!


Stroh2

Hier gab es so viele schöne Züge, wie 14...Lxc2, 14...Th8 oder das von mir unterschätzte aber typische 14...e5! Ich habe es echt geschafft, den einzigen Zug zu wählen, der wirklich nicht gut ist: 14...Sb4?

Es folgte 15.0-0-0 Sxc2? 16.g4 Le4?

Stroh3

und nun hätte Raoul mich mittels 17.Lb5! +- wegschießen können. Es kam aber zu meiner großen Erleichterung 17.Sxe4?


EInige Züge später dachte ich dann, ein Figur gewonnen zu haben, aber fiel nach

Stroh4

22.Ld3! glatt vom Stuhl. Das Mehrmaterial lässt sich, bei zwei passiven weißen Türmen nicht behaupten. Zum Glück hatte ich gerade noch 22...Td6 als Rettung zur Hand.


Raoul machte im entstandenen scharfen Endspiel dann zum Glück den letzten Fehler, indem er mit

Stroh5

27.dxe5?? eine schlagartige Aktivierung meines Läufers zuließ. Nun ist der weiße König gegen die feindliche Übermacht allein auf sich gestellt (während die weißen Türme den Bauern f3 vernichten!) und wird in den nächsten Zügen nach 27...Lxe5 28.h4 Tc6+! 29.Kd1 Td6+ 30.Kc1 Se4! 31.Txf3 Td2 usw. mattgesetzt.


Die ganze, ausführlich kommentierte Partie, ein Muss für alle Colorado-Liebhaber gibt es hier:

Strohhaeker-Schneider (cbv, 8 KB)
Strohhaeker-Schneider1 (pgn, 10 KB)

Die Turniertabellen

Bilder vom Herbstopen


Am Ende möchte ich mich noch bei Raoul bedanken, der genauso seinen Teil dazu beigetragen hat, dass eine solche spannende Partie überhaupt entstehen konnte, und der diese am Ende enttäuschende Niederlage nach außen hin so locker hinnahm, wie ich es vermutlich nicht gekonnt hätte.

Samstag, 31. Oktober 2009

Internet!

Ich habe jetzt doch eine zuverlässige Internetquelle entdeckt. Warum denn nicht schon früher?! Man muss sich einfach mal einen Schritt in den Hotelflur wagen, da ist der Empfang deutlich besser ;-)

P1927_31-10-09

Morgen geht es um die Wurst

5 Runde sind in Deizisau absolviert. Dabei notiere ich mittlerweile bei meiner Form gut entsprechenden 4 Punkten. Die Partien sprechen beide für sich und wurden ja auch schon bei den Comments leicht ankommentiert ;-) Diagrammupload ist leider nicht möglich, bedingt durch das Sch... WLAN.
Nix Halbes und nix Ganzes also. Allerdings ist vermutlich bis auf den 1 Platz, der unerreichbar weg scheint, noch mehr oder weniger alles drin. Ich müsste nur die auch heute omnipräsente Lethargie ablegen und einfach mal 2 Partien am Stück gewinnen.

Für den zoologischen Akpekt sorgte heute übrigens die Partie Taras-Kabisch aus der 4 Runde. Weiß überschritt in einem hoffnungslosen Bauernendspiel, in dem der schwarze Bauer unmittelbar vor der Umwandlung stand die Zeit, woraufhin Kabisch reklamierte. Der Gegner , wie sich herausstellte, ging davon aus, nach dem 40 Zug noch eine halbe Stunde Zeit zu erhalten und protestierte gegen die Anzeige 0.00 vehement. Da trotz mehrfacher Rufe kein Schiri in die Nähe kam und sich des Falles annahm, weigerte sich Weiß aufzugeben und Schwarz war es auch egal. So spielten die beiden unter Aufschreiben und Betätigen der Uhr einfach noch eine Weile weiter, bis das Matt unmittelbar in der Tür stand.

So, und jetzt brauche ich morgen ganz ganz viele gedrückte Daumen und das einmal vor- und einmal nachmittags. Morgen Nacht aus Bad Herrenalb dann das Ergebnis, für die die etwa die Liveübertragung verpasst haben werden.

Schönen Abend noch aus Deizisau!

Freitag, 30. Oktober 2009

Update aus Deizisau

Schönen Abend an die Leser vom Herbstopen aus Deizisau. Die W-LAN-Verbindung in die ich mich gerade im Hotel halblegal eingehackt habe, droht jeden Moment einzubrechen, von daher das Wichtigste in Kürze:

Ilja hat 2,5/3 (die ersten 2 Partien wurden sogar live übertragen auf www.herbstopen.de), danach hatte ich mich mit einem Remis gegen den stark verteidigenden Vadim Reimche von der Bühne auch schon verabschiedet. Wie so oft in solchen Fällen hat der Held des Vormittags damit auch schon die Tagesration an Energie verbraucht, was dahingehend resultierte, dass Reimche anschließend gegen Raoul Strohhäker eine vermutlich leicht bessere Stellung aufgab. Wer mich etwas näher kennt, der weiß, dass mich dieser Anblick gewiss ein wenig getiltet hat (und das nicht etwa wegen des Buchholtzpunktverlustes - wenn ich so weiterspiele wie bisher (ich vermute ich stand gerade sehr schlecht... muss ich aber noch prüfen) wird ein Preis eh eher kein Thema sein - sondern einfach aus Prinzip. In wen investiert man da bitte seine Punkte?!

Naja, morgen versuche ich es mal ausführlicher- ich hoffe mal Sven Noppes lässt mich an einen der PCs.

Nochmal viele Grüße aus Deizisau!

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Sutovsky - Svidler

Auf Nachfrage zu meinem letzten Beitrag die von mir bisher in der Tat übersehene und in der Tat durchaus hübsche Partie Svidler - Sutovsky aus dem Match Israel - Russland. Auf den ersten Blick lange Zeit ein scharfer Kampf, mit dem glücklicheren Ende für Peter Svidler, aber wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass die Partie vermutlich zu großem Teil Frucht der russischen Vorbereitungsarbeit war. Die Neuerung ...Lxc5! kam im 17.Zug und Sutovsky, der offensichtlich nicht den besten Tag erwischt hatte, beging in den Zügen 19, 20 und 21 drei Fehler steigender Gewichtung, was schnell zu einer Katastrophe führte. Die Partie, besonders die Neuerung und das blutige Ende sind zwar in gewissem Sinne schön, aber in Wirklichkeit scheint mir, Weiß hat sich einfach nicht wirklich gewehrt.

Sutovsky,Emil - Svidler,Peter
17.ETCC 2009 Novi Sad, Serbia (5.2), 26.10.2009


Svi

15...Sd5 Diese scharfe Caro-Kann-Variante stellt den recht seltenen Fall dar, dass beide Parteien auf einen Königsangriff am gleichen Flügel aus sind. Schwarz hat zwar mittlerweile das Rochaderecht eingebüßt, aber dafür musste sich die weiße Dame an den Brettrand verkriechen und die Schwächung der langen Diagonale mit g3 steht an. In einigen Fällen stürmt Schwarz hier sogar mit seinen Königsflügelbauern los und bedrängt die Dame. Ohne jede Erfahrung bin ich hier gern Schwarz. 16.g3 c5 17.dxc5 Lxc5! Eine konzeptionell interessante Neuerung statt der beiden vorher praktizierten Zurückschlagungsarten. Schwarz überlässt dem weißen Springer das Angriffsfeld e5, allerdings nicht ohne Preis - der Bauer f2 ist gefesselt und für Weiß steigt die Wahrscheinlichkeit, mattgesetzt zu werden. Der schwarze Springer geht freiwillg nach f6 zurück, um selbst ein paar Felder zu decken und die lange Diagonale a8-h1 zu räumen. 18.Se5 Sf6 19.Tae1?! Mindestens ungenau. Sutovsky, dem gerade ein Vorpostenspringer auf e5 zugestanden wurde, will sich weiter im Angriffsstile aufbauen, unterschätzt aber die Bedeutung der nun offenen d-Linie. Ab hier kann von einem weißen Vorteil keinerlei Rede mehr sein. [19.Tad1 ist nicht so sehr auf ein Opfer auf e6/f7 aus, sondern hält sich offen, mittels Ld3-e2-f3 den Druck abzubauen. Wer weiß, vielleicht bliebe nach einer solchen Operation im Erfolgsfalle noch ein kleines Stückchen weißer Vorteil haften?] 19...Td8

Svi1

Weiß ist voll mobilisiert, aber wie die Stellung verstärken? Schwer. Nützliche Bauernzüge sind keinerlei in Sicht. Das beste wäre Dh4, womit die Dame langsam wieder aus dem Versteck kriecht und den Druck auf den Sf6 verstärkt. Sutovsky muss bei seinem impulsiven Zug etwas Böses übersehen haben. 20.Lg6? [20.Dh4! um nach dem unzweideutigen 20...La8?! 21.Td1 Db7? 22.Le4 den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, ist besser. Man beachte die Dame auf h4.] Nun will Weiß direkt auf f7 ein Massaker anrichten, aber Svidler bleibt total cool. Ich würde gerne wissen, wie lange er an dieser Stelle nachgedacht hat.
20...La8! und das Nehmen auf f7 verliert nach 21...Db7 einfach auf der Stelle. Statt des noch rettenden 21.Td1 verfällt Sutovsky in Panik: 21.Lh5?? Gibt mir nichts, dir nichts den wichtigsten Verteidiger ab und beschwört ein Blutbad auf g2 oder h1 herauf. [21.Td1 Txd1 (21...Ke7 22.Lh5 Txd1 23.Lxd1 Td8 24.Lf3 Ld6 25.Lxa8 Lxe5 26.Lxe5 Dxe5 27.Dg2 Kf8 ist sicherer und auch sehr gut für Schwarz.) 22.Txd1 Db7 23.Td8+ (23.Kf1 fxg6!–+) 23...Ke7 24.Txa8 Txa8 25.Lxf7 Dd5 mit schwarzem Vorteil aber noch gewisser Hoffnung.] 21...Sxh5 22.Dxh5 Db7 23.Te4

Svi2

23...Kg8! Nun will er einfach den e4 nehmen. 24.Tfe1 Td2 Wie in einer Blitzpartie. 25.Sd3 f5 Weiß ist total gelähmt. [25...Txd3! Die Beseitigung dieses Verteidigers führte noch stringenter zum Sieg. 26.De5 (26.cxd3 f5) 26...Ld4! 27.Lxd4 Txd4 28.Dxd4 f5–+] 26.Sf4 fxe4 27.De8+ Lf8 28.Sg6 [28.La3 e3 29.f3 Td8! lenkt die weiße Dame von e6 ab. 30.Dxd8 Dxf3 und so weiter.]

Svi3

28...e3 29.Dxf8+ Kh7 30.Dxh8+ Kxg6 31.f3 Tg2+ 32.Kh1

Svi4

32...Te2! [32...Dxf3 33.Dxg7+ Kh5 gewann auch.. irgendwann kommt das tödliche Abzugsschach.] 33.Tf1 Dxf3+! 0–1

Selektive Sicht eines Zehn-Finger-Faultiers auf die Mannschafts-EM in Novi Sad (vom Eukalyptusbaum)

Wie dem Leser mit Sicherheit aufgefallen ist, mache ich gerade eine Abstinenzperiode durch, in freudiger Erwartung der Koalas, Känguruhs und Waschbären, die ich in Deizisau treffen werde. Natürlich schaue ich mir in der Zwischenzeit das muntere Treiben der Mannschafts-EM in Novi Sad (Serbien) an und mache mir so meine Gedanken.

Sagen, dass ich mich gut als Prophet eigne seit dieser Zoo existiert, kann ich wahrhaftig nicht. Proklamierte ich Robert Rabiega und Vasily Yemelin beim Berliner GM-Turnier zu den Favoriten - beide spielten (für ihre Verhältnisse) desaströs. Lautete bei den SCHACH-Fragen meine am meisten überbewertete Persönlichkeit Hikaru Nakamura - er stampft beim Elite-Turnier in San Sebastian alle in den Erdboden und holt sich in Mainz gegen Aronian die 960-Krone, bekunde ich im nächsten Satz eine mangelnde Huldigung der Leistungen Karpovs - er wird in San Sebastian abgeschlagen Letzter, sein Auftritt in Zürich wird auch nicht wesentlich erfolgreicher und sein Ergebnis im Revival-Match gegen Kasparov - najaa..

Und jetzt wird es fast schon unweigerlich so sein, dass der "überflüssigste 2700er" Gashimov und der "Sympathiebolzen" Mamedjarov im Alleingang die diesjährige Mannschafts-EM für sich gewinnen werden. Beide notieren im Moment bei 4,5/6 und einer 2800+ - Performance und sind die tragenden Säulen einer Azeri-Truppe, die dieses Jahr weder den schwächelnden Armeniern, noch von den (in Teamwettbewerben häufig unter Wert spielenden Russen), noch etwa von den durch Gelfands Abwesenheit stark dezimierten Israelis aufgehalten werden kann.
Am morgigen Mittwoch findet die (nicht nur schachlich) brisante Spitzenbegegnung Azerbaidschan-Armenien statt, die letzte Chance, dieser Turnier noch einmal spannend zu machen.

Mir stellt sich immer wieder die Frage: Wie machen die Jungs das? Auch wenn ich schon längst die Hoffnung aufgegeben habe, es jemals nachmachen zu können, so will ich es doch wenigstens nachvollziehen. Betrachten wir folgende Partie, wobei ich jedes Detail vermeiden möchte, sondern nur das selektiv aufzeigen, worauf es mir eigentlich ankommt:

Mamedyarov,Shakhriyar - Postny,Evgeny [D31]
17.ETCC 2009 Novi Sad, Serbia (4.1), 25.10.2009

1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sc3 Sf6 4.Sf3 dxc4 5.a4 e6 Eine noch aus Aljechin-Zeiten bekannte Fortsetzung, die in letzterer Zeit wieder etwas mehr in Mode kommt. Einer meiner Berliner Mannschaftskollegen rief nach einer einstündigen Beschäftigung mit diesem Abspiel gar etwas wie "Damengambit ist widerlegt!". Natürlich ist die Sache nicht so einfach, zum Beispiel gewann hier bei der letzten Deutschen Meisterschaft Arik Braun gegen Daniel Fridman mit Weiß eine nette Kurzpartie. Schwarz verzichtet auf eine Entwicklung des weißfeldrigen Läufers vor die Bauernkette und strebt eine schnelle Rochade und Druck gegen das weiße Zentrum vor. 6.e4 Lb4

Mamed1

7.Lxc4?!
Aber das ist sehr selten und wurde nur einmal in einer Großmeisterpartie plus von Anand gegen Rublevsky im Blitzen angewandt. Weiß schert sich nicht um den angegriffenen Zentrumsbauern und treibt einfach seine Entwicklung voran. Wie die Meister der alten Zeiten! Nur dass diese immer im Punkt f7 ein dankbares Angriffsziel hatten. Schauen wir auf die Stellung nach 7...Sxe4 8.0–0 Sf6 9.De2 0–0 10.Td1 Sbd7 11.Td3?! Dc7

Mamed2

Man möge mich eines Besseren belehren, aber ich habe keinerlei Zweifel, dass die weiße Kompensation an dieser Stelle objektiv ungenügend ist. Außer des alltäglichen Läuferproblems hat Schwarz keine Schwächen, eine ordentliche Entwicklung und festen Halt im Zentrum. Aber solche Überlegungen interessieren Zocker wie Mamedjarov wenig. Sein Ziel war es, den Gegner aus der Vorbereitung zu holen - geschafft. Ihn zu verunsichern und Zeit auf der Uhr zu gewinnen - vermutlich auch. Dass Mamedjarov, hier ein großartiges Angriffskonzept aus der Taufe gehoben hat, glaube ich nicht. Allerdings schafft er es, den Gegner reihenweise zu überspielen und die Partie zu gewinnen. Ein kulturell wertvoller oder wissenschaftlicher Zugang zum Schach ist das nicht, aber im Moment durchläuft leider das Schach in meinen Begriffen eine Phase, in der sich die klassischen, edlen, "ausgebildeten" Spieler nicht gegen solche pragmatischen, schachlich geradezu "vandalistischen" Attacken erfolgreich zur Wehr setzen können. Ich warte seit Jahren auf den Tag, wo sich dieser Verhältnisse wieder ändern und wo ein Gelfand nicht in 20 Zügen gegen Gashimov wegfliegt oder ein Adams mit Weiß wieder die Eröffnung gegen Radjabov übersteht. Ich befürchte aber vielleicht, sie kommen gar nicht mehr wieder. 12.Se5 Ld6 13.Lf4 Sd5 14.Lg3 S7f6 15.Tf3 Sh5 16.Txf7 Txf7 17.Dxh5 Tf5 18.Dg4 Ld7 19.Ld3 Lxe5 20.dxe5 Sxc3 21.bxc3 Tf7 22.h4

Mamed

Es hat sich mittlerweile viel getan, aber für mich steht (schwacher Läufer hin oder her) ein gewisser schwarzer Vorteil immer noch nicht in Frage. Nun fing es für Postny beginnend mit 22...c5?! doch mal langsam an, bergab zu gehen, aber das ist hier nicht so wichtig. Ich wollte nur zeigen, dass es im Moment im Schach so ist, dass sich "Dreistigkeit" durchsetzt. Weiß gewann später durch einen Mattangriff.

Schachlich für mich nicht wirklich beeindruckend, aber ich wundere mich und finde es schade oder gar enttäuschend, wie ein so guter Spieler wie Postny einfach nicht mit einer solchen Lage umgehen konnte.

Seit langer Zeit bemerke ich einen teilweise schleichenden, teilweise abrupten Niedergang von Spielern, die einfach glänzende Originale einer "guten alten" Zeit sind, in der ich Schach gelernt habe. Mickey Adams zum Beispiel, für viele ein Elite-Langweiler schlechthin, ist oder zumindest war eindeutig einer meiner Idole. Warum? Einfach wegen seiner kultiviert minimalistischen Einstellung zum Schach. Er hat ein sehr enges Eröffnungsrepertoire, ist kein großer Arbeiter, aber ein sehr sicherer Spieler und ein guter Techniker. Mit Schwarz hielt er sich in der Weltspitze sehr solide, mit Weiß gewann er ab und an mal eine Partie und war ein unauffälliger, bescheidener +1/+2 Bewohner sämtlicher Topturniere. Was er machte, machte er ohne viel Aufsehen zu erregen, aber immer auf die gleiche Weise. Das ist das was man Stil nennt. Eine Eigenschaft, die (leider) immer weniger der farblosen 2700-Eindringlinge mitbringen. Dafür mochte ich Adams und mag ihn auch jetzt noch.

Doch irgendwas hat sich seitdem getan. Die 2730 des Briten sind längst unter die magische 2700-er Grenze abgewirtschaftet, es fehlt die Energie und die Spritzigkeit von damals, der Mann ist durchschaubar und ist auch mit Weiß vor Eröffnungsniederlagen nicht gefeit. Ich wüsste mal gerne, was Adams selbst zu der folgenden Partie sagen würde. Das was ich da sehe, finde ich als ehrlicher Mickey-Fan leider einfach nur traurig. Trotz seiner Aufflackerns beim Europacup in Ohrid (6,5/7) scheint seine Zeit, so sehr ich ihm noch viel Erfolg wünsche, leider einfach vorbei.

Adams,Michael - Radjabov,Teimour [B30]
17.ETCC 2009 Novi Sad, Serbia (2.1), 23.10.2009

1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 e6 4.c3 Eine total seltene Mischung eines Lb5- mit einem c3-Sizilianer, die auch trotz einiger klangvoller Namen keinen großartigen Score aufweist. 4...d5 5.De2 a6!?N

Adams

Und hier bereits im fünften Zug die Neuerung! Und eine total pragmatische obendrein! Radjabov scheint sich kaum um die weiße "Drohung" , oder besser gesagt, Ankündigung auf c6 zu schlagen, zu kümmern. Ist das Doppelbauernkonzept etwa überholt? 6.Lxc6+ bxc6 7.d3 Se7 8.c4 Legt sich den Bauern c5 für einen späteren Angriff zurecht, aber mir gefällt das alles aus weißer Sicht irgendwie nicht mehr. Man will Adams irgendwie fragen: "Du weißt aber schon, wer dir da gegenübersitzt?" 8...Sg6 9.0–0 Ld6 10.e5

Adams2

Ich verstehe die Stellung nicht. Vielleicht ist das der beste weiße Zug. Mag sein. Aber ich würde mich weigern, eine Position anzustreben, wo ein Zug wie 10.e5 erforderlich wäre. 10...Lc7 11.Sc3 0–0 12.Sa4 f6! Natürlich. Das mit dem Flügelangriff und der Zentrumsaktion muss ich hier nicht nocheinmal erklären. 13.exf6 Dxf6 14.Lg5 Df5

Adams3

Was haben wir hier zu bieten? Beide Seiten haben etwas unkonventionell gespielt und verfügen über eine Anzahl von Schwächen. Weiß hat seinen "Klebstoff"Läufer frühzeitig abgegeben und muss dafür jetzt den Preis zahlen in Form von weichen weißen Feldern wie d3, f3 oder g2. Die Dame hat notdürftig die Aufgabe des Läufers übernommen. Dass Schwarz, der mittelfristig gute Königsflügelaussichten hat, nicht schon deutlich besser steht, liegt an der etwas besseren weißen Entwicklung und daran, dass er einen Bauern schlagen kann. War Adams hier zufrieden mit dem was er sich selbst aus der Eröffnung hergerichtet hatte? Wohl kaum, denn solche unerklärlichen Böcke wie sein nächster passieren nicht aus guter Laune heraus: 15.Lh4?? Die Großmeister Henrik Teske und Thomas Luther, die auf schach.de live kommentierten, fanden die schwarze Stellung auch so schon besser, hatten aber wie ich große Mühe zu verstehen, was Adams bei diesem katastrophalen Aussetzer geritten hatte. [15.Sxc5 Lf4! (15...dxc4 16.Le3; 15...e5 ist interessant) 16.h4 (16.Lxf4 Sxf4 Hier werden d3 und g2 zu weich.) 16...dxc4 17.d4 Lxg5 18.Sxg5 Sxh4 läuft auch nicht mehr unter dem Label "Ruhige Positionspartie", die Adams seine ganze Karriere zelebriert und sich mit der Wahl von 3.Lb5!? auch für diesen Tag vorgestellt hat, aber genau so hätte er spielen müssen. Fehlende Flexibilität? Nach dem unerklärlichen Textzug ist die weiße Stellung einfach aufgabereif:] 15...Sf4 ... und der d3 bricht weg, und die schlechten Figuren behält Weiß auch noch. 16.De3 Sxd3 17.Lg3 Lf4 18.De2 Tb8 19.Dc2 dxc4 [19...Se5 war auch mörderisch. Was für ein Niedergang des britischen GMs!] 20.Tad1 Lxg3 21.fxg3 Sxb2! 22.Dxf5 exf5

Adams4

und Schwarz gewann nicht in allzu komplizierter Art und Weise. Im Moment besitzt er drei Mehrbauern.

Kurzgefasst, Azerbaidschan wird das Ding gewinnen, obwohl ich die Jungs einfach nicht wirklich mag, verhindern kann ich es wohl eh nicht, und so bleibt es nur, im Falle des tatsächlichen Sieges ihnen den gebührenden Respekt zu zollen. Aber bitte nicht mehr. Mögen werde ich diese Art von Spiel bestimmt niemals.

Die Deutschen... haben diesmal ein ziemlich gebrauchtes Turnier erwischt. Nach einem guten 4-0 Start verlor man gegen die besagten Azeris mit 1,5:2,5 (Georg Meier kassierte gegen Gashimov leider in einer klassischen Plusgleich-Variante eine schmerzhafte Weißniederlage, nachdem er seine vorteilhafte Stellung sukzessive verschlechtert hatte, Jan Gustafsson spielte in Erinnerung der alten Zeiten bei kritischem Mannschaftsstand eine lebhafte, bessere Stellung nicht weiter und machte hier:

Gustafsson, Jan - Mamedov, Rauf
17.ETCC 2009 Novi Sad, Serbia (3.1), 24.10.2009

Gusti1

Remis ) und dann kam man gegen die Griechen nicht über ein 2:2 hinaus, weil Naiditsch am ersten Brett gegen Ioannis Papaioannou diese Überraschung kassierte:

Naiditsch, Arkadij - Papaioannou, Ioannis
17.ETCC 2009 Novi Sad, Serbia (4.5), 25.10.2009

Naiditsch

In dieser eh sehr seltenen Lb4-Variante im Skandinavier (auch wenn Naidisch durch eine Vorgängerpartie seines Gegners hätte gewarnt sein müssen!) folgte die Neuerung 8...Sc6!? Naidisch reagierte nach dem normalen 9.a3 Lxc3 10.Lxc3 Db6 mit dem mir nicht verständlichen 11.De1?! (Stellt schon mal unnötig den armen c2 en prise) 0-0 12.b4?! Nun kam Schwarz mit 12...Le4! einfach mal in den Genuß eines schon recht großen Vorteils (d4,c2 schwach, Einschlag auf f3 droht, schlechte weiße Läufer...) und gewann fast schon deprimierend einfach. Das tut weh.

Beim Remis gegen Polen in Runde 5 verlor Naiditsch für mein Auge erneut ohne große Gegenwehr, aber dafür schlug wenigstens die große Stunde von Georg Meier:


Meier,Georg - Wojtaszek,Radoslaw
17.ETCC 2009 Novi Sad, Serbia (5.7), 26.10.2009

Meier

20.Tfb1 Das Endziel der weißen Initiative ist der Gewinn des Bauern a5. Aber kann sich Schwarz nach dem Textzug nicht bequem entlasten? 20...Sxe5 21.Sc5!! Von wegen, automatisches Zurückschlagen! Meier lässt die halbe gegnerische Armee unter Beschuss schmoren. 21...Sc6 [21...Lxe2 22.dxe5] 22.e3!

Meier2

[Wie mir der Sieger abends auf schach.de mitteilte, gewann auch 22.Lxc6 Txc6 23.Txb5 in ähnlicher Manier, aber hier ist noch Technik gefragt nach 23...Td6 24.e3 Td5 25.Tbxa5 e5 26.Se4 Txa5 27.Sxf6+ gxf6 28.Txa5 exd4 29.exd4] 22...Tb6 23.Lxc6 Tfb8 24.Lf3! Und Georg gewann den anvisierten Bauern und die Partie. Glänzend!

NaiMei
Arkadij Naiditsch und Georg Meier bei der Arbeit (Quelle: Chessbase)

In der bisher letzten Runde 6 war leider eine Niederlage gegen Israel zu beklagen. Trainer Bönsch ließ nach 2 Niederlagen vorne Naiditsch heraus. Die Mannschaft agierte halbwegs fehlerfrei, aber eben so ein bisschen wie immer, mit der berühmten "Nimm du ihn, ich hab ihn sicher" - Einstellung. Als Ergebnis standen 3 (zu) sichere Remisen und eine bittere und auf den ersten Blick total unnötige Endspielniederlage Gustafssons gegen Postny.

So findet sich die deutsche Mannschaft nach 6 Runde mit 6-6 Punkten auf dem mageren 18.Platz wieder, von 5 Spielern notiert nur Daniel Fridman mit 3,5/5 im ELO-Plus. Das Minus der meisten anderen Spieler ist nicht hoch, aber die Niederlagen sind sehr unglücklich verteilt. Ich bin gespannt, wie sie morgen gegen Italien antreten und was das Team noch den Rest des Turniers reißen kann.

Die Hoffnungen der Deutschen liegen genau da. Daran, dass das Frauenteam (als Startnummer 7 sich momentan ebenfalls an Platz 18 befindend) bedauerlicherweise seit Jahren keine vernünftige Hintermannschaft hat, haben sich schon alle gewöhnt, und daran können auch schönrednerische Vorberichte und intensives Läuferendspieltraining leider nichts ändern.

frauen
Also an Elli liegts nicht...(Quelle: Chessbase)

Aber noch sind ja im serbischen Novi Sad ein paar Runden Zeit und ich lasse mich gerne auf jede beliebige Weise noch positiv überraschen.

Hier findet der Statistikfreund alles, was er für sein Glück benötigt.

Und jetzt, wie immer an dieser Stelle ... gute Nacht an alle von Ilja, der optimistisch ist, es ab Donnerstag in Deizisau nicht genauso schlecht zu machen ;-)

Samstag, 24. Oktober 2009

In eigener Sache

Ich weise an dieser Stelle einfach noch mal auf meine Kolumnen-Ecke auf der neuen Schachbundesligaseite hin, wo nach den jeweiligen Spieltagen meine (intersubjektiven) Berichte über die Auftritte der SF Berlin zu sehen sein werden. Teil I (aus Hamburg) ist seit gestern online. Viel Spaß!

P.S. Ich empfehle auch ausdrücklich die Kolumne von Timo Sträter (Wattenscheid)!

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Schach vom anderen Stern

Ich klicke eigentlich immer kurz alle Bundesliga-Partien durch, einfach um zu gucken, was so grade los ist, wo theoretische Diskussionen brennen und natürlich auch zur Unterhaltung. Diesmal war mit Elisabeth Pähtz gegen Mihail Saltaev eine Partie dabei, die zwar keineswegs hochklassig gespielt war, aber aufgrund ihrer bizarren, mit "normalem" Schach wenig zu tun habenden Ideen und Konzepte und einer Vielzahl von möglichen Remisfestungen einen nachhaltigen Eindruck auf mich hinterlassen hat, so dass ich sie mit Rybka näher angesehen habe, nur um einmal mehr zum Entschluss zu kommen, wie beschränkt sowohl der Mensch als auch die Maschine in einigen Bereichen sind und wie kraftvoll eine Allianz der beiden wirken kann.


Pähtz,Elisabeth (2482) - Saltaev,Mihail (2492)
BL 0910 SC Eppingen - SV Mülheim Nord (1.8), 17.10.2009

Paehtz-Elli

Saltaev


Paehtz

39.Se2 Die Partie ist bisher ereignisarm verlaufen, aber Schwarz hat klaren Vorteil. Sein Doppelbauer fällt wenn, dann positiv ins Gewicht, er besitzt noch den besseren der "schlechten" Läufer in dieser scheinbar völlig versteinerten Bauernstruktur und das Wichtigste ist der superschwache weiße a4. Ohne Türme wäre er nicht zu verteidigen, also muss Elisabeth bis zum Ende einen Turm auf dem Brett behalten. Ich kann es natürlich nicht genau sagen, aber die Stellung sollte auf meinen oberflächlichen Eindruck nicht zu knacken sein. Es gibt nur eine Schwäche a4, die verhältnismäßig gut zu decken ist, und die Einbruchsfelder sind alle gedeckt. Mal sehen, was in dieser Partie noch passiert und lassen wir auf jeden Fall Rybka an. Auch wenn man es der Stellung nicht anmerkt, aber hier schlummern gemeine taktische Motive. 39...Sg6 40.Kf2 Tg7 41.Lc1 Tg8 42.Ld2 Sf8?

Paehtz2

Scheinbar das Natürlichste auf der Welt, den Springer von g6 nach e6 zu überführen, aber damit stellt Saltaev (eigentlich) die Partie weg. Korrekt wäre das Manöver gewesen, stünde der Turm nicht in der g-Linie, etwa auf h8. Warum? 43.Kf1? Und Pähtz geht achtlos am Glück vorbei. Es ist so schwer, sich von Verteidigung auf Angriff umzuschalten... [43.Lxf4! Lxf4 44.g4+ hxg4 45.fxg4+ Kg5 46.h4+! Kxh4 (46...Kxg4 47.Tg1+ Darum!) 47.Sxf4 Txg4 48.Sxd5+- und die schwarzen vorgeschobenen Bauern haben ihre Stütze eingebüßt und gehen alle verloren. Ok, schwer zu sehen.] 43...Se6 44.Lc1 Lf8 45.Ld2 Lh6 46.Kf2 Lg5 47.Kf1 Lh4 48.Td1 Lg3 49.Tc1 Tg7 50.Td1 Te7 51.Tc1 Sf8 52.Td1 Sg6 53.Le1 Lxe1 54.Txe1 h4 55.Tb1

Paehtz3

Nach dem Läufertausch, den die Weiße wohl nicht unbedingt mitmachen musste, hat sich die Stellung noch mehr statisch gemacht. Kann Schwarz die Barriere brechen? 55...Te3 56.Sc1 Kg5 57.Kf2 Se7 58.Ta1 Sf5 59.Tb1 Te7 60.Se2 Se3 61.Tg1 Sc2 62.Td1 Se3 63.Tg1 Sf5 64.Tb1 Te3 Der Turm will über d3 nach d2 reinkommen. Das wäre das Ende für Weiß. Also muss sie das Feld d3 decken... 65.Sc1

Paehtz7

65...Sg3 66.Ta1 und die Felder a1 und b1 sei dank, entkommt Weiß knapp dem Tod durch Zugzwang. Noch andere schwarze Ideen, durchzukommen? Saltaev versucht es weiter.. 66...Sh1+ 67.Kf1 Kf5 68.Tb1 Sg3+ 69.Kf2 Ke6 70.Ta1 Kf7 71.Tb1 Te8 72.Ta1 Kg6 73.Tb1 Sf5 74.Se2 Kg5 75.Ta1 Se3 76.Tg1 Te7 77.Te1 Sc2 78.Td1 Te3 79.Sc1

Paehtz5

Der Turm auf d3 bedeutet für Weiß immer den Tod. Also ist Te3 - Sc1 eine Art Opposition. 79...Kf5 80.Tg1 Kg5 81.Td1 Sa3!?

Paehtz8

Der Springer geht im Gewinnstreben auf Selbstmordmission. 82.Tg1 [82.bxa3 läuft beim Comp unter "Ausgleich" nach 82...Txc3 83.Se2 Tc2 84.Tb1 b2 (84...Ta2 85.Ke1 Txa3?? 86.Sc3+- kostet den Turm und die Partie...) 85.Ke1 c3 86.Sxc3 Txc3 87.Txb2 Txa3 88.Tb5 Txa4 89.Txd5+ aber ich verstehe, warum Elisabeth sich damit nicht anfreunden mochte.] 82...Sb1 Quantensprung geschafft! Der Springer ist hinter die Bauernkette gekommen! Aber ist das wirklich eine Errungenschaft? Er hätte vielmehr zurückhüpfen sollen... 83.Se2 nun hängt er und hat nur ein Feld. Also ab nach d2. Oder? 83...Sd2?

Paehtz6

Objektiv anscheinend nicht falsch aber halst sich noch mehr Probleme auf als er eh schon hat. Wollte Saltaev jetzt gewinnen oder was ging in ihm vor?. Diese Stellung ist für uns Menschen einfach zu bizarr um sie korrekt zu behandeln. Die Wahrheit sieht so aus, dass der Springer in höherem Sinne eh bereits todgeweiht ist, aber mit [83...Td3!! 84.Txb1 Td2 85.Ke1 Tc2 86.Kd1 Kf5

Paehtz-Festung3
Analysediagramm

ließ sich wirklich noch ein Remis erzielen - Weiß kommt in der Verwertung seiner Mehrfigur keinen Millimeter mehr weiter. Sieg des Geistes über die Materie oder was? 87.Tc1 Txb2 88.Ta1 Ta2 89.Tb1 Kg5! 90.Ke1 Txa4-+ ist Spiel auf Verlust.]

Zurück zur Partie, wo 83...Sd2 geschah.

Paehtz6

84.Sc1 Leider fiel Pähtz keine Methode ein, den kessen Springer einzufangen. So lässt sie die Zugwiederholung zu, über die Saltaev vermutlich mittlerweile auch schon glücklich war. Aber es gäbe eine Lösung, die zwar trotzdem nicht den Sieg brächte, aber zumindest für die Zuschauer reizvoll gewesen wäre:

[84.Td1 Den Springer angreifen, bringt nichts wegen 84...Td3 85.Te1 (85.Sc1?? Se4+–+) 85...f5 86.Sc1 Se4+!! 87.fxe4 Td2+ 88.Te2 sonst tuts auf b2 weh! 88...Txe2+ 89.Kxe2 fxe4

Paehtz-Festung1
Analysediagramm

und der Springer kann sein c1–e2-g1–Kastell nicht verlassen, also remis! Im Gegensatz zu Rybkas Meinung natürlich.;

84.Te1! gewinnt in allen Varianten den Springer, aber Schwarz kann sich retten: 84...f5!? hält den Laden zusammen:

a) sofortige Verzweiflung wird bestraft: 84...Sxf3 85.gxf3 Td3 86.Sg1! (86.Tg1+ Kf5 87.Tg4 Td2 88.Txf4+ Ke6 89.Txh4 Txb2 90.Th8 Ta2 91.Tb8 ist auch gut, aber etwas unmethodisch...) 86...Td2+ 87.Te2 Td1 88.Te8 Td2+ 89.Se2 Txb2 90.Td8+- und der Turm fängt an zu wildern.;

b) Versuch, den Springer zu decken geht auch: 84...Td3! 85.Sc1 Te3! (85...Se4+?? 86.fxe4 Td2+ 87.Te2 Txe2+ (87...Td1 88.exd5) 88.Sxe2+- und der schwarze Bauer ist nicht auf f5 und kann nicht auf e4 nehmen.) 86.Td1! Sb1 87.Se2 Sa3!! 88.bxa3 Kf5

Paehtz-Festung2
Analysediagramm

und soweit ich das beurteilen kann, haben wir eine Festung vorliegen. Weiß kann den Turm einfach nicht aus seiner Stellung ausräuchern. Natürlich schreit der Rechner "Gewonnen für Weiß!" aber führt auch keine Belege an. 89.Ke1 Td3 90.Td2 Kg5 91.Tb2 Kf5 92.Sc1!? Txc3 93.Kd2 Te3=;

back to 84...f5!?
85.Sc1 Txe1! (nicht 85...Sb1 86.Sxb3!! und gewinnt, etwa 86...Txe1 87.Kxe1 cxb3 88.Kd1+-) 86.Kxe1 Se4 87.fxe4 fxe4 88.Ke2

Paehtz-Festung1
Analysediagramm

und wieder die bekannte Festung.]

Paehtz9

Die Partie endete am Ende "unspektakulär" mit
84...Sb1 85.Se2 Sd2 86.Sc1 Sb1

Bizarres Schach mit beinahe unmenschlichen Motiven, wo jeder von uns mit seiner Vorstellungskraft vermutlich schnell am Ende wäre. ½–½

Hier ist die Partie zum Download:

Paehtz-Saltaev (cbv, 6 KB)
Paehtz-Saltaev1 (pgn, 6 KB)

...und nun gute Nacht!

Montag, 19. Oktober 2009

Viel Stress und gute Laune, drei Currywürste, zwei Niederlagen, eine Hängepartie aber null Punkte (ein Bericht vom Bundesliga-Wochenende in Hamburg, verfasst bei einer langweiligen IC-Fahrt Hannover-Karlsruhe, so lang und so chaotisch wie die Überschrift es vermuten lässt)

Die Anreise

Eigentlich waren die Voraussetzungen optimal. Zur Bundesliga-Runde in Hamburg am vergangenen Wochenende reisten Dennes und ich bereits Freitag an, um uns den Stress zu ersparen, samstags direkt aus dem Auto ans Brett hüpfen zu müssen. Außerdem wollten wir Mark McAdam, das Brett 4 der legendären Hannover Altstars treffen, den es mittlerweile in den Norden gezogen hat. Um den „Chaos-Faktor“ zu erhöhen, hatten wir auch noch Nikolas Nüsken dabei, den einzigartig genialistischen Zocker und legendären Sieger des Pardubicer B-Opens von 2003.
Nicht bedacht hatten wir allerdings, dass wir Freitagabend nicht ganz die einzigen waren, die von Hannover nach Hamburg wollten und irgendwann mündeten wir auf der A7 in ein (laut NDR 2 ) 14 km Meer von stehenden Autos ein.

Durch die improvisierte Landstraßen-Stau-Umfahr-Aktion („Soll ich nach links oder nach rechts fahren?“ „Weiß ich doch nicht!“ ) ging insgesamt mit Sicherheit (im Vergleich zum geduldigen Ausharren auf der Autobahn) noch weitere Zeit drauf, ebenso wie für

• das zweimalige Reparieren des linken Scheibenwischers im norddeutschen Dauerregen (der Wischer hat sich so dermaßen verrenkt und verhakt, dass ich ohne Hilfe meiner Mitfahrer nicht die Fahrertür öffnen konnte! – versucht euch das mal bildlich vorzustellen) und

• das 15-minütige Suchen eines laut Nikolas beim Aussteigen aus dem Wagen herausgefallen Gegenstandes in absoluter Dunkelheit. Wir wussten nicht so genau, was es eigentlich was und hatten auch keine Taschenlampe dabei und tasteten so den ganzen Boden unter dem Auto ab – ich habe es dazu sogar ein paar Meter weggefahren. Gefunden haben wir (erwartungsgemäß) nichts.

Stress pur, besonders wenn man vorher im Tagesverlauf durch einen Zahnarzttermin fast nichts essen konnte und einem bereits die Erwartung eines leckeren Mahls und der fruchtigen Cocktails an der Reeperbahn im Kopf herumschwebt.

Die Party am Kiez

Irgendwann war es dann aber soweit und wir erreichten gegen zehn Uhr abends hungrig und durstig den Kiez, wo man diese Bedürfnisse (und nicht nur diese!) bekanntlich leicht befriedigen kann. Gegen den Durst gab es erfrischende Cocktails, zu Essen gab es Currywurst mit wahlweise 12 Schärfegraden (von 1. „Milchbrötchen“ über 4.„Chillibrenner“, 9. „Atemblocker“, 11. „Sterbehilfe“ bis zur „Endstation“,12.).

schaerfeskala_gross
Quelle: Bruzzelhütte

Nachdem wir uns überzeigt hatten, dass die 6 „Elbgranate“ eher etwas für Warmduscher war, trauten wir uns an das „Hochprozentige“ heran, dies war allerdings ein klarer strategischer Fehler. Schon die 9 war kaum auszuhalten und brannte wie tausend kleine Nadelstiche im ganzen Körper, ein kleines Stückchen einer 10er Wurst, welches mir freundlicherweise von einer jungen Dame angeboten wurde, die sich bei der Bestellung wohl etwas übernommen hatte, verursachte bei mir höllische Rachen- und Lippenschmerzen und das düstere Gefühl, dass ich die Nacht in Hamburg nicht ohne großen Schaden überstehen würde. (Entsprechend darf laut der Verkäuferin die 12 auch nur in Anwesenheit eines Krankenwages verkauft werden.) Eine eiskalte Flasche Hohes C Orangensaft schaffte danach ganz ganz langsam Abhilfe, auch wenn der Magen mittlerweile so brannte, dass man am Liebsten eine Wand hochgehen würde.

Nikolas Nüsken, Mark McAdam, Dennes Abel
Sie machten Freitagabend die Reeperbahn unsicher: Nikolas Nüsken (N.N.), Mark Mc Adam und Dennes Abel.

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Die legendäre Herbertstraße gehörte natürlich auch zum Sight-Seeing-Programm. Eintritt für Frauen verboten! Die Straße nicht ganz so lang, wie ich es erwartet hatte, aber trotzdem recht eindrucksvoll. Ich bitte zu entschuldigen, dass an dieser Stelle keine detaillierteren Abbildungen möglich sind.


Der (übliche) Frust

Achja, natürlich wurde auch an diesem Wochenende Schach gespielt. Die vermutlich bereits bekannten Fakten zuerst:
Wir (die SF Berlin) verloren beide Begegnungen gegen den Hamburger SK und den SV Werder Bremen mit 3,5:4,5. Kam das Ergebnis im ersten Falle noch recht gesetzmäßig durch zwei klare Niederlagen zustande, ist das Resultat gegen die ELO-mäßig hoch favoriserten Bremer eine mittelgroße Enttäuschung. Von den 7 Remispartien verfügten wir in 3-4 davon über große, definierte Vorteile und hatten nirgendwo besondere Probleme. Leider sprang dabei kein Partiesieg heraus, hingegen reichte ein einziger Partiegewinn der Bremer um unser 7 BP - 0 MP – Wochenende perfekt zu machen. Gespielt haben wir allerdings gar nicht so schlecht, die Mannschaft tritt als Einheit auf. In dieser Form steigen wir bestimmt nicht ab. Ich gehe auf die beiden Kämpfe und ihre Partien sowie auf den Auftritt unseres Reisepartners und Aufsteigers SK König Tegel im Laufe der Woche auf www.schachbundesliga.de ausführlich ein.
Zu meinen eigenen Partien : Samstag gegen Sune Berg Hansen war so eines der Erlebnisse, die für einen Schachspieler mit zum schrecklichsten Szenario gehören, welches man erleben kann: Die ganze Partie passiv, gedrückt und ohne Gegenspiel zu stehen, dabei nicht einmal zu wissen, wie man in eine solche Lage geraten konnte, und über Stunden der eigenen Kapitulation entgegenzusehen und sich in jedem Zug vom Anhalten der Uhr abzuhalten. Immerhin habe ich mittlerweile anscheinend die Fehlerquellen entdeckt:

• 12…h6?! ist unnötig und kann durch sofortiges 12…a6 ersetzt werden (dankenswerterweise auch schon in den Kommentaren erwähnt)

• 18…Lh5 hält im Gegensatz zu meinem 18…Sxf3 nebst 19…Lxf3 die Spannung aufrecht

• 20…Tc8? (statt 20…Sd7) war die Stelle, an der ich in dieser Partie zum ersten Mal eine Drohung aufstellen und ein wenig eigenes Spiel aufziehen wollte, aber genau darauf leitete 21.La4! Sd7 22.b5! den schwarzen Zusammenbruch ein, der sich nicht mehr verhindern ließ. Ich machte ab da keine großen Fehler mehr, aber das war eben genug.

Nur wie man solche Fehler in Zukunft vermeidet, das verrät mir mein Rybka bisher nicht. Das kann man sich nur höchstpersönlich klarmachen, aber ich bin im Moment (noch) nicht soweit.

Man sollte dazu zwar erwähnen, dass Hansen die Partie sehr stark spielte, aber irgendwie passiert mir das zu oft in letzter Zeit: Hansen, Ruck, Miladinovic, Päthz, Maksimenko…. Die Liste kann ewig weiter ergänzt werden. Ich verliere (fast) nur einseitige Musterpartien. Ich denke nicht, dass ich soviel Pech habe und dieses Jahr ausschließlich auf hochmotivierte, topvorbereitete, satte und ausgeschlafenen Großmeister treffen, die auch aktuell keinen Stress mit ihrer Freundin/Frau haben. Soviel Pech kann man nämlich gar nicht haben. Wie oft stellt man doch fest, dass GMs untereinander schon ziemlich viel Mist bauen und oft (besonders unter Zeitdruck) einfache Wendungen oder Abwicklungen nicht durchschauen… Georgios Souleidis‘ Bundesliga-Gurken sage ich dazu nur. Aber dafür muss man Druck auf den Gegner ausüben, und das will mir besonders im Moment, da ich unter schlechter Konzentration und Verunsicherung leide, einfach nicht gelingen. Es ist wie verhext. Entkomme ich in einer Partie wenigstens ins Mittelspiel, sieht die Sache gleich besser aus. Nur zu oft bin ich aber oft schon der Eröffnung das Opferschaf, und dann gibt es oft im Gegensatz zum Schnellschach keine zweite Chance mehr.

Wie sagte doch ein Klassiker „Man spielt eben nur so gut, wie Gegner es zulässt.“ Ich glaube, das ist der Punkt, an dem ich ansetzen sollte…

Sonntags gegen den finnischen Topspieler Tomi Nyback wählte ich aus ähnlichen Gründen wie in Ohrid gegen Onischuk das Schottische Vierspringerspiel. Hauptsache nicht wieder schnell in Nachteil geraten! Große Hoffnung, einen Eröffnungsvorteil zu erlangen, hegte ich zugegebenerweise nicht, aber Nyback spielte das frühe Mittelspiel insgesamt schwach ( er ließ mich im Vergleich zu der Onischuk-Partie mit einem superwichtigen Extratempo spielen), eindeutig schwach war sein 18…Tb7?! und so bekam ich in Zug 20 meine Chance auf etwas wirklich Greifbares.

Nyback

Stellung nach 19…Lc8-e6

Leider war an diesem Wochenende der 20.Zug mit dem Turm nicht mein Freund und so ließ ich hier nach kurzem Nachdenken mittels 20.Tad1!? eine Chance aus, den Gegner lange zu quälen: 20.cxd5! (Der Turm will eh in die c-Linie) 20…Lxd5 21.Dg3! Dxg3 (was sonst?!) 22.fxg3 gewinnt entweder ohne großen Kampf den c-Bauern oder lässt sich auf etwas wie 22…c4!? 23.bxc4 Tb4 24. cxd5 Txa4 25.Lc2 Td4 26.Tad1 Txd5 27.Txd5 Sxd5 28. Lb3 ein, wobei es mich nicht wundern würde, wenn die Bewertung dieser Stellung „Gewonnen für Weiß“ lauten würde, trotz ihrer oberflächlichen Einfachheit.
In der Partie folgte aber 20.Tad1!? Te7! 21.cxd5 (alles andere ist schwächer) 21…Lxd5 22.Txe7 Dxe7 23.De3!? Dxe3 24.fxe3 Tc8! 25.Tc1 Sd7 und Schwarz gelang es mit einer Prise Stellungsglück, die Balance zu halten.

Die beiden Partien und den folgenden Lacher gibt es hier zum Download:

Buli-Hamburg (cbv, 9 KB)

Der Lacher

Für den Lacher des Wochenendes sorgte (unfreiwillig) mein Hilfschaot Dennes Abel in seiner Begegnung gegen WGM Almira Skripchenko.

Abel,Dennes (2380) - Skripchenko,Almira (2448) [D20]
Bundesliga SF Berlin - Werder Bremen (2), 18.10.2009

1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.e3 e5 4.Lxc4 exd4 5.exd4 Sf6 6.Sf3 Ld6 7.0–0 0–0 8.Se5?! Nicht wirklich ambitioniert vom Youngster vorgetragen, allerdings wollte er nach 8...Sbd7 mit 9.Te1?? die Partie einstellen. 9.Lf4 [9.Te1?? Sxe5 10.dxe5 Lxe5! Jaja, 10 Uhr morgens ist nicht jedermann's Uhrzeit.] 9...Sb6 10.Lb3 c6 11.Sc3 Sbd5 Dennes: "Hier nuschelte sie schon etwas. Ich weiß aber nicht, ob es ein Remisgebot war oder nicht." 12.Sxd5!? Eine tiefgründige Falle, wie uns Dennes beim abschließenden Mannschaftsessen erläuterte. 12...Sxd5! [12...Lxe5 wird von 13.Se7+! mit Vorteil beantwortet. Die Begeisterung des Großteils der Mannschaft hielt sich in Grenzen.] 13.Lxd5 Dennes: "Ich schlage kein Remis aus, wenn ich sonst schlechter stehe!" 13...cxd5 14.Db3 Lc7 15.Dg3 Lf5 16.Sg6

Abel-Skrip

Hier bot Dennes Remis, die Gegnerin nahm an, die Figuren wurden aufgebaut, die Könige für die Live-Übertragung nach e4 und e5 gestellt und in den Wettkampfbericht ein 0,5:0,5 eingetragen. Dennes machte sich in den Analyseraum auf, sein Meisterwerk den beiden extra für uns angereisten Fans Mark McAdam und Florian Kull zeigen. Dort holte ihn aber nach 5-10 Minuten der Schiedsrichter begleitet von Almira Skripchenko mitten aus der Analyse heraus. Hätten Sie das gewusst? Ab dieser Saison wird in der Bundesliga besonders hart durchgegriffen und es gilt die 20–Züge-Sofia-Regel. Für meine Begriffe ist ein solches Reglement zwar genau so sinnvoll, wie etwa ein Verbot, sich vor dem Ablauf von 20 Minuten die Hände zu reichen, aber "Rägel ist Rägel" und so ging es für die beiden wieder ans Brett. Die Stellung nach 16.Sg6 wurde wieder aufgebaut, Dennes musste ein neues Partieformular ausfüllen (auf dem alten hatte er direkt unter den 16.Zug seine Unterschrift gesetzt und es war kein Platz mehr für die Notation vorhanden) und dann ging die Hängepartie weiter. Allerdings nicht für sehr lange, denn beide hatten keine große Lust mehr und die Stellung litt ebenfalls unter einer gewissen Vereinfachung. Ich frage mich echt, was passiert wäre, wohnte der Stellung eine etwas schärfere Natur inne und einer der Kontrahenten hätte in der Zwischenzeit etwa einen Weg zu klarem Vorteil gefunden. Sind die beiden dann eigentlich an das Remis gebunden? Und wenn ja, warum dann eigentlich das Theater um die vier zusätzlichen Züge? Fragen über Fragen...Ich finde das juristisch hochinteressant. Zum Glück blieben einem solcherlei Diskussionen gänzlich erspart nach: 16...Lxg6 17.Lxc7 Dd7 18.Dd6 Dxd6 19.Lxd6 Tfd8 20.Lf4 Tac8 ½–½


Das (nicht unübliche) Fazit

Ordentliche Mannschaftsleistung – zweimal verloren. Das Gefühl, überhaupt in der Bundesliga dabei sein und mitmischen zu dürfen, wiegt den Frust aber etwas auf.

Beim nächsten Bundesliga-Wochenende in Emsdetten in vier Wochen gilt für uns alle: Neues Spiel – neues Glück! Aus einem Downswing kann man sich nur geduldig herausspielen und dabei tapfer der eigenen Stärke vertrauen.

Vielleicht wird man dann in Emsdetten mittels einer wirklich komfortablen Anreise den Chaos- und den Stress- Pegel etwas besser auf niedrigem Niveau halten können, als es jetzt in Hamburg der Fall gewesen ist. Das könnte sich ja mal positiv auf die Leistung auswirken.

In der Zwischenzeit überlege ich mir, ob ich das Deizisauer Herbstopen mitspielen möchte, welches kommenden Donnerstag bis Sonntag stattfindet. Angesichts des Vorlesungsbeginns am heutigen Montag (ja, ich studiere immer noch!) tendiere ich zu einem Nein, aber ich würde soo gerne mal wieder eine Turnierpartie gegen jemanden gewinnen, der eine ELO zwischen 0 und 2698 besitzt… ;-)


P.S.: Ausführlicher Bericht aus Hamburg mit Fotos und Partien in Kürze auf www.schachbundesliga.de
P.P.S.: Es wird dringend gebeten, einige Abschnitte des obigen Artikels auf keinen Fall Rainer Polzin zu zeigen. Sonst könnte es passieren, dass der Schachzoo in Zukunft nicht mehr die Gelegenheit hat, vor Ort von der Bundesliga zu berichten.
P.P.P.S.: Der Zug hat heute bei Weinheim leider ein ausgebrochenes Pferd überfahren, deshalb kommt dieser Bericht 3 Stunden später als geplant ins Netz.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Großer Abschlussbericht aus Ohrid

Vermutlich ist allen aufgefallen, dass am Ende ein bisschen die Luft raus war. Schachlich lief es gar nicht mehr, die montenegrische Grippe erfasste immer größere Mannschaftsteile, und zum Bloggen kam man da schon gar nicht mehr. Immerhin hat Rainer bis zuletzt tapfer den Mut gefasst und auf der SF-Berlin-Homepage Runde für Runde den gemeinsamen Absturz inklusive nachspielbarer Partien dokumentiert. So dass ich das an dieser Stelle nicht mehr mache, mich damit begnüge zu erwähnen,
  • dass Platz 35 nicht unbedingt den Anfangserwartungen / den Erwartungen des Turnierverlaufs entspricht
  • dass 4 von 6 Spielern am Ende mit ihrer Leistung eher unzufrieden waren
  • und dass es in der Bundesliga, die übrigens am Freitag startet, eindeutig nur noch besser laufen kann
und prompt zur großen Spielerabrechnung übergehe.

1. Ilja Schneider (3/7 -5,3 ELO)

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Ich hätte mich mehr auf das Schach als auf die Schwäne fokussieren sollen...

Mit meiner Leistung bin ich nicht zufrieden. Nicht nur, dass es mir über das ganze Turnier nicht gelungen ist, irgendwelche neuen Ideen zu zeigen (dort, wo ich es versucht habe, also in den Schwarzpartien gegen Sepp, Miladinovic und Ruck, ist es kläglich gescheitert), sondern wurde ich auch auf meinem "Heimatrevier", in Varianten, die mir bestens bekannt sein müssten, wie gegen Onischuk oder Docx, sofort aus der Eröffnung vor große Probleme gestellt. Ich spielte über das gesamte Turnier unkonzentriert, übersah einfache Taktiken und zeigte teilweise grobe Fehler in der Stellungseinschätzung, wobei ich die Stellungen teilweise mit übergroßem Optimismus (Bauernraub gegen Sepp und gegen Miladinovic, das sinnlose Bauern"opfer" in der ersten Runde gegen den jungen Albaner), teilweise auch mit unerklärlichem Pessimismus (Docx, Ruck, auch gegen Ivanchuk und Onischuk) angegangen habe. So sucht man nicht nach den geeigneten Zugkandidaten und findet auch keine guten Züge.
Ferner gab es bei mir schon lange gekannte Problem mit der Increment Bedenkzeit, die meinem Spielstil total widerspricht.
Gut waren aber immerhin (teilweise) der Kampfgeist und die Endspieltechnik in den Endspielen gegen Sepp und Onischuk. Hätte mir letzterer nicht durch einen groben Einsteller im Mittelspiel vorher einfach einen ganzen Punkt geschenkt, so wäre das Turnier mit 2/7 einfach eine blanke Katastrophe. So war es einfach nur ein schlechtes Turnier, was einige Fragen aufwerfen sollte, für deren Beantwortung ich allerdings einige Zeit benötigen werde.


2. Rainer Polzin (2/7, -18,5 ELO)

Rainer Polzin
Rainer entspannt auf dem Boot.

Noch viel weniger, als das es mein Turnier war, ist es das Turnier unseres Team Captains Rainer gewesen.
Nach dem Pflichtsieg in Runde 1 gegen einen schwachen Albaner lässt sich der Auftritt von Rainer in zwei Teilen zusammenfassen:
  • drei mehr oder weniger einseitig verlorene Schwarzpartien, allerdings gegen äußerst starke (Gashimov, Miroshnichenko) bzw. stark spielende (der Belgier Wemmers, holte mit einer Performance von über 2650 eine GM-Norm) Gegnerschaft
  • drei Partien mit den weißen Steinen gegen schwächere Gegner, in denen Rainer nach der Eröffnung dank guter Vorbereitung mindestens klaren Vorteil hatte, diesen dann aber jeweils infolge u.a. einer unglücklichen Zeiteinteilung noch einstellte. Das krasseste Beispiel war in der letzten Runde, als er das hier noch verlor:
Rainer Polzin - Mikulas Manik ECC Ohrid (7)

Polzin-ManikWeiß gewinnt mit 38.Sd6! sofort, es kam aber leider 38.Sxb2? Dxb2 39.d6 Db6! 40. Tfa1?? (40.Td7 genügte vollkommen) 40...Dxd6 und bald 0:1

Schwierig zu sagen, wie so ein Absturz zustande kommt. Nerven, das fehlende Training, Pech, fehlendes Stellungverständnis... Rainer wusste es selbst nicht so genau. Fest steht jedenfalls, dass er in der kommenden Bundesliga-Saison alles daran setzen wird, diesen Auftritt beim Europacup vergessen zu machen. Achja, und wenn das oben nicht so deutlich herausgekommen ist, das gilt auch für mich.


3. Jan Lundin (2/7, -17,1 ELO)

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Ging deutlich cooler mit dem Misserfolg um, als die meisten: Jan Lundin

Der sympathische Schwede un unseren Reihen ist in meinen Augen ein typischer schachlicher Autodidakt. Soweit ich das richtig verstanden habe, hatte er nie einen richtigen Trainer und bringt sich das königliche Spiel gewissenhaft aus Büchern und Praxis im Internet bei ("Täglich eine halbe Stunde"). Auf diese Weise schaffte er innerhalb der letzten 7-8 Jahre den Sprung von einem Spieler mit ELO 2100 zu einem IM in spè, dem nur noch einige Pünktchen zum Titel fehlen. Im Moment spielt er einigermaßen viel Schach, früher lagen die Dinge anders.

Wie ich es häufig bei Spielern beobachtet habe, die sich ihre Ausbildung größtenteils nicht draußen auf der Straße, sondern zuhause im eigenen Sessel holen, sind die schachlichen Qualitäten in diesen Fällen oft sehr unregelmäßig verteilt. Jan ist dabei keine Ausnahme. Während mich sein Eröffnungsspiel und sein taktischer Ideenreichtum in Ohrid schlichtweg beeindruckte (er kann Eröffnungen deutlich besser als etwa ich!), stellte ich bei ihm einige Endspielschwächen und einen etwas wenig ausgeprägten Sinn für Gefahren fest. Fehlender Hang zum Pragmatismus. Und natürlich auch eine, mit dem letzten Punkt untrennbar verbundene Unsicherheit, jedes Mal, wenn es in die Zeitnotphase ging.
So kam es, dass Jan Schwierigkeiten hatte, eine Partie ganz auf dem in der Eröffnung eingeschlagenen hohen Niveau durchzuspielen. Er war derjenige von uns, der mit Abstand am meisten Chancen und Punkte wegwarf, alleine 2,5 in den letzten 3 Runden. Etwa in der letzten Runde:

Rafal Antoniewski - Jan Lundin ECC Ohrid (7)

Ant-Lundin Hier spielt man normalerweise ohne nachzudenken, 29...Sd5!, platziert das Tier nach c3 und erhält klaren Vorteil. Jan hat die Berliner Mauer bisher gegen den starken Großmeister vorbildlich behandelt, aber schickt nun den Springer auf eine Horrormission: 29...Sf5? 30.g4 Sg3 31.Te1 Jetzt kann der Springer nicht mehr heraus, wenn man ihn nicht sofort mit 31...Ld5 über das Feld e4 befreit. Aber Lundin zog nun 31...Tc6?? und nach 32.Le7! Td7 33.Lh4 war der Springer einfach weg und der e-Bauer bald durch.

Es ehrt Jan, dass er Misserfolge wie diesen, ganz im Stile eines Diplomaten stets mit betonter Fassung trug "Ich habe einiges gelernt." oder "Solche Züge hätte ich noch vor einem Jahr nicht gefunden.", aber abstellen wird er solche Fauxpas' erst können, wenn er Schach noch mehr als bisher im Sinne eines Kampfes und nicht wie eine Lehre oder eine Ausbildung betrachtet.
Aber dafür ist er jetzt schon ein unglaublich netter und unkomplizierter Zeitgenosse.


4.Rudi (5/7, +26,4 ELO)

Henrik Rudolf
Hatte im Laufe des Turniers, das er sich mit einer überfälligen ersten IM-Norm veredelt hat, am meisten zu lachen: Henrik Rudolf ("Rudi")

Es gibt immer jemanden, bei dem läuft es einfach. Egal was er anfasst, es klappt alles. Dieses Mal war Rudi der Glückliche in dieser Rolle.

Rudi machte eigentlich das was er immer macht : Dynamisch, aggressiv, immer nach vorne ausgerichtet angreifen. Aber er spielte diesmal einfach gut, bereitete sich gewissenhaft vor und erhielt, ganz im Gegensatz etwa zu mir, "seine" Stellungen aufs Brett. So kamen die Punkte einer nach dem anderen. Als Rudi bei 3,5/5 notierte und ihm vermutlich bereits ein Remis zur ersehnten IM-Norm reichen täte, spielte er mutig seinen geliebten Königsinder nach vorne und gewann seine beste Partie. Insgesamt eine starke Vorstellung des Rostockers, die sogar noch durch die nicht wirklich verdiente Niederlage gegen das alte Eisen Beljavski getrübt wurde. Auch da hatte sich Rudi vorher mit energischem Angriffsspiel mit Schwarz einen Vorteil erarbeitet.


5. Jan Wendt (4/7, +6,4 ELO)

Jan spielte hinten ein solides, fast schon etwas unauffälliges Turnier, baute aber gegen Ende, so wie der gesamte Rest etwas ab. Seine Schwarzsiege in den Runden 3 und 4 waren für die Mannschaft absolutes Gold wert, die Niederlage gegen Smirin in Runde 2 vermeidbar, die gegen Baklan un Runde 5 gerechtfertigt.
Dass es am Ende nicht auch für Jan für eine IM-Norm reichte, liegt an den zwei Remisen aus deutlich besseren Stellungen am Ende des Turniers. Zuerst hat sich Jan mit dem Verbraten an Unmengen von Bedenkzeit mit Weiß selbst ausgetrickst, bis die Stellung im Ausgleich versandete, danach unterschätzte er bei einem Massenabtausch im Mittelspiel, im Vertrauen auf seinen entfernten Freibauern ein lehrreiches Festungsmotiv im Läuferendspiel.
Es war für Jan beileibe kein schlechtes Turnier, aber auch er könnte aus meiner Sicht noch eine Prise Abgebrühtheit oder Pragmatizizät gut vertragen.

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Hielten hinten alles dicht: Jan Wendt und Stephan Bruchmann. Links Jan Lundin


6. Stephan Bruchmann (4/7, +4,8 ELO)

Stephan musste bei uns hinten auf Brett 6 den Abräumer spielen und das gelang ihm sehr vorbildlich. In der ersten Runde beim 5,5:0,5 gegen die Albaner noch mit dem Pech, das einzige Remis genau gegen einen ELO-Träger zu platzieren (man sollte allerdings erwähnen, dass dieser Spieler in der Folge durchscorte: 6,5/7 ), drehte Stephan das Turnier mit in der Folge 2/3 (darunter ein sicheres Remis gegen GM Golod) schnell zu seinen Gunsten. Der schöne Sieg in Runde 4 gegen den montenegrischen Grippeträger wurde allerdings mit dem teuren Preis der Ansteckung erkauft. Geschwächt fand Stephan am Folgetag das Remis gegen den ukrainischen GM Vysochin nicht und schob, sichtlich von der montenegrischen Grippe gezeichnet in Runde 6 ein Kurzremis ein. Nur um am letzten Tag (allerdings gegen einen nicht so starken Gegner) nocheinmal zuzubeißen und sich über 50% zu hieven, die ihm noch eine moderate ELO-Steigerung beschieden.
Daneben ist noch zu erwähnen, dass Stephan zusammen mit mir gewissenhaft die Verantwortung für den "Gute-Laune-trotz-Chaos-Faktor" geteilt hat und mindestens genauso viel zu dessen Gelingen beigetragen hat, wie euer Autor, so dass ich mich sehr gerne an seine zahlreichen Sprüche und Anspielungen erinnere.


Als Fazit bleibt festzuhalten: Ohrid und der See sind herrlich, das gute Essen und das "Skopsko"-Bier kriegt man nachgeworfen, für die "Musik" sollte man genügend Ohrstöpsel bereithalten, eine sechsstündige Fahrt durch Mazedonien ist stressig und durch die schachliche Traumatisierung die in dieser Woche stattfand, habe ich starke Zweifel, ob ich mich jemals in meinem Leben wieder in Ohrid ans Brett traue.

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Tschüüüss!

P.S. *Hust! Hust!* Ich bitte um besondere Wertschätzung für den Umstand, dass ich das alles gestern so oder so ähnlich schon einmal eingetippt hatte und mich tatsächlich noch einmal aufraffte, dieses titanische Werk zu wiederholen.

Dienstag, 13. Oktober 2009

Keine billige Ausrede...

Der große Abschlussbericht über unser Abschneiden in Ohrid mit ganz vielen bunten Bildern und detaillierten Betrachtungen über die einzelnen Spieler war schon verfasst und veröffnetlichungsfertig, doch dann folgte ein unvorsichtiger Druck aud die Delete-Taste... und das Tab-Fenster war geschlossen und etwa 2 Stunden Arbeit vergebens. Hatte ich so in der Form leider auch noch nie. Beim Schach kein Glück und jetzt kommt auch noch Pech dazu. Egal, ich brauche eine kurze Phase der Frustbewältigung und dann geht es weiter. Der Abschlussbericht kommt noch heute online. Hier schon mal ein paar Bilder vorweg als kleine Kostprobe.

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Ich hatte große Mühe, Photos zu finden, auf denen wir alle Sechs abgebildet sind. Hier, kurz vor Beginn der Runde 4, fehlt unser Raucher im Team. Dank der Null-Toleranz-Regel war aber jeder am Ende pünktlich an seinem Platz.

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Kurz nach der Landung in Thessaloniki. Kleines Quiz: Finden Sie den Schachprofi im Team! (Tipp: Er würde NIE NIE NIE sein Gepäck unbeaufsichtigt lassen, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen)

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Unser erstes Lokal in Mazedonien, knapp hinter der griechischen Grenze. Links der Fahrer, der diese Reise allein schon wegen ihrer Dauer unvergesslich gestaltete. 7 Stunden für 280 Kilometer! Das hätte man auch fast mit dem Fahhrad geschafft.

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Die Analysen gehörten bei den SF Berlin beim Abendessen traditionell genauso dazu wie etwa das "Skopsko"-Bier. Ganz wie etwa im Schulunterricht, waren einige über den Inhalt begeistert, andere schalteten teilweise völlig ab.

Schachfreunde Berlin in Ohrid: Rainer Polzin, Jan Lundin, Henrik Rudolf, "Cäptn Cook", Jan Wendt, Stephan Bruchmann
Auf der Anfahrt zum Spielort herrschte immer gute Stimmung...

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...wie auch beim Abendessen, nachdem zumindest die Phase der Enttäuschungsbewältigung überwunden war. An diesem Abend feierten wir Rudis IM-Norm, der sich ein Stück Pizza gönnte.

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Das nächtliche Ohrid am letzten Abend.

Freitag, 9. Oktober 2009

Super-GMs sind auch nur Menschen...

Schneider,Ilja (2500) - Onischuk,Alexander (2699) [C47]
ECC Ohrid (5), 08.10.2009

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1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.d4 exd4 5.Sxd4 Lb4 6.Sxc6 bxc6 7.Ld3 d5 8.exd5 cxd5 9.0–0 0–0 10.Lg5 c6 11.Df3 Ld6 12.Tfe1 Tb8 13.Sa4 h6 14.Lf4 Lg4 15.De3 Te8 16.Dd2 Le6

O1

Bisher alles schon mehrfach gehabt. Es folgt ein sinnvoller prophylaktischer Zug: 17.b3 stabilisiert den Damenflügel. 17...c5 18.h3 Auch das ist wichtig. [18.Lxd6 Dxd6 19.h3 Kann eine Zugumstellung werden, da Schwarz vermutlich b4 spielen wird. Der Zug h3 ist deshalb notwendig, damit ich nach Sg4 nicht g3 spielen muss.; 18.Tad1?! wäre zwar wünschenswert, aber es erlaubt 18...Lxf4 19.Dxf4 Tb4 20.De3 c4! 21.Lxc4 (21.Le2 Da5 22.c3 Tbb8) 21...Db8! (und nicht etwa 21...Lg4?? 22.Txd5+- (22.Dd2? "sah" ich in der Partie aber hier kommt 22...Lxd1 23.Dxb4? (23.Txd1 noch das Beste.) 23...Txe1+ 24.Dxe1 dxc4) ) 22.Le2 (22.Lf1 Lg4) 22...Ld7 23.Dd2 Lxa4 24.bxa4 Txa4] 18...Tb4 [18...Lxf4 19.Dxf4 c4 20.Lf1 Da5 21.Dd4 und ich wäre gern Weiß.] 19.Lxd6 Dxd6 Nun ist meine (Standard)-Idee der Vorstoß c2-c4, aber erst jage ich den Turm davon: 20.c3 Tbb8 [20...Th4 21.De3! Schlüsselzug. 21...c4 22.Dg3 Dxg3 (22...Tf4 Kann zum sofortigen Dauerschach führen. 23.Lc2 g5 24.bxc4 (24.De3 d4 25.cxd4 Ld7 26.Dd2 Txd4 27.Dc3 Lxa4 28.bxa4) 24...dxc4 25.Tad1 Da3 26.Te5 Dxa2 27.Txg5+ hxg5 28.Dxg5+ Kf8 29.Dh6+ Kg8 (29...Ke7?? 30.Dxf4 Dxc2 31.Dd6#) 30.Dg5+) 23.fxg3 Th5 24.Lc2=] 21.c4 Jetzt aber. 21...d4 [21...Tbd8 22.Tad1 d4 23.Da5 ist besser als Partie.] 22.Da5 [22.Sc3 a6 23.Se4 Sxe4 24.Txe4 Ich habe insgesamt in dieser häufigen Struktur negative Erfahrungen mit dem Springertausch gemacht, auch wenn die Stellung hier ausgeglichen ist.] 22...Tec8

O2

Jetzt kommt der Moment, der im Schach für mich besonders frustrierend ist: Man spielt gegen einen höher eingeschätzten Gegner eine gute Partie, aber schießt dann einen solchen Bock, der alles wieder kaputt macht. Meinen nächsten Zug kann ich nicht erklären. 23.Te2? [23.Dxa7 Ld7 24.Tab1 Ta8 25.Db7 Tcb8 26.Df3 Lxa4 27.bxa4 Txa4 war auch nicht zu empfehlen.; 23.Tad1 sinnvoll wäre es aber gewesen, einfach die Stellung weiter zu verbessern. Eine mögliche Folge: 23...Ld7 24.Sc3 Te8 25.Sb5 Lxb5 26.cxb5 Db6 27.Dd2 Sd5 28.Lc4 Sc3 29.Txe8+ Txe8 30.Te1 Txe1+ 31.Dxe1 Kf8 32.a4=] 23...Sh5 Als ich dies sah, zuckte ich kalt zusammen. Was hatte ich nur angerichtet? 24.Tae1?! Immerhin konsequent. 24...Sf4 25.Td2 Ich habe eine Menge Zeit verloren und nichts erreicht. Sein Sf4 steht absolut dominant und es sollte bald Probleme auf g2 oder h3 geben. 25...Ld7 [25...Tb7] 26.Lf1

Onischuk

Hier habe ich eigentlich schon keinen Pfifferling auf eine Rettung, geschweige denn auf einen Sieg gesetzt. Zu groß ist der Aktivitätsunterschied der Figuren. Dies ändert sich jetzt gleich schlagartig: 26...Dc7?? Für einen 2700er schon ein ziemlich krasser Fehler. Vor allem, auch ohne den Einsteller: Warum will er bitte die Damen tauschen? [26...a6 27.Sc3 Lc6 28.Se4 Dg6 29.Sg3 La8 war etwa möglich, allerdings habe ich hier noch 30.b4!³; 26...Df6 27.Tdd1 (27.Sxc5 Sxh3+ 28.gxh3 Dg5+ 29.Lg2 Txc5 30.Dxa7 Dxd2 31.Dxb8+ Tc8 32.De5 Te8 33.Dxe8+ Lxe8 34.Txe8+ Kh7 sollte auch gewinnen.) 27...Lc6 28.Kh2 Sxh3 29.Kxh3 Df4–+ zeigt, dass es auch schnell gehen kann, wenn Weiß nicht aufpasst.] 27.Dxc7 Txc7 28.Sxc5! Da sah er nun sein Unheil. Nakamura kam mehrfach am Brett vorbei und schüttelte den Kopf. 28...Txc5 29.Txd4 Sxh3+ 30.gxh3 Hier hatte ich realisiert, dass ich im Prinzip einfach eine Gewinnstellung geschenkt bekommen habe. Allerdings stand harter Widerstand ins Haus. 30...Lc6 [30...Le6!? halte ich für zäher.] 31.Lg2 Tb6 32.Te7 Tg5 33.Tg4 Ta5 34.Lxc6 Txc6 35.a4

O3

So weit, so gut. Nun überrascht er mich vollends: 35...a6?! Großmeisterliche Verteidigungstechnik?! Also ich hätte mittels [35...Tf6± meinen Turm aktiviert.] 36.Tf4 Tb6 [36...f6 37.Tg4 Tg5 (37...g5 38.Td4+-) 38.Tb7+-] 37.h4!? reicht wohl, ist aber zu trickreich. Nach der Partie wiesen mich alle auf [37.Tf3! hin, was ich einfach nicht gesehen, oder in seiner Wirkung vollkommen unterschätzt hatte. Schwarz kann aufgeben, denn ohne jegliches Gegenspiel wird ein Turm getauscht oder der f7 fliegt weg.] 37...Th5 [37...Txb3 38.Tfxf7+-] 38.b4!? [38.Kg2! Txb3 39.Tfxf7 Gewinnt im Vergleich zur Partie ein nicht unwichtiges Tempo, aber erlaubt etwas "Gegenspiel", da hier der Tb3 aktiv steht: 39...Txh4 40.Txg7+ Kh8 41.Th7+ Kg8 42.Teg7+ Kf8 43.Ta7 Tg4+] 38...Txb4 Muss. 39.Tfxf7 Txc4 40.Txg7+ Kh8

O4

Nun muss ich versuchen, einen Turm zu tauschen oder die beiden zur Passivität zu zwingen: 41.Th7+ Kg8 42.Teg7+ Kf8 43.Ta7 Kg8 44.Thg7+ Kh8 45.Th7+ Kg8 46.Thd7 Hier dachte Onischuk sehr lange nach. 46...Tf5? Macht es mir zu einfach. [46...Tc8 47.Txa6! Muss ich "riskieren". (47.Tg7+ Kh8 48.Th7+ Kg8 49.Tag7+ Kf8 50.Tg6 War meine Planung, aber hier ist 50...a5! überraschend zäh.) 47...Txh4 48.Tg6+ Kf8 49.a5 und es sollte gewonnen sein, aber nicht ohne kleine Schwierigkeiten. Beispiel: 49...Tc1+ 50.Kg2 Thh1 51.Tf6+ Ke8 52.Th7 Thg1+ 53.Kf3 Tc3+ 54.Ke4 Te1+ 55.Kd4 Tec1 56.a6 Tc4+ 57.Kd3 T1c3+ 58.Ke2 Tc2+ 59.Kf3 T2c3+ 60.Kg2 Tg4+ 61.Kf1 Tc1+ 62.Ke2 Tc2+ 63.Kd3 Ta2 64.Tb6] 47.Td8+ [47.Ta8+ Tf8 48.Txa6 Tg4+ 49.Kf1 Txh4 50.Tg6+ Kh8 51.a5 ist zu kompliziert.] 47...Tf8 48.Txf8+ Kxf8 49.Txa6 Txh4 [49...Kg7 50.Ta8 Txh4 51.a5 ist chancenlos, da Weiß einfach nach bekannten Mustern beide Bauern zum Anschlag durchzieht.]

O5

50.Ta7?! Methodisch, aber unkonkret gedacht. Vergibt das nicht sogar den Gewinn? [50.a5! Ta4 51.Ta8+ Ke7 (51...Kg7 52.a6 h5 53.a7 h4 54.f4 ist trivial.) 52.a6 Kd7 53.f4 (53.a7 Kc6 54.Tc8+ Kb7 55.a8D+ Txa8 56.Txa8 Kxa8 ist leider nur Remis, auch wenn man es nicht glauben will.) 53...Kc7 54.f5 Tf4 (54...Kb6 55.Tg8 Ta5 56.Tg6+ Ka7 57.Tf6 gewinnt auf der Stelle.; 54...Tg4+ 55.Kh2 Kb6 56.Kh3 h5 57.a7! Tf4 58.Th8 Kxa7 59.Txh5) 55.Th8 Kb6 56.Txh6+ Ka7 57.f6 Kxa6 58.Kh2 Kb7 59.Kg3 Tf1 60.Kg4 und 1:0] 50...Ke8 51.a5? [51.Kg2! ist eine Option, erst am Turm ein Tempo zu gewinnen, bevor er nach a4 darf. Das habe ich leider nicht betrachtet. 51...Kd8 52.Kg3 Tb4 53.a5 und gewinnt, das das eine Tempo enorm wichtig ist.] 51...Ta4 52.a6 Kd8 [52...h5 53.f4+-] 53.Kg2

O6

53...Kc8? [53...h5! ich finde hiernach einfach keinen Gewinn mehr! Der GM hätte seine Chance nutzen müssen! 54.f3 (54.Kg3 h4+ 55.Kh3 Kc8 56.Tg7 Txa6 57.Kxh4 Kd8 remis.) 54...Kc8 55.Ta8+ (55.Kg3 h4+ 56.Kh3 Tf4 57.Kg2 Ta4 58.Th7 Txa6 59.Txh4 und die Datenbank sagt Remis. 59...Kd7) 55...Kc7 56.Kh3 Ta3 (56...Tf4 57.Kg3 Tf6 58.a7 Kb7 59.Th8 Kxa7 60.Txh5 und Weiß setzt sich durch.) 57.Kg3 h4+ 58.Kg4 h3 59.f4 Kd7 60.Th8 Txa6 61.Txh3 Ke8] 54.Kg3 h5 55.f4! Ab jetzt ist es trivial. 55...h4+ 56.Kg4 h3 [56...Kd8 57.Ta8+ Kc7 58.a7 Kb6 59.Kg5 h3 60.Th8 Txa7 61.Txh3] 57.Th7 Txa6 58.Txh3 Kd7 [58...Tg6+ 59.Kh5 (59.Kf5 Tg8 60.Ke6) 59...Tg8 60.Td3 (60.f5?? Th8+ 61.Kg4 Txh3 62.Kxh3 Kd7= wäre die letzte Falle.) 60...Tf8 61.Td4 Kc7 62.Kg6 Kc6 63.f5+-] 59.Te3 Tg6+ 60.Kh5 Am Ende wird eine Standard-Brücke gebaut. Onischuk gab enttäuscht auf. 1–0

Schneider-Onischuk (pgn, 7 KB)
Schneider-Onischuk1 (cbv, 7 KB)

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Kaffeehausschach - Fr, 6. Nov, 10:02
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